Kultur

Open-Air-Museum

Susan Loop · 22.05.2018

© Susan Loop

© Susan Loop

Ob Wandbilder, Graffiti, Sticker oder Urban Knitting: Wer mit offenen Augen durch die Straßen geht, kann sie überall entdecken. Nicht immer legal hinterlassen Künstler ihre Spuren an Mauern, Wänden, Stromkästen und S-Bahnen. Mit einem Streetart-Tourenvorschlag möchte die Libelle Lust machen, diese kritische, witzige oder provokante urbane Kunstform zu entdecken.

Los geht es am S-Bahnhof FLINGERN, wo zwei übergroße Wandmalereien „I love Flingern“ und „Deutschland braucht mehr Fantasie“ schon mal sehr eindrucksvoll zeigen, was alles möglich ist. Wer mit der Bahn anreist: Entlang der Gleise – Züge bieten generell eine sehr gute Perspektive auf die Graffiti-Szene – gibt es in Düsseldorf sehr viele der fantasievollen „Blue Heads“ zu entdecken, verquere blaue Köpfe mit oftmals orangefarbenen Akzenten, die sich dem jeweiligen Platzangebot fantasievoll anpassen. Zu Fuß wenden wir uns gen Westen und laufen zur ERKRATHER STRASSE 206, wo das italienische Künstlerduo Orticanoodles den Düsseldorfer Kunst-Übervater Joseph Beuys mit seinem  „Wer nicht denken will, fliegt raus“ verewigt hat. Von dort lohnt der Fußweg durch die KIEFERNSTRASSE, eine lebendige Straße mit bewegter Geschichte: Einst moderne Arbeitersiedlung, sollten die Häuser in den 80er-Jahren abgerissen werden. Es folgten Hausbesetzungen, Demonstrationen, Polizeieinsätze. Die Häuser durften schließlich bleiben. Seit Jahren gestalten Künstler und Bewohner die Hausfassaden. Heute gilt die Kiefernstraße als bundesweit einzigartiges Gesamtkunstwerk. In der Kiefern 21 bietet der Kinderclub kreative Freizeitgestaltung an unter anderem mit – natürlich – dem Schwerpunkt Streetart und Graffiti. Klaus Martin Becker, Leiter der Einrichtung, ist einer der Organisatoren des „40 Grad Urbanart Festival“, doch davon später noch mehr. Auf dem Weg zum Hauptbahnhof empfehlen wir den Weg über die Ecke EINTRACHTSTRASSE / KÖLNER STRASSE: Dort haben die Majo-Brothers, die mit ihrem Verbunt-Mobil ebenfalls junge Künstler unterstützen, eine übergroße witzige Affenszene hinterlassen – und dabei allein 50 Liter Farbe verpinselt.

Wem gehört die Stadt?

Der nächste Anlaufpunkt ist die UNTERFÜHRUNG ELLERSTRASSE zum Mintropplatz. Die dort etwas im Halbdunkel versteckte Galerie ist ein Geschenk der oftmals lichtscheuen Streetart-Szene an die Bürger. Unter dem Motto „Wem gehört die Stadt?“ nahmen es 40 Künstler selbst in die Hand, den als „Angströhre“ geltenden Tunnel 2010 bis 2011 zu verwandeln. Aufgrund des großen Zuspruchs sahen Bahn und Stadt ausnahmsweise mal von Strafanzeigen ab. Auf der anderen Seite des Tunnels verdankt die HELMHOLTZSTRASSE ihre noch recht frische bunte Bildergalerie dem Engagement einer Studentin. Ihr Projekt „AufdieZwölf“ trägt diesen Namen in Anlehnung an die zwölf tätigen Künstlergruppen. Der innerstädtische FÜRSTENPLATZ ist das Outdoor-Museum schlechthin: Ein Parkhauseingang zeigt ein  Pärchen vor einer Hochhaussilhouette – dies entstand während des „40 Grad Urbanart Festival“ 2013, Jana & JS nennt sich das aus Österreich und Frankreich stammende Künstlerduo. Die gestrickte Verschönerung des Bolzplatzgitters hat bis auf einige spärliche Reste das Zeitliche gesegnet, aber dafür bekam jüngst das Stadtwerkehäuschen einen neuen Anstrich und zeigt nun sehr gekonnte urbane Radfahrszenen. Nur wenig weiter, an der Kreuzung OBERBILKER ALLEE / CORNELIUSSTRASSE setzen die bunten Hauswände des Kindertreffs, die der Verein Farbfieber gemeinsam mit den Kindern gestaltete, einen nächsten Hingucker.

Graffiti-Pionier in Düsseldorf

Szenetechnisch viel los ist zumeist auch an der Ecke BILKER ALLEE / ZIMMERSTRASSE. Hinter der „Metzgerei Schnitzel e. V.“ verbirgt sich ein Kunstverein, in dessen Vereinsheim „Brause“ auch Streetart-Ausstellungen stattfinden. Schon fast in Sichtweite ist von hier die  BACHSTRASSE 126, Ecke Elisabethstraße, wo im Kulturaustausch zwischen Farbfieber und Künstlern aus Polen das Mural „Konsumonsum“ entstand – und das noch vor dem Bau der Bilker Arcaden! Nun fällt die Wahl schwer: Würde man der Bachstraße bis zur Düssel folgen, ließe sich an der Esso-Tankstelle ehrfurchtsvoll ein echter Flamingo von Harald Naegeli bewundern. Der inzwischen 78-Jährige erlangte Ende der 70er-Jahre als „Sprayer von Zürich“ weltweite Berühmtheit. Wegen seiner illegalen Kunst mit internationalem Haftbefehl gesucht, floh er nach Düsseldorf. Hierher kehrte er auch nach Verbüßen seiner Haftstrafe zurück – aber bis heute hat der Graffiti-Pionier immer wieder mit den Ordnungs-Behörden zu tun ... Wir biegen aber nun doch nach Süden ab in die FRIEDRICHSTRASSE. Die kahle Wand zum U-Bahntunnel hat L.E.T., der wie viele aktiv Streetart-Künstler über seine Identität kaum etwas preisgibt, mit einem Kinderbild verziert. Verstörenderweise zündelt das Mädchen ein Haus an. Unter der S-Bahnbrücke schauen die fröhlichen bunten Geister von Pdot von der Wand. Sie lassen sich in der ganzen Stadt und sogar im Umland finden, häufig auf der Rückseite von Straßenschildern.

Angesagte Locations

An der MEROWINGERSTRASSE 4 finden wir eine weitere große Wandmalerei von Farbfieber. In Anlehnung an eine frühere Arbeit trägt sie den Titel „Wirtschaftswunder“: Die Wirtschaft boomt und wir wundern uns über zunehmende Armut im Viertel und weltweit …  An der BRUNNENSTRASSE 12 lässt sich die Kunst der Straße kaufen – im „Pretty Portal“, der Galerie für Urbanart. Nun geht es weiter nach rechts in die in die Karolinger Straße, wo wir an der Ecke AACHENER / KAROLINGER STRASSE auf einen ehemaligen Bunker treffen. Mehr als zehn Jahre kämpften die Bürger, bis die Stadt die Gestaltung des Bunkers erlaubte. Und einmal mehr war es Farbfieber, zusammen mit türkischen und kubanischen Künstlern, die 1995 das Mural „Zeitreisende“ erschufen. Heute setzen sich Initiativen und Anwohner nun für die mögliche Innennutzung des Bunkers ein ... Über die Aachener Straße spazieren wir weiter und biegen nach links zur SUITBERTUSSTRASSE 151. Den Eingang zum „Boui Boui“, der derzeit angesagtesten Eventlocation und auch Atelier des ein oder anderen Streetart-Künstlers, flankieren zwei große Wandgemälde. Der Roboter links wurde von Pixelpancho, einer der neuen Größen der italienischen Urbanart-Szene, geschaffen. Rechts ein Gemeinschaftswerk von in Düsseldorf lebenden Künstlern. Es interpretiert das Stadterhebungsmonument von Bert Gerresheim neu. Allerhöchste Zeit für eine Kaffeepause?! Dieser – zugegeben recht lange – Spaziergang ist nur eine Anregung: Auf praktisch allen anderen denkbaren Routen kreuz und quer durch Düsseldorf lassen sich faszinierende öffentliche Kunstwerke entdecken, zumal ja teils über Nacht neue dazukommen oder verschwinden ...

Tags: Düsseldorf , farbfieber , Streetart , urbanart , verbunt

Kategorien: Kultur , Stadtgeschehen