Stadtgeschehen

Günter Haverkamp – Spezialist für aktionsgestützte Bildungsarbeit

Pia Arras-Pretzler · 27.05.2020

© Andreas Endermann

© Andreas Endermann

Im Porträt: Als Mitgründer des „Weißen Friedensbandes“ hat Günter Haverkamp keine Scheu vor schweren Themen in der Kinder- und Jugendarbeit.

Derzeit ist ja alles anders, aber wem erzähle ich das ... Deshalb treffe ich meinen Interviewpartner das erste Mal in der Geschichte unserer Libelle-Porträtserie nicht persönlich, sondern per Zoom-Videokonferenz. Das Besondere daran: Das passiert zu einem Zeitpunkt, als der Rest der Welt mehr oder weniger fröhlich draußen herumläuft und sich noch niemand vorstellen kann, was auf uns zukommt. Günter Haverkamp (72) schon. „Wir müssen das alles noch viel ernster nehmen“, vermutet er Anfang März und kümmert sich um diese Zeit bereits darum, seine Inhalte online anzubieten. Und die haben es in sich. Bei meinen Recherchen zu Haverkamps Plattform „Weißes Friedensband“ frage ich mich: Geht’s vielleicht noch etwas düsterer? Jedes einzelne Thema tut weh – Rassismus, Kinderprostitution, Beschneidung, um nur einige zu nennen –, und Günter Haverkamp möchte damit vor allem Kinder und Jugendliche erreichen!? Kann das klappen?

Im Gespräch erweist sich der Hüter der schweren Themen als neugieriger, begeisterungsfähiger und realistisch-angstfreier Mensch, der im Lauf seines Lebens erkannt hat, dass es vor allem die Jugendlichen sind, mit denen er arbeiten möchte. Erwachsene sind seiner Erfahrung nach eher festgelegt, meist sehr eingebunden in ihre Strukturen, und haben im Grunde ihres Herzens keine Lust auf Veränderung. Günter Haverkamp selbst scheint in diesem Sinn nie richtig erwachsen geworden zu sein. Aufgewachsen in rauen Verhältnissen in Duisburg-Marxloh, machte er zunächst eine Lehre als Speditionskaufmann. Obwohl er von sich erzählt, dass er nach einer Schulzeit, die von Demütigungen und Entmutigung gekennzeichnet war, „ein gebrochenes Selbstbewusstsein“ hatte, klettert er die Karriereleiter schnell nach oben. „Ich war fleißig und hatte eine schnelle Auffassungsgabe. Nur irgendwann kommt man nicht mehr runter vom Baum, wenn man einmal oben ist.“ Haverkamp soll in dem Speditionsbetrieb, in dem er arbeitet, stellvertretender Niederlassungsleiter für Teheran werden, verbringt mehrere Monate im Iran („Ein Traum!“), und gründet schließlich selbst eine Spedition für den Nahen und Mittleren Osten. Der Erste Golfkrieg (1980 – 88) bringt ihn ins Grübeln, was er da eigentlich so treibt. Gegenüber seinen Kunden besteht er deshalb auf Transparenz, um nicht unwissentlich Kriegsmaterial zu liefern, was überraschenderweise nicht zu einem Rückgang seiner Aufträge führt.

Kindheitserinnerung:

„Ich habe in meiner Kindheit und Jugend so viel Gewalt erlebt, dass ich Angst hatte, unter großem Stress mit ohnmächtigem Zorn zu reagieren. Deshalb habe ich mich nie getraut, eigene Kinder zu haben.“

Haverkamp vertieft sich in die Themen Krieg und Asyl, gründet eine Zeitschrift dazu, wird erster Geschäftsführer des Flüchtlingsrats NRW. Der Autodidakt arbeitet mehr als 30 Jahre als selbstständiger Journalist, lebt einige Jahre in Hamburg, und kehrt als Eine-Welt-Promotor nach Düsseldorf zurück. Als Anfang 2003 der Irakkrieg bereits in der Luft liegt, überlegt Haverkamp mit Kollegen, ein Zeichen für Frieden und gewaltlose Konfliktlösung zu setzen. Viele Symbole fallen aus – zu christlich, zu links –, man einigt sich auf eine weiße Schleife, die weltweit auf große Resonanz stößt. Aus dieser eigentlich auf wenige Wochen angelegten Aktion entsteht der Verein „Weißes Friedensband“, der Jugendlichen Werkzeuge an die Hand geben soll, an sozialen und politischen Prozessen teilzuhaben. Im Moment eben online. Dafür hat er den Seminarraum in Düsseldorf-Bilk kurzerhand zum Youtube-Filmstudio umfunktioniert. Übrigens: Die harten Themen, so Haverkamp, sind für ihn vor allem Aufhänger, um mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Ihnen eine Möglichkeit zu geben, bestimmte Bereiche ihres Lebens zu reflektieren und eine eigene Haltung dazu zu entwickeln. Haverkamp hat sich für das Foto auch nicht zufällig vor die umgedrehte Weltkarte der Künstlerin Myriam Thyes gestellt: „Manchmal muss man die Welt auf den Kopf stellen, um Dinge neu zu sehen.“

Tags: Aktion Weißes Friedensband , Günter Haverkamp , Porträt

Kategorien: Erziehung , Stadtgeschehen