Kultur

Märchenhaft!

Nadine Lente · 05.02.2019

© Monika Baumann

© Monika Baumann

„Erzähl mir keine Märchen“ singt die Kinderband „Deine Freunde“. Sind Märchen nicht mehr zeitgemäß? Ein Interview mit Erzählerin Birgit Fritz.

Warum erzählen Sie Märchen?

Also ich erzähle grundsätzlich alles, was sich erzählen lässt. Aber gerade Märchen beleuchten wunderbar verschiedene Lebensthemen und Lebensideen in verständlichen Bildern. Ich denke da bei den ganz Kleinen zum Beispiel an Tiermärchen. Die Figuren sind weit genug von einem weg, so dass man sie von Außen betrachten kann, aber dennoch nah genug für einen automatischen Transfer auf die eigene Lebenssituation. Ich vergleiche Märchen gern mit einer Zwiebel: Es gibt die goldbraune Oberfläche, das wäre dann der Unterhaltungswert, doch man kann Schicht für Schicht tiefer einsteigen.

Können Sie da Beispiele gerade für kleinere Kinder nennen?

Ich erzähle Kindern im Kita-Alter zum Beispiel gerne das US-Märchen vom Indianerjungen, der unbedingt einen Bären besiegen wollte. Hier geht es ums Mutigsein und Durchhalten. Die Aussage, dass man Hindernisse überwinden kann, bekommen hier schon ganz Kleine mit. Ein weiteres, sicher bekannteres Beispiel sind die Bremer Stadtmusikanten. Kinder können dem Märchen unter anderem entnehmen, dass man in der Gemeinschaft alles schaffen kann. Dass man Freunde haben kann, die ganz unterschiedlich sind. Sehr viel ältere Zuhörer hingegen entnehmen dem Märchen, dass man auch im Alter viel schaffen kann – Hund, Katze, Esel und Hahn sind allesamt alt und von ihren Besitzern ausgemustert. Für kleine Kinder eignen sich besonders noch Märchen wie „Der süße Brei“, „Der Froschkönig“ oder „Der goldene Schlüssel“.

Sind Märchen denn heute noch aktuell?

Aber sicher! Selbst in der Werbung werden ganz aktuell Märchenfiguren eingesetzt, z.B. von einer Autoreparaturfirma das Rotkäppchen. Alle Themen in Märchen sind Lebensthemen. In jedem von uns steckt ein Stück Prinzessin, König, Hexe, Fee oder Esel. Märchen handeln immer vom sich-auf-den-Weg-machen und vom Wachsen. Sie sind Zeugnis von Entwicklung im Leben. Märchen bieten viele Lösungen an, ich bekomme also Alltagsüberlebenstipps!

Aschenputtels Stiefschwester schneidet sich die Hacke mit einem Messer ab: Sind Märchen nicht auch sehr brutal?

Kopfbilder können wir uns nur so machen, wie wir sie kennen. Und in den Märchen wird nicht genau beschrieben wie jemand den Kopf verliert; es fließt sehr wenig Blut wenn überhaupt. Keine realen Bilder gleich kein inneres Bild! Wir Erwachsenen haben die realen Bilder und wenn wir uns gruseln, dann übertragen wir dieses Gefühl auf die Kinder. Also wenn ich mit einem Text nicht im Reinen bin, dann lese ich ihn nicht vor oder erzähle ihn nicht! Übrigens: Märchen sind Türöffner, keine Türschaffer! Wenn während des Erzählens ein Thema aufkommt, ist es Zeit der Sache auf den Grund zu gehen. Das Problem war aber vor dem Märchen schon da, nur noch nicht zu fassen! Es ist wie beim Rumpelstilzchen: Wenn das „Böse“ einen Namen hat und ich ihn kenne, kann es besiegt werden!

Sollte man Märchen besser vorlesen oder frei erzählen? Was ist der Unterschied?

Ein guter Vorleser toppt einen schlechten Erzähler. Aber ein guter Erzähler toppt einen guten Vorleser um Längen! Der größte Unterschied ist das Buch – das fehlt beim Erzähler und der hat dadurch einen viel engeren Kontakt zu den Zuhörern. Es ist kein Medium dazwischen. Ich kann beim Erzählen zum Beispiel immer Augenkontakt halten.
Wenn ich merke, das ein Zuhörer Angst bekommt, dann lasse ich ihn nicht mit dieser Angst alleine, ich begleite ihn durch diese Angst. Es ist besser, ein Gefühl wie Angst in einem Schonraum zu erleben, als von Angst in einer realen Situation umgeworfen und blockiert zu werden. Wenn ich das Gefühl kenne, kann ich eine Situation besser einschätzen. Hier hilft auch das gemeinsame durchs Abenteuer gehen! Eltern empfehle ich übrigens gerne, Kindern vor dem Einschlafen eine Alltagsgeschichte zu erzählen, es sich zusammen gemütlich zu machen und zum Beispiel einfach den Tag nachzuerzählen.

Eignen sich Märchen nicht als Gute-Nacht-Geschichte?

Ich bin der Meinung, dass jeder ein Märchen zu Ende hören sollte; also ist der Abend nicht unbedingt die rechte Zeit dazu. Das Ende, die Erlösung, ist wichtig, damit die Seele nicht in der Geschichte hängenbleibt. Deshalb finde ich es auch nicht gut, wenn Eltern ihre Kinder aus Veranstaltungen mitten im Märchen herausziehen! 98 Prozent aller Märchen haben ein Happy End und das hat auch seinen Sinn.

Gibt es denn Märchen, die Sie Kindern gar nicht erzählen würden?

Dazu gehören sicher die zwei Prozent, die kein Happy End haben. Zum Beispiel das Grimmsche Märchen „Frau Trude“. Auch sehr lange Märchen mit Nebensträngen oder Themen, die irrelevant für kleine Kinder sind wie „Der Eisenhans“.

Birgit Fritz gehört neben Achim Brock und Diana Drechsler zu den Erzählern der Düsseldorfer Märchenwochen 

Samstag, 19.01.2019 – Sonntag, 03.02.2019, ab 3 Jahren

in verschiedenen Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen der Stadt Düsseldorf,
Das gesamte Programm der Märchenwochen findet ihr hier.

Kategorien: Erziehung , Kultur , Stadtgeschehen