Stadtgeschehen

Warum dürfen wir nicht wählen?

Tanja Römmer-Collmann · 29.07.2019

© Landeshauptstadt Düsseldorf/Michael Gstettenbauer.

© Landeshauptstadt Düsseldorf/Michael Gstettenbauer.

Kindersprechstunde im Rathaus: 15 Schüler der Jan-Wellem-Schule haben Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD) besucht – die Libelle war exklusiv dabei.

Die 14- bis 16-Jährigen hatten eine Liste mit Fragen vorbereitet, aber rasch kamen sie mit dem OB auch über andere Themen ins Gespräch und äußerten ihre Wünsche und Gedanken. Die Sprechstunde ist der Auftakt zu regelmäßigen Kindersprechstunden mit Bezirkspolitikern in den Stadtteilen.

Oberbürgermeister Thomas Geisel: Guten Morgen, schön, dass ihr mich besuchen kommt. Ich habe ja selbst fünf Töchter und auch die beschweren sich manchmal darüber, dass sie in der Stadt zu wenig angehört werden und mitreden dürfen. Daher finde ich es ganz toll, dass wir heute eine regelmäßige Reihe von Sprechstunden von Kindern und Jugendlichen mit Politikern starten. So erhalten wir Politiker Einblicke in die Perspektiven von Kindern und Kinder erfahren mehr über die Entscheidungen, die ihre Lebenswelt betreffen und wie diese zustande kommen. Was für Fragen habt ihr denn vorbereitet?

Pino: Haben Sie als Oberbürgermeister viel zu tun?
OB Thomas Geisel: Ja, ich habe schon ziemlich viel zu tun. Heute bin ich zum Beispiel schon um 6.45 Uhr beim ZDF gewesen für ein Fernsehinterview. Und nachher haben wir eine Ratssitzung mit 54 Tagesordnungspunkten und 35 Unterpunkten. Die geht bestimmt bis nach 8 Uhr abends – und danach bin ich noch mit meiner Frau in Köln verabredet. Viel Schlaf bekommt man als OB nicht. Ganz wichtig in dem Job ist: Man muss die Menschen mögen. Und das ist bei mir bis heute so.

Mario: Wie sind Sie Oberbürgermeister geworden?
OB Thomas Geisel: Das war viel Arbeit, aber sicher auch ein bisschen Glück. Zuerst bin ich von der Partei als Kandidat aufgestellt worden, da kannte mich noch keiner – aber es hat auch keiner vermutet, dass die SPD in Düsseldorf die Wahl gewinnen würde. Nur meine Frau und ich haben damals schon daran geglaubt, dass ich Oberbürgermeister werden könnte. Aber dann wurden es immer mehr Leute, die an mich geglaubt haben, auch weil ich viel Zeit für den Wahlkampf hatte und durch die tolle Unterstützung meiner Familie. Gleichzeitig hat der Gegenkandidat ein paar Fehler gemacht. So bin ich am Ende mit rund 60 Prozent der Stimmen gewählt worden.

Mario: Kennen Sie unsere Schule?
OB Thomas Geisel: Dem Namen nach auf jeden Fall. Was ist euch denn dort wichtig, was liegt euch auf dem Herzen?

Mario: Wir haben nur eine ganz kleine Turnhalle. Und bald gar keine mehr.
OB Thomas Geisel: Wieso, was ist da los?
Berkay: Wir machen Sport nebenan, in der Turnhalle der Wim-Wenders-Schule. Und dort wird bald gebaut. Dann können wir da nicht mehr hin.
OB Thomas Geisel: Okay, das verstehe ich. Die Stadt baut zurzeit wahnsinnig viel an den Schulen und ganz viele neue Turnhallen. Wenn die alle fertig sind, stehen wir wirklich gut da. Aber natürlich braucht ihr auch während des Umbaus eine vernünftige Turnhalle. Ich werde dazu mal mit Florian Dirszus vom Schulverwaltungsamt sprechen. Der weiß, wo bei euch in der Nähe vielleicht noch eine Turnhalle frei ist, die ihr in der Zwischenzeit nutzen könntet.

Pino: Warum wird die Wim-Wenders-Schule für 69 Millionen Euro neu gebaut und unsere Schule nicht?
OB Thomas Geisel: Wir haben sehr viele Schüler an den Gymnasien, die alle untergebracht werden müssen. Die Schülerinnen und Schüler des Wim-Wenders-Gymnasiums lernen jetzt in sehr beengten und alten Räumen. Daher sieht das Schulkonzept vor, dass diese Schule erneuert und größer gebaut wird.
Pino: Aber unsere Toiletten sind furchtbar, der Schulhof ist zu klein und viele Klassen haben noch nicht mal einen Vorhang.
OB Thomas Geisel: Wisst ihr was? Am besten komme ich mal bei euch vorbei und ihr zeigt mir vor Ort, wo die Probleme sind. Vielleicht schaffen wir das ja sogar noch vor den Ferien? Sonst möglichst rasch im September.

Pino: Warum wurde die Erich-Kästner-Schule geschlossen?
OB Thomas Geisel: Leider kann man Schulen, wenn sie zu klein werden, nicht mehr vernünftig betreiben. Die Sporthalle, die Lehrer, die ganze Ausstattung – wenn zum Beispiel nur noch vier Klassen da sind, lohnt sich der große Aufwand nicht mehr. Da spielt natürlich auch das Geld eine Rolle.

Mario: Bei uns kommen viele Eltern aus anderen Ländern. Wieso dürfen Menschen mit unbefristeter Aufenthaltserlaubnis nicht wählen?
OB Thomas Geisel: Das wird leider nicht in Düsseldorf entschieden. Immerhin dürfen ja Menschen aus Ländern der EU bei Kommunalwahlen wählen. Ich persönlich finde auch, dass Menschen, die hier dauerhaft leben, auch wählen dürfen sollten. Aber da müsstest du mal bei unseren Bundestagsabgeordneten nachfragen wie Frau Zimmermann oder Herrn Jarzombek.

Mohamed: Und warum dürfen wir nicht wählen?
OB Thomas Geisel: Das habe ich auch nie verstanden. Schließlich betreffen die Entscheidungen der Politiker die Zukunft, zum Beispiel beim Thema Klimaschutz. Und Kinder und Jugendliche haben ja am meisten Zukunft vor sich. Ich gehe aber davon aus, dass Eltern, die ja Gutes für ihre Kinder wollen, so wählen, dass es am besten für die Kinder ist.

Pino: Was kann man gegen die AfD machen?
OB Thomas Geisel: Auf jeden Fall, dass man sie nicht wählt. Und dann sollte man sie entlarven und zeigen, dass sie Ängste schürt und damit die Gesellschaft spalten, den sozialen Frieden und den Zusammenhalt zerstören möchte. Ich hoffe aber, dass Ausländer sich in Düsseldorf nicht angefeindet fühlen. Hier im Rheinland machen wir schon seit 150 Jahren gute Erfahrungen mit Zuwanderern. Düsseldorf wäre nicht so eine schöne und gut gestellte Stadt ohne die Menschen von anderswo.

Mario: Unser Bus beim Schülertransport ist ohne Klimaanlage und die Fenster kann man nicht öffnen. Da drin ist es oft 35 Grad warm. Und manche von uns müssen eine halbe Stunde damit fahren, zum Beispiel von Gerresheim nach Oberbilk.
OB Thomas Geisel: Oh je, das klingt gar nicht gut. Diese Bitte nehme ich gern auf und frage mal nach.

Mario: Wieso sind nicht überall in Düsseldorf gute Radwege, zum Beispiel am Worringer Platz?
OB Thomas Geisel: Der Fortschritt ist eine Schnecke! Aber im Ernst: Wir haben den Hebel umgelegt und schon viele Radwege gebaut. Es fahren heute doppelt so viele Leute mit dem Rad in der Stadt wie noch vor fünf Jahren. Aber du hast Recht, die Autofahrer haben noch zu oft Vorfahrt. Gerade heute wollen wir im Stadtrat einen Beschluss zum Radweg am Worringer Platz fassen.

Pino: Machen Sie in diesem Sommer Urlaub?
OB Thomas Geisel: Die Kinder haben eigene Pläne und nehmen an Austauschprogrammen teil. Vielleicht schaffen wir es, eine Woche zusammen eine Radtour zu unternehmen.
Mohamed: Sollte man Zigaretten verbieten?
OB Thomas Geisel: Tja, das ist mal eine Idee! Ihr raucht doch hoffentlich nicht? Ich habe 20 Jahre lang geraucht und eine meiner größten Leistungen war es, damit von einem Tag auf den anderen aufzuhören.
Mario: Sind Sie bei Instagram?
OB Thomas Geisel: Ja, das bin ich. Aber das macht alles meine Frau für mich. Instagram, Snapchat und das alles – kenne ich von meinen Töchtern. Habt ihr jetzt Lust auf eine Rathausführung? Dann zeige ich euch zuerst noch rasch mein Büro.



Kindersprechstunde
Der Besuch von 15 Schülern der Jan-Wellem-Förderschule beim Oberbürgermeister ist der Auftakt zu einer Reihe von Kindersprechstunden, die im nächsten Schuljahr in den Stadtbezirken mit den ehrenamtlichen Bezirksbürgermeister*innen stattfinden. „Kinder und Jugendliche bekommen die Möglichkeit, ihre Interessen und Bedürfnisse zu äußern, sich bei politischen Entscheidungen zu beteiligen und für ihre eigenen Rechte einzutreten. Partizipation bedeutet nicht automatisch, dass Forderungen gestellt werden müssen, sondern vor allem, dass Kinder mit Politikern in Gespräche kommen“, erklärt Tobias Schenkel vom Kinderschutzbund, der diese Aktionsreihe initiiert hat.

Jan-Wellem-Schule
Kinder von der ersten bis zur zehnten Klasse besuchen die städtische Förderschule mit Standorten an der Franklinstraße und der Oberbilker Allee. Förderschwerpunkte sind das Lernen sowie die emotionale und soziale Entwicklung. Die Schule nimmt an der Initiative „Kein Abschluss ohne Anschluss“ der Landesregierung teil und wird derzeit von etwa 270 Schülerinnen und Schülern besucht. Der Unterricht orientiert sich an der allgemeinbildenden Schule, ist aber stärker auf die individuellen Fähigkeiten und Förderbedarfe abgestimmt und bietet mehr Zeit für das Üben und Trainieren von Fertigkeiten.

Tags: Kinderrechtskonvention , Kindersprechstunde

Kategorien: Stadtgeschehen