Nachhaltigkeit

Geteiltes Glück – doppeltes Glück

Andrea Vogelgesang · 27.05.2019

© harmpeti _iStock

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In der Mai-Ausgabe der Libelle widmen wir uns ganz dem allgegenwärtigen Thema „Teilen“. Wir freuen uns, wenn ihr Anteil daran nehmt!

Mit dem Teilen ist das ja so eine Sache, besonders bei kleinen Kindern: „Die hat aber mehr als ich!!“ Auch Erwachsene sind häufig darauf bedacht, dass ihnen bloß kein Nachteil entstehe … Unsere über die ganze Stadt verteilten Autorinnen und Autoren haben lauter mitteilenswerte Gedanken zusammengetragen, an denen sie uns alle teil- und Anteil haben lassen möchten.

Wer etwas teilt, zum Beispiel von seinem Kuchenstück einem oder mehreren Mitessern etwas abgibt, hat mathematisch gesehen am Ende weniger, nämlich die Hälfte, ein Drittel oder nur ein Viertel: So gesehen könnte man also sagen, vielleicht noch Hunger und damit einen Nachteil. Auf emotionaler Ebene allerdings spielt sich etwas Gegensätzliches ab, gemeinhin bekannt aus dem Sprichwort: „Geteiltes Glück ist doppeltes Glück“ – oder nach buddhistischer Sichtweise: „Happiness never decreases from being shared.“

Vorzüge des Teilens
Allein etwas Schönes zu erleben oder traurig zu sein, ist in der Qualität des Gefühls nicht vergleichbar damit, seine Erfahrungen mit einem Mitmenschen zu teilen. Das vermeintliche Manko des Teilens im Kampf um Mein oder Dein bezieht sich also eher auf eine materielle Ebene, auf das Habenwollen: Spielzeug, Kleidung, Auto oder Haus … Für kleine Kinder bildet das Abgeben-Lernen eine wichtige Phase in der Ich-Entwicklung, zu der zuvor auch der vehemente Anspruch auf Alleinbesitz gehört. Doch auch schon die Kleinen erahnen die Vorzüge des Teilens – wenn zum Beispiel die zweijährige Marie ihren Puppenwagen kurzzeitig einem anderen Kind überlässt und dafür dessen neuen Roller probefahren darf ... Hier ist immer wieder Geduld gefragt und  Eltern sollten nichts erzwingen, sonst kann das Teilen als Übergriff erlebt werden. Nur freiwillig und mit innerer Bereitschaft wird es als wohltuend empfunden. Seit jeher gilt in der christlichen Theologie das Teilen als eine Tugend. Und rein weltlich gesehen macht es ganz einfach auch Spaß und stärkt die sozialen Bande – in allen Generationen.  

Bitte mitnehmen!
Die Freude am Teilen zeigt sich in ständig neuen, kreativen Ideen schon im Alltäglichen. In vielen Treppenhäusern stehen vollgepackte Kisten mit der Aufschrift: „Gern zum Mitnehmen“, in denen ausrangierte Bücher, Spielzeug, Haushaltsgegenstände oder Kleidungsstücke den Nachbarn angeboten werden und jeder selbst wiederum auch fündig werden kann – eine Givebox im Kleinen, so wie es sie im Großen auf Straßen und Plätzen für Bücher, aber auch andere Dinge schon länger gibt. Oder vom Mittagsessen ist so viel übriggeblieben, dass man es der netten Nachbarin vorbeibringt. Das Schöne daran ist die wachsende Selbstverständlichkeit, mit der immer mehr Menschen zum Teilen bereit sind. „Wenn ich etwas ausgemistet habe, was ich nicht mehr benutze, fühle ich mich wie bereinigt. Und gebe ich es dann an andere weiter, ist die Freude umso größer“, berichtet Julia, die gerade einen Karton mit nicht mehr gebrauchten, aber gut erhaltenen Sachen zusammengestellt hat.

Viele Teile, ein Ganzes
Unter jungen Müttern ist es schon seit Generationen Usus, Kinderkleidung untereinander weiterzugeben, sei es nun an die Freundin oder die Freundin der Freundin und so weiter. Bei den Wegen von und zum Kindergarten oder zur Schule, in Form einer Fahrgemeinschaft oder als Begleitung zu Fuß, wechseln sich immer mehr Eltern ab – und teilen sich damit die täglichen Aufgaben. Ältere Menschen teilen als Vorlese- oder Leih-Omas und -Opas ihre Zeit mit Kindern aus der Nachbarschaft. In Haus- und Wohngemeinschaften kochen Mütter reihum für den Mittagstisch. Sobald Aufgaben von mehreren übernommen werden, wird der Alltag leichter und das Miteinander fühlt sich einfach besser, wärmer an. Jeder und jede nimmt Anteil und ist aktiv eingebunden.

Besitz belastet
Eine funktionierende Gemeinschaft ist wohltuend und stärkt den Gemeinschaftssinn und das Gefühl, einem Ganzen anzugehören, das gelungene partielle Zusammenleben – sei es in der Nachbarschaft, mit den Familien aus der Kita, im Büro oder dem Sportverein – vermittelt Geborgenheit. Und: „Wer was hat, hat Angst“, weiß ein weiteres Sprichwort. Denn während alleiniger Besitz auch finanzielle Sorgen mit sich bringt, entlastet gemeinsames Eigentum. „Wir nutzen mit zwei Nachbarfamilien ein Auto. Das klappt super und da wir es nur einmal in der Woche zum Großeinkauf brauchen, steht der Wagen an den anderen Tagen nicht ungenutzt rum. Wir sparen bei den Kosten für Parkplatz, Reparaturen und Versicherung“, erzählt David begeistert.

Teilen ist nachhaltig
Darüber hinaus geht es auch um Nachhaltigkeit – ein nicht zu unterschätzender Aspekt angesichts immer knapper werdender Ressourcen und vermehrter Umweltschäden. Rücksichtnahme sowohl auf Zeitgenossen als auch auf kommende Generationen ist gefragt und dabei ist lokales Handeln immer auch im globalen Sinne wertvoll. Nachhaltige Ideen sind unkompliziert, das zeigen Start-ups wie Car-Sharing, Tauschring und viele andere Innovationen, die naheliegend und kreativ zugleich sind. Und es sollte nicht vergessen werden, dass kaum ein Mensch Gefühle und Gedanken bei sich behalten kann und will. Im Austausch mit dem Gegenüber erfahren wir uns selbst, fühlen uns lebendig. So fällt es zum Beispiel auch sehr schwer, ein anvertrautes Geheimnis nicht teilen zu können – nicht selten wird es irgendwann doch ausgeplaudert ... Ein Zitat der berühmten amerikanischen Ethnologin Margaret Mead fasst den Beitrag jeder einzelnen Person in ihrer jeweiligen Gemeinschaft treffend zusammen: „Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe engagierter Menschen die Welt verändern kann – tatsächlich ist dies die einzige Art und Weise, in der die Welt jemals verändert wurde.“ Ja, damit meint sie auch mich und dich! Fangen wir also noch heute an, in unserem persönlichen Umfeld initiativ zu werden, Visionen und Ideen zu teilen und unseren Beitrag zu leisten, die von und mit allen geteilte Welt zu verändern.

Tags: Familie , Gesellschaft

Kategorien: Nachhaltigkeit