Gesundheit

Corona bei Kindern

Tanja Römmer-Collmann · 02.05.2020

© lithiumphoto – AdobeStock

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Wie verläuft Covid-19 bei Kindern? Und wie häufig stecken Kinder Erwachsene an? Zwei Fragen, erste Antworten.

Corona hat die Welt, wie wir sie kennen, auf den Kopf gestellt. Ende Dezember schlug China Alarm, im Februar kam das Virus auch zu uns. Vier Monate, die vielen von uns in der Rückschau unfassbar lang vorkommen – aber zur wissenschaftlichen Erforschung der Krankheit Covid-19 scheint diese Zeitspanne doch noch kurz zu sein und es gibt für all die drängenden medizinischen Fragen nur im Ansatz Antworten. Um eine Pandemie wie diese erfolgreich einzudämmen, ist vor allem wichtig, die Mechanismen von Virus und Erkrankung möglichst gut zu kennen. An dieser Stelle möchten wir betrachten, was im Hinblick auf Corona und Kinder bisher als gesichert gilt. Dabei stehen zwei Fragen im Vordergrund:

  • Wie verläuft Covid-19 bei Kindern?
  • Wie hoch ist das Risiko, dass Kinder Erwachsene anstecken?

Wie verläuft Covid-19 bei Kindern?

Bisher scheint der Verlauf von Covid-19 bei Kindern zumeist milde zu verlaufen und für Kinder gilt die Krankheit landläufig als „nicht so gefährlich“. Im Podcast von „Gesundheit hören.de“ der Apotheken-Umschau vom 15. April fasst Professor Dr. Reinhard Berner, Direktor der Uniklinik für Kinder- und Jugendmedizin in Dresden, die bisher im Rahmen einer Erhebung gemachten Erfahrungen mit Corona bei Kindern zusammen und erklärt, worauf Familien sich wahrscheinlich noch vorbereiten müssen. „Die Erfahrungen, die aus dem Kindesalter bestehen, sind bisher noch relativ dürftig, deuten aber tatsächlich auf eher milde Verläufe hin." Ziel sei, mit allen rund 350 Kinderkliniken in Deutschland Erfahrungen und Fallzahlen und Erfahrungen auszutauschen. „In dem einen Monat, in dem das Meldesystem nun am Netz ist, sind gut 70, 80 Kinder gemeldet worden – darunter auch einige Fälle, wo Kinder auf der Intensivstation behandelt werden mussten und auch ein Todesfall.“ Besondere Risikofaktoren für Kinder ließen sich erst in einigen Monaten gut erkennen, aber schon jetzt sei klar, dass Kinder mit Vorerkrankungen wie zum Beispiel Leukämie besonders gefährdet sind. Durch die Schließung der Kindertagesstätten und Schulen haben die Kliniken derzeit relativ wenig mit an Covid-19 erkrankten Kindern zu tun. Bei einer Kita- und Schulöffnung erwartet Professor Berner auch eine – allerdings überschaubare – Zahl von schweren Fällen bei Kindern, die auftreten werden. Es gebe jedoch andere Atemwegsinfekte, die sehr viel aggressiver verlaufen und Kinder mehr gefährden – insbesondere in den Wintermonaten, wenn regelmäßig viele Kinder- und Jugendkliniken an den Rand ihrer Belastbarkeit kämen. Daher plädiert Berner dafür, eine Strategie zu entwickeln, um die nächste Covid-19-Welle nicht gerade in den Monaten zu erleben, wenn Kinder- und Jugendkliniken sowieso schon an der Belastungsgrenze seien.

Babys und Kleinkinder stärker gefährdet?
Aus dem Shanghai Children's Medical Center stammt eine Studie, die im Februar im Fachjournal „Pediatrics“ veröffentlicht wurde. Die Forscher dort fanden heraus, dass die meisten Kinder zwar nur leichte oder mäßige Symptome entwickeln — ein kleiner Prozentsatz an Säuglingen und Vorschulkindern jedoch ernsthaft erkrankt. Hierzu untersuchten die Wissenschaftler mehr als 2000 erkrankte Kinder, die der chinesischen Gesundheitsbehörde vom 16. Januar bis 8. Februar 2020 gemeldet wurden. Etwa ein Drittel (34,1 Prozent) dieser Fälle wurden durch Laboruntersuchungen als Covid-19-Fälle bestätigt, die anderen waren reine Verdachtsfälle mit entsprechender Symptomatik. Mehr als die Hälfte aller untersuchten Kinder (50,9 Prozent) hatte milde Verläufe mit Symptomen wie Fieber, Müdigkeit, Husten, Halsschmerzen und laufender Nase, zum Teil auch mit Übelkeit, Durchfall und Erbrechen. Fast sechs Prozent, nämlich 125 Kinder, erkrankten kritisch bis schwerwiegend an Covid-19 – und davon wiederum waren rund 40 Kinder noch nicht einmal ein Jahr alt. Zum Vergleich: Bei Erwachsenen liegt die Quote der schwerwiegenden Verläufe in China bei 18,5 Prozent der Infizierten. Die Berichte aus China treffen nicht unbedingt auch in Deutschland und Europa genauso zu, denn das Virus kann sich sich bei seiner Verbreitung um die Welt auch noch weiter verändern, sodass die Ausprägung der Infektion immer wieder variiert.

Wenig Daten aus Europa
Es gibt aus China, aber auch aus europäischen Ländern und den USA vereinzelte Berichte über Todesfälle bei Kindern und Jugendlichen in Folge von Covid-19. Nach den ersten Erfahrungen einer Münchener Kinderklinik verursacht das Coronavirus bei Kindern häufiger Übelkeit, Erbrechen und Durchfall als bei Erwachsenen. Es lassen sich bei Kindern auch länger als bei Erwachsenen Teile der Virus-DNA im Stuhlgang nachweisen – diese seien aber nicht vermehrungsfähig und damit nicht infektiös. Insgesamt fehlt es für Europa und Deutschland noch an validen Datensätzen zum Krankheitsverlauf bei Kindern. 
 
Kinder- und Jugendärzte mahnen zur generellen Fürsorge
Ein ganz anderes Problem treibt Kinder- und Jugendärzte um: Sie befürchten beziehungsweise haben teilweise schon die Erfahrung gemacht, dass Eltern aufgrund der Angst vor Corona ihr Kind nicht beim Kinderarzt vorstellen, auch wenn dies dringend geboten ist. So sei, berichtet der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte in einer aktuellen Pressemitteilung sogar in einem Fall eine Leukämie-Erkrankung viel später als nötig diagnostiziert und ärztlich behandelt worden, außerdem würden anstehende Impftermine verschleppt.


Wie hoch ist das Risiko, dass Kinder Erwachsene anstecken?

Diese Frage wird besonders kontrovers diskutiert. Daher eins vorweg: Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin bedauert in einer Stellungnahme vom 20. April, dass Kinder und Jugendliche vor allem als potenzielle Virusträger gesehen und in den bisherigen Entscheidungsprozessen zu wenig als Personen mit ebenbürtigen Rechten betrachtet würden. Viel dazu beigetragen hat sicherlich eine der ersten veröffentlichten „Regeln“ oder besser damals noch Ratschläge: Schickt die Kinder nicht mehr zu den Großeltern, verzichtet auf Besuche zwischen Kindern und älteren Menschen! Und die Schul- und Kitaschließungen waren Mitte März eine der ersten wirklich einschneidenden Maßnahmen. Diese Einschränkungen beruhen hauptsächlich auf dem bisherigen Wissen, dass sich Kinder bei den Influenzaviren, also der Grippe, stets als regelrechte Virenschleudern erweisen. Aber ist das beim Coronavirus genauso?

Als sogenannte Superspreader-Orte, an denen sich das Coronavirus praktisch ungehindert auf eine Vielzahl von Menschen ausbreiten konnte, sind vor allem Orte bekannt geworden, an denen viele Erwachsene zusammenkamen: eine Karnevalsfeier, Skibars, Fußballspiele mit großem Publikum, Chorproben und auch Büroetagen ... Kitas oder Schulen sind vorrangig nicht dabei. Es gab Schulklassen, die aus Südtirol zurückkehrten und in denen es positiv auf Corona gesteste Kinder gab. Aber da diese jugendlichen Reisegruppen sogleich in Quarantäne kamen, entwickelten sich daraus keine weitreichenden Infektionsketten. Und darin liegt auch schon ein großes Problem der Datenerhebung zu der Frage der Ansteckung von Erwachsenen durch Kinder: Es ist ethisch kaum vertretbar, es bewusst darauf ankommen zu lassen, um zu diesem Thema wissenschaftliche Erkenntnisse zu erarbeiten.

Island probiert es aus
Ein Land, dass in dieser Hinsicht Erfahrungen gesammelt hat, ist Island. Denn dort sind die Kindertagesstätten und Schulen – wenn auch unter Einhaltung von Vorsichtsmaßnahmen – weitgehend geöffnet geblieben. Versammlungen waren und sind bis zu einer Anzahl von 20 Personen erlaubt. Eine erste wissenschaftliche Studie wurde am 14. April veröffentlicht und befasst sich mit den dabei gemachten Erfahrungen. Von 13.000 untersuchten Personen waren 0,6 Prozent der Frauen und 0,9 Prozent der Männer mit Covid-19 infiziert – insgesamt sehr niedrige Quoten. Bei den Kindern unter zehn Jahren gab es keinen einzigen positiven Befund, bei den untersuchten Kindern über zehn Jahren waren es 0,8 Prozent – also eine ähnliche Größenordnung wie bei den Erwachsenen. Das könnte heißen: Kinder unter zehn Jahren tragen das Virus seltener in sich und bringen daher kein signifikantes Ansteckungsrisiko in die Familien. Darauf deutet auch ein viel zitierter Fall aus Frankreich hin, wo ein Neunjähriger sogar nachweislich mit Corona infiziert war, allerdings nur leichte Symptome aufwies. Während einer Urlaubreise hatte er Kontakt zu 172 Personen – niemand wurde infiziert, noch nicht einmal seine engste Familie oder die Geschwister, wie das News-Portal Watson/Stroer berichtet.

Schwierige Altersabstufung
Eine weitere Schwierigkeit der Fragestellung liegt im Alter der Kinder. Vom Baby bis zum 17-Jährigen findet eine fließende Entwicklung zum Beispiel des Immunsystems und für das Coronavirus maßgebender Rezeptoren und Stoffwechselprozesse im Körper statt, und es wird sehr schwierig sein, feste Altersgrenzen zu nennen für Attribute wie „weniger ansteckend“ oder „deutlich ansteckend“. In den bisher angelegten Studien wird das Alter von unter und über zehn Jahren, das auch den üblichen Eintritt in die weiterführende Schule markiert, zur Einteilung der Gruppen genutzt. Auch zu klären ist, welche Anteile medizinisch-körperliche Parameter und welche Anteile die körperliche Nähe oder die Ausprägung eventueller Symptome wie Husten oder Halsschmerzen bei der Ansteckungsgefahr durch Kinder haben. Solche Überlegungen machen deutlich, dass in diese Fragestellung sehr viele Faktoren mit einfließen, sodass eine saubere Klassifizierung letztendlich vielleicht gar nicht möglich ist. Und nicht zuletzt ist generell jede statistische Einschätzung von Risiken mit der individuellen Unsicherheit behaftet, gerade der eine Fall zu sein, bei dem es anders läuft als gewöhnlich.

Heidelberger Studie
Die vier Universitäts-Kinderkliniken Heidelberg, Ulm, Tübingen und Freiburg wollen in einer jetzt anlaufenden Studie die Frage klären, ob Kinder bis zu zehn Jahren immun gegen das Coronavirus sind, um so die Ergebnisse aus Island zu überprüfen. Gesucht werden dafür 2000 Kinder plus jeweils ein Elternteil aus dem Südwesten, dabei bevorzugt Kinder, die an einer Notbetreuung teilnehmen. Der Chef der Heidelberger Kinderklinik, Georg Hoffmann, sagte der „Rhein-Neckar-Zeitung", er hoffe, dass die isländischen Befunde valide seien. Aber: „Es gibt auch eine Studie aus China, die wiederum zeigt, dass Kinder ähnlich infiziert sind wie Erwachsene – und das Virus auch übertragen, was ja in Island nicht der Fall war." Die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) sagte: „Bei allen Einschränkungen an persönlichen Freiheiten, die wir der Bevölkerung zumuten müssen, sind Kinder die Hauptbetroffenen – wir nehmen ihnen die Kita, die Schule, den Zugang zu ihren Freunden." Deshalb müsse die Frage, ob die Schließungen überhaupt epidemiologisch gerechtfertigt seien, unter die Lupe genommen werden. Aus den Ergebnissen könnten Rückschlüsse gezogen werden zu Zeitpunkt und Bedingungen der Öffnung von Kitas und Grundschulen.

Wichtig ist und bleibt, dass wissenschaftliche Erkenntnisse zum Coronavirus, gerade auch die Kinder betreffend, möglichst umfassend zusammengetragen und ausgewertet werden, damit die Politik Risiken gegeneinander abwägen und  sinnvolle Entscheidungen treffen kann. In Deutschland werden in dieser Hinsicht einige vielversprechende Ansätze verfolgt und es ist zu hoffen, dass die nächsten Wochen gesichertere Erkenntnisse bringen.

Prozentanteile nachgewiesener Corona-Infektionen nach Altersstufen

Altersstufe Anteil NRW in Prozent Anteil in Düsseldorf in Prozent
0 bis 4 Jahre 0,8 0,4
5 bis 14 Jahre 1,8 1,4
14 bis 34 Jahre 24,4 29,1
35 bis 59 Jahre 43,9 47,2
60 bis 79 Jahre 18,5 17,5
80 Jahre und älter 10,6 4,7

Dabei ist zu beachten, dass jüngere Kinder aufgrund der schwächeren Symptomatik seltener getestet werden und die Dunkelziffer bei ihnen möglicherweise vergleichsweise hoch ist.

Stand 27.04.2020, RP online

Tags: Ansteckung , Corona , Covid19 , Kinder

Kategorien: Gesundheit