Kultur

Im Namen des Kindes

Jens Neutag · 04.02.2018

© Till Lassmann

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Früher kamen ganze Mannschaften in Fußballvereinen mit zwei Vornamen aus. Heute ist Eltern die Individualität der Kindernamen sehr wichtig - und Libelle-Kolumnist Jens Neutag staunt.

Zugegeben: Es ist nicht einfach. In der jecken Jahreszeit, in der sich Regen mit Schneeregen und Schnee vermengt, in der Sonnenlicht zu einem raren Gut schrumpft, ist es nicht einfach, an den letzten Sommer zu denken. Okay, der letzte Sommer war so nass, dass sich in vielen Zoos die Tiere freiwillig paarweise aufgestellt haben, weil sie dachten, Noah käme mit der Arche vorbei. Dann nehmen wir doch den Sommer davor. Den EM-Sommer, in der sich dieser kleine Staat Island in die Herzen der Rest-Europäer gesungen und gegrunzt hat. Mich persönlich haben vor allem die Vornamen begeistert. Larson oder Gustavson. Ganz einfach Sohn des Lars oder des Gustavs. Gut, man kann zu Recht bemängeln, dass die Nennung der Mutter keine Rolle spielt, aber ich finde dieser Automatismus ist nahezu genial. Was doktorn wir in diesen Tagen oftmals an der Suche der Kindernamen herum? Es soll irgendwie originell sein, nicht zu auffällig, aber vor allem nicht im Trend liegen, weil es bei der Einschulung einfach nicht schön ist, wenn man hört: Ah, da haben wir schon fünf von. Und wenn man eines bei der Kindervornamenssuche mit Fug und Recht behaupten kann: Früher war es definitiv nicht besser! Zwar war der Pragmatismus der Vergangenheit sehr beneidenswert, da hieß Anfang der 80-er eine ganze Grundschulklasse Thomas, Stefan, Matthias oder Frank. Wer es originell wollte, schrieb Stephan mit „ph“ und der Rest waren Freaks. Es gab Fußballvereine, da kam die ganze Elf mit zwei Vornamen aus. In der Entspanntheit der Namensfindung war das toll, ergebnisorientiert betrachtet nicht sonderlich erstrebenswert. Und so änderten sich die Zeiten. Nach einer kurzen Kevin-Dynastie und einer Phase des Chantalismus ist nun Individualität das oberste Gebot und zwar in einem Maße, das schon Gerichte haben einschreiten müssen. So wurden folgende Vornamenswünsche rechtskräftig verboten: Junge, Störenfried, Whisky, Waldmeister, Joghurt, Crazy Horse, Popo und Satan. Bei jedem Einzelnen fragt man sich ernsthaft nach der genauen Bezeichnung der psychischen Störung der namensgebenden Eltern. Gerichtlich für zulässig erklärt wurden unter anderem folgende Vornamen: Sexmus Ronny, Don Armani Karl-Heinz, Camino Santiago Freigeist, Winnetou, Imperial-Purity und Pepsi-Carola. Nicht zu vergessen das Zwillingspärchen mit den Namen Sunil und Lenor. Hier fragt man sich dann eher nach der psychischen Erkrankung der Richter. Um mal runterzukommen, sollten wir uns bei der Namensgebung vielleicht mal eine Zeitlang die Straßennamensfindung von Reißbrettstädten zum Vorbild nehmen. Mal für kurze Zeit die Kinder einfach durchnummerieren, genau wie die Straßen. Immerhin hat sich die Fifth Avenue auch so ein individuelles Image erarbeitet. Und wem das zu unemotional ist, kann es ja mit der isländischen Tradition kombinieren. Dann heißen die Söhne, weil wir von Adam abstammen, alle Adamson. Und werden durchnummeriert. Nur mal für kurze Zeit, um zur Besinnung zu kommen. Und dann kann man ja mal wieder ganz neutral von vorne anfangen.

Tags: Fußball , Individualität

Kategorien: Kultur