Stadtgeschehen

Wohnst du noch oder lebst du schon?

Tanja Römmer-Collmann · 09.03.2020

© Ihor Biliavskyi – iStock

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Immer wieder tun Familien sich schwer, in Düsseldorf eine geeignete und erschwingliche Mietwohnung zu finden. Wie ist die Lage auf dem Wohnungsmarkt und wo gibt es Hilfe, Rat und Unterstützung?

Gesetzt der Fall, eine Familie, die das zweite Kind erwartet, sucht eine Wohnung in Düsseldorf, weil die ursprüngliche Zweizimmerwohnung des Elternpaares mit 60 Quadratmetern einfach zu klein wird. Bei der ersten Immobiliensuche im Internet geben sie drei, vier zentrale Stadtteile ein, suchen nach drei Zimmern ab 80 Quadratmetern. Mietpreis bis 1000 Euro kalt … Eine Momentaufnahme ergibt sechs Treffer, davon liegen allerdings drei Wohnungen an großen Hauptstraßen. Ein Angebot erscheint vielversprechend, auch wenn es etwas außerhalb des eigentlichen Suchgebiets liegt: Eine Erdgeschosswohnung mit einem geräumigen Kinderzimmer von 22 Quadratmetern für gut 1200 Euro warm. Es gibt einen Garten, dessen Pflege dem Mieter obliegt. Ob das für die junge Familie ein Option ist?


Immer geht's um den Preis

"Der Wohnungsmarkt für Familien ist im Segment des preisgünstigen Wohnens angespannt", weiß auch Thomas Nowatius, Leiter des Düsseldorfer Amtes für Wohnungswesen. Einen Grund sieht er darin, dass preisgünstige Mietwohnungen fast einer Null-Fluktuation unterliegen, allerdings steige die Zahl der geförderten Mietwohnungen von Jahr zu Jahr und auch die Zahl der erteilten Baugenehmigungen steige. "Zudem unterstützt die Landeshaupt Düsseldorf Familien mit Wohngeld." Seit Anfang des Jahres ist eine Wohngeld-Novelle in Kraft, die Familien deutlich mehr Wohngeld gewährt (siehe Infokasten). Denn fürs Wohnen, so lautet eine Faustregel, sollte eine Familie nicht viel mehr als etwa 30 Prozent ihres Nettoeinkommes ausgeben. „Nicht selten sind es allerdings 40 oder sogar 50 Prozent“, weiß Hans-Jochem Witzke, Erster Vorsitzender des Mietervereins Düsseldorf, „was natürlich bei einem ohnehin niedrigen Einkommen noch schwerer ins Gewicht fällt als bei einem sehr hohen Einkommen.“


Wem gehört die Stadt?

Der Mieterverein Düsseldorf ist eine Anlaufstelle für alle Mietersorgen und der zweitgrößte Mieterverein in NRW. Er bietet seinen Mitgliedern professionelle Rechtsberatung, Hilfe und Schutz in Fragen rund um die eigene Wohnung - ob das nun die Miete ist, die Nebenkostenabrechnung, Mängel und Schäden in der Wohnung oder die Rückforderung der Kaution (siehe Infokasten). "Wohnungen werden von Investoren und Vermietern als eine Handelsware angesehen", sagt Hans-Jochem Witzke und gibt zu bedenken, dass das Wohnen ein Grundbedürfnis des Menschen sei. Rein finanziell und rechtlich gesehen gehört ein Großteil der Stadt – Grund und Boden sowie die darauf errichteten Gebäude - den Vermietern, den Investoren, den Eigentümern. Aber wer oder was macht das Leben in der Stadt aus? Die großen Immobilienfirmen, die Mietwohnungen errichten und damit letztendlich – häufig sogar an der Börse notiert – ihr Kapital vermehren? Oder die Menschen, die in den Wohnungen leben, in der Stadt einkaufen und ins Kino gehen, ihre Kinder in Kitas bringen und zu Schulen schicken? Diesen Grundsatzfragen müssen sich alle Städte stellen und verfolgen unterschiedliche Ansätze, ob und mit welchen Maßnahmen die Politik steuernd auf den Wohnungsmarkt einwirkt.


Milieu schützen

Ben Klar von der Initiative „Wohnen bleiben im Viertel“ setzt sich mit seinen Mitstreiter*innen dafür ein, dass Düsseldorf eine sogenannte Milieuschutzsatzung bekommt. „Viele Familien verlassen ihre Wohnungen, weil Häuser hochpreisig modernisiert werden und sie dann steigende Miete irgendwann nicht mehr zahlen können“, führt er aus. Dabei seien viele als „Modernisierung“ und damit auf die Mietnebenkosten umlegbare Arbeiten gar keine Modernisierungen, sondern notwendige Sanierungsarbeiten, um die Wohnung in einem zumutbaren Zustand zu halten – das ist aber dann Vermietersache und kann nicht auf die Miete angerechnet werden. Ein weiteres Instrument für den Milieuschutz sei ein Vorkaufsrecht der Stadt bei Immobilienverkäufen. Denn seit der Finanzkrise sind Grundstückskäufe und Weiterverkäufe sowie Abrisse und Neubauten ein wichtiges Spekulationsgeschäft an den Finanzmärkten. „Über das Vorkaufsrecht kann die Stadt Einfluss nehmen auf die Konditionen, zu denen Investoren neue Bauprojekte planen und umsetzen“, erklärt Klar. In beispielsweise Köln gibt es seit Neuestem eine Milieuschutzsatzung für das Severinsviertel, weitere Veedel sollen folgen, um die dortigen Mieten auf einem mittleren Preisniveau zu stabilisieren. Wer sich in Düsseldorf für eine solche Satzung einsetzen möchte, kann das entsprechende Bürgerbegehren unterstützen (siehe Infokasten).

 

Bodenspekulation

Im Sinne der Familien, die eine Wohnung suchen oder ihre Wohnung behalten möchten, setzt sich auch die Inititative „Wohnen für alle“ ein, die vor allem die Verhältnisse in Düsseldorf-Bilk und anliegenden Stadtteilen unter die Lupe nimmt. Mitbegründer Horst Kraft sagt: „Da Handlungskonzept Wohnen der Stadt sieht vor, dass Neubauprojekte mindestens 40 Prozent preiswerte Wohnungen verwirklichen sollen. Nach den Zahlen, die wir für Bilk zusammengetragen haben, waren es in den vergangenen sieben Jahren aber nur 4,5 Prozent Sozialwohnungen sowie 2,5 Prozent preisgedämpfte Wohnungen in den Neubauprojekten – zusammen also sieben statt 40 Prozent“, führt er aus. Nach seiner Einschätzung ist das Gebiet südlich der Innenstadt seit einigen Jahren höchst interessant für Bodenspekulanten. „Durch mehrfache, immer teurere Wiederverkäufe macht der Bodenpreis am Ende 50, in Extremfällen sogar 80 Prozent der Investitionskosten aus“, sagt er. Das schlage sich dann natürlich in den Mieten der Neuwohnungen nieder. „Wohnen für alle“ fordert eine wohnungspolitische Wende und sucht vor Ort den Kontakt zu Betroffenen ebenso wie zu Investoren (Kontakt siehe Infokasten).


Das Genossenschaften

Genossenschaften verwirklichen die Idee, dass Mieter Anteilseigner sind und die Wohnobjekte gemeinschaftlich besitzen. In Düsseldorf gibt es eine Handvoll großer, traditioneller Wohngenossenschaften, die zusammen Tausende von Mitgliedern haben und eine noch größere Anzahl von Wohnungen bewirtschaften - Beispiele sind die Düsseldorfer Wohngenossenschaft (DWG), den Eisenbahner Bauverein (EBV) oder die Wohnungsgenossenschaft Düsseldorf-Ost (Wogedo). Der Haken an der Sache: Viele Genossenschaften nehmen keine neuen Mitglieder mehr auf oder, wenn doch, haben lange Wartelisten für die wenigen frei werdenden Wohnungen. Alternativen sind neue, kleinere Genossenschaften, die sich als sogenannte Wohnprojekte neu gründen wie zum Beispiel, allerdings in Ratingen, die Genossenschaft "Wohnen innovativ in Ratingen" (WiR). Um für die geplanten 44 Wohnungen in zentraler Lage eine passende Mischung von Alt und Jung zu finden, werden aktuell insbesondere noch Familien gesucht. „Wir möchten eine lebendige Nachbarschaft mehrerer Generationen“, erklärt Ulrike Müller von WiR, „über 55-Jährige haben wir inzwischen genug, aber Familien und junge Leute können sich noch bei uns bewerben.“ 19 Wohneinheiten sind noch frei, davon auch sieben finanziell geförderte. Jeden Monat findet ein offener Informations-Workshop statt (siehe Infokasten).

"Familien, die eine Wohnung suchen, brauchen Geduld, viel Glück und einen langen Atem", weiß Hans-Jochem Witzke vom Düsseldorfer Mieterverein. Da hat er wohl Recht ... Und den Anbieter der Erdgeschoss-Gartenwohnung sollte unsere Beispielfamilie auf jeden Fall einmal kontaktieren.

 

Den Infokasten git es auf Seite zwei!

Tags: Mieten , Wohnen

Kategorien: Stadtgeschehen