Nachhaltigkeit

Einmal bitte ohne Tüte

Eva-Melina Gibson-Gilljohann · 14.05.2018

© Fotoline / Photocase

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40 Tage plastikfreier Selbstversuch: Libelle-Autorin Eva-Melina Gibson-Gilljohann probiert, möglichst ohne Tüte, Folie und Co. auszukommen.

„Müll in der Tiefsee“, „Plastik in Salz“, „Plastikpartikel als Ursache von Fruchtbarkeitsproblemen“ - fast kein Tag vergeht ohne eine Hiobsbotschaft zum Thema Plastikmüll. Und doch hielt mich der stressige Alltag lange Zeit davon ab, umweltverträglichere Wege zu gehen. Nachdem der Müll bei mir bereits seit langer Zeit nur noch mit schlechtem Gewissen im Eimer landet, beschließe ich einen Versuch zu wagen – und 40 Tage keinen Plastikmüll zu produzieren.

„Nichts leichter als das“, sage ich mir an diesem Nachmittag und packe siegessicher meine Jutebeutel, eine Tupperdose und drei bereits benutzte Tütchen für Obst und Gemüse ein. Auf dem Weg  in den Supermarkt befülle ich noch schnell meinen Mehrwegbecher mit Kaffee und trinke ein paar Schlücke Wasser aus meiner Trinkflasche. „Läuft doch wie geschmiert“, denke ich mir Minuten, bevor ich gnadenlos auf den Boden der Tatsachen befördert werde. Die Ernüchterung beginnt beim bloßen Anblick der Supermarktregale: Die meisten Waren sind für mich von vorneherein tabu. Und selbst die Mehrheit der vermeintlich plastikfreien Kartonverpackungen enthält noch ein extra Plastiksäckchen. Puh, so stark bewusst war mir das vorher nicht.

Das Tupperdosen-Desaster

Mit einem spartanisch gefüllten Einkaufskorb erreiche ich die Käsetheke. Stolz überreiche ich der Verkäuferin meine Tupperdose und bitte um ein Stück Gouda. Die Verkäuferin schaut mich bloß skeptisch an und fragt: „Wat soll ich denn damit?“ Stotternd und mit hochrotem Kopf versuche ich ihr mein Vorhaben zu erklären, doch sie schüttelt nur den Kopf. „Nee, junge Frau, dat darf ich aus hygienischen Gründen nicht. Woll'n se den Käse trotzdem?“ Hinter mir bildet sich eine Schlange und ich nehme kleinlaut meinen Käse in Plastikfolie entgegen. Wie peinlich, da scheitert mein grandioser Plan bereits am Käse ...

Bestens gewappnet

Doch ich gebe nicht auf und setze auf gute Vorbereitung. Bei den nächsten Einkäufen steuere ich gezielt Bioläden und Märkte an. Dort scheint sich niemand an meinen mitgebrachten Behältern zu stören. Auch erfahre ich, dass eine große Supermarktkette nun offiziell Mehrwegdosen an ihren Frischetheken akzeptiert. Das macht die Sache einfacher. Doch die Rückschläge werden nicht weniger. Denn erst nach und nach lerne ich, dass auch Dosen, Aluminiumdeckel sowie Milch- und Saftpackungen mit Plastik beschichtet sind – Anfängerfehler!

Shampoo am Stück

Ein weiteres Problemfeld: Die Kosmetik, und zwar bezüglich Verpackung und Inhalt! Ich erfahre, dass sich in den meisten Peelings und Zahnpasten winzige Mikroplastikpartikel verstecken, die selbst Kläranlagen nicht herausfiltern können. Konsequent ersetze ich Zahnpasta mit Plastikpartikeln durch plastikfreie Zahnpasta-Tabs, Shampoo durch Haarseife, Flüssigseife und Duschgel durch Seife am Stück, Bodylotion durch „Lotion-Bars“ und konventionelle Zahnbürsten durch kompostierbare Varianten. Das ist einfacher als gedacht. Selbst bei der Monatshygiene gibt es mittlerweile umweltverträglichere Alternativen wie waschbare Einlagen, Menstruationswäsche und Menstruationstassen.

Fast Food?!

Eine Sache macht mir allerdings noch mehr zu schaffen als meine eingeschränkten Einkaufsmöglichkeiten: Bislang habe ich mindestens einmal in der Woche Essen vom Lieferdienst bestellt. Nun entschließe ich mich dazu, mehr frisch zu kochen und an faulen Tagen steige ich auf Abendbrot um. Als der Hunger nach Fettigem zu groß wird, starte ich beim Imbiss um die Ecke einen Versuch und wappne mich mit einem eigenen Teller – und wer hätte es gedacht, anstatt eines weiteren peinlichen Erklärungsversuchs entwickelt sich ein nettes Gespräch zum Thema Müll und ich gehe zufrieden mit einem vollen Teller nach Hause. In den nächsten Wochen werden sich diese angeregten Gespräche wiederholen, denn immer wieder erzähle ich Verkaufspersonal, anderen Kunden und Freunden von meinem verrückten Versuch. Mein Vorhaben sorgt zwar für so manches Stirnrunzeln, doch insgesamt habe ich den Eindruck, dass sich die große Mehrheit am Plastikmüll mindestens genauso stört wie ich.

Keine Zeit

„Doch woher nimmst du bloß die Zeit, so viel selbst zu machen, zu planen und mehrere Stellen für einen simplen Einkauf anzusteuern?“ Dieser Frage begegne ich in meiner plastikfreien Zeit nahezu täglich. Nachdem dann mein Sohn auf die Welt kommt, muss ich selbst schnell feststellen, wie ich viele meiner neuen, guten Angewohnheiten nicht mehr so leicht in den Alltag integrieren kann – die Wäscheberge türmen sich und für umständliche Einkäufe, Recherche und aufwändige Mahlzeiten ist keine Zeit und Energie vorhanden. Aber wenn auch nicht in letzter Pefektion, so bleiben wir doch dran und bemühen uns bis heute um einen zumindest plastikarmen Alltag.

Tags: Nachhaltig , Plastikfrei

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