Kultur

Bilder mit Geschichte im Koffer

Nadine Lente · 03.04.2018

© Stadt Düsseldorf / Uwe Schaffmeister

© Stadt Düsseldorf / Uwe Schaffmeister

Kinderbilder mal anders betrachten, in diesem Fall als historisches Dokument: Dazu inspirieren die neuen Museumskoffer von Gedenkstätte und Stadtmuseum.

Die beiden Düsseldorfer Institutionen haben das Projekt für Schulklassen jetzt vorgestellt. Lehrer können sich einen der beiden Koffer leihen. Inhalt: Eine Vielfalt didaktischer Materialien zu 17 Zeichnungen jüdischer Schulkinder in Düsseldorf (1936-1938). So sollen die Erfahrungen jüdischer Kinder während der NS-Zeit im Unterricht einmal anders thematisiert werden.

Bei dem Museumskoffer handelt sich um ein ausleihbares, transportables Medium, das es durch eine Vielfalt an didaktischen Materialien ermöglicht, einzelne Themen fokussiert an Orten außerhalb des Museums anschaulich zu vermitteln – quasi ein kleines Museum für unterwegs. Die Erarbeitung und Herstellung wurde aus Mitteln der Stiftung Monjau/Levin finanziert. „Ich halte diese Materialien für eine angemessene und sehr aktuelle Form, mit der sich insbesondere junge Menschen mit diesem kulturellen Erbe auseinandersetzen können“, so Kulturdezernent Hans-Georg Lohe. „Ich kann nur wünschen, dass dieses neue Angebot unserer beiden Kulturinstitute genauso stark in Anspruch genommen wird wie die bisherigen didaktischen Angebote.“

Julo Levin und die Kinderzeichnungen

Der Museumskoffer enthält neben Materialien, Quellen, Fotos und Arbeitsaufträgen insbesondere eine Auswahl an 17 Zeichnungen jüdischer Schülerinnen und Schüler. Diese Werke sind ein einzigartiges Dokument deutsch-jüdischer Geschichte aus der Zeit des Nationalsozialismus. Sie entstammen der von dem Maler Julo Levin (1901 – 1943) zusammengetragenen Sammlung von Kinderzeichnungen, die rund 1900 Originalarbeiten umfasst und sich zusammen mit zahlreichen eigenen Werken Levins im Stadtmuseum befindet. Levin, der nach dem Abschluss seines Studiums an der Düsseldorfer Kunstakademie 1926 in Düsseldorf als freier Künstler, unter anderem als Mitglied der modernen Künstlergruppe „Das Junge Rheinland“, gearbeitet hatte, durfte als Jude nach 1933 nicht mehr seinen Künstlerberuf ausüben. Seine Tätigkeit als Zeichenlehrer ab 1936 erfolgte aus dieser Notsituation heraus, bot ihm aber zugleich eine Gelegenheit, seine fundierten Kenntnisse über kindliche Kreativität anzuwenden. 1938 zog er von Düsseldorf nach Berlin. 1943 wurde Julo Levin nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Der Museumskoffer

Ziel der Konzeption des Koffers ist es, einen interdisziplinären Ansatz zu bieten, der über die Arbeit mit den Kinderzeichnungen historische, biografische, künstlerische und gesellschaftliche Zusammenhänge transparent und nachvollziehbar macht und in einen Gesamtzusammenhang stellt. Die Kunstdidaktin Ina Scheffler hat zu diesem Zwecke zusammen mit der stellvertretenden Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte, Hildegard Jakobs, drei Arbeitsmappen erstellt. Die erste Mappe enthält die Reproduktionen der 17 Kinderzeichnungen mit Hinweisen zu möglichen Arbeitszugängen wie zum Beispiel die Biografie des Kindes, die Maltechnik, mit dem Motiv oder der Biografie verknüpfte historische Themen. Scheffler betont: „Mittels künstlerischer Betätigung konnten sich die jüdischen Kinder damals (in den Jahren von 1936 bis 1938) ausdrücken und mit den schwierigen Erlebnissen zurechtkommen. Mit den damals geschaffenen Bildern können sie aber auch indirekt mit heutigen Kindern und Jugendlichen in Kommunikation treten.“ Die zweite Mappe enthält biografische Materialien zu den 17 Zeichnerinnen und Zeichnern, wobei sich die dritte Mappe mit Julo Levin, seiner Biografie und der künstlerischen Arbeit und seiner Sicht auf die Zeichnungen beschäftigt. Letztere erzählt auch die Geschichte der Rettung der Kinderzeichnungen über Nationalsozialismus und Krieg. Zusätzlich zu diesen Mappen enthält der Koffer drei Schuber mit Karteikarten, die sich mit der jüdischen Volksschule Düsseldorf beschäftigen, dem historischen Kontext der Entstehungszeit der Zeichnungen sowie Fotoportraits der Kinder. Reproduktionen eines historischen Stadtplans und einer Karte von Europa und Gegenstände wie zum Beispiel eine Miniatur-Staffelei oder ein Segelboot, die assoziative Zugänge zu Themen wie Kunst, Kreativität oder Reisen ermöglichen, runden seine Materialien ab.   

Hildegard Jakobs: „Eine vielfältige und anschauliche Erinnerung an Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, die fliehen mussten, verschleppt oder getötet wurden, wird auf eine ungewöhnliche und sehr direkte Art und Weise ermöglicht. Durch die Kombination von Kunst und Geschichte können eventuell vorhandene Schwellenängste gemildert werden, sich mit diesem 'schwierigen' Thema zu beschäftigen.“ Der Koffer unterstützt die gemeinsame Auseinandersetzung sowohl mit historischen Themen als auch mit Themen der Gegenwart wie beispielsweise Ausgrenzung, Diskriminierung, Retten und Helfen und Folgen einer Diktatur.    Entliehen werden kann er  ab dem 1. Juni 2018.

Fortbildung

Am Donnerstag, 14. Juni, ab 15.30 Uhr wird in der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, Mühlenstraße 29, eine Fortbildung für Lehrpersonal angeboten. Die Teilnahme ist kostenlos. Um Anmeldung bis zum Montag, 11. Juni, unter der Telefonnummer 0211-89 96205 wird gebeten.

Kategorien: Kultur