Freizeit

Wohin der Fluss uns führt

Tanja Römmer-Collmann · 14.03.2018

© Tanja Römmer-Collmann

© Tanja Römmer-Collmann

In den Sommerferien haben wir testweise zwei Urlaubstage auf unseren Zweirädern verbracht und festgestellt: Fernradwanderwege bieten eine herrliche Möglichkeit, die Natur entspannt zu genießen und rollenderweise innerhalb kürzester Zeit erstaunlich viele Eindrücke und Erlebnisse einzufahren.

Den warmen Wind auf der Haut, das ruhige Rollen der Reifen auf dem Asphaltweg, rundum Feld, Wald und Fluss – so habe ich es mir immer vorgestellt, ein paar Tage mit dem Fahrrad in der Landschaft unterwegs zu sein. Pausieren, wo es gerade schön ist, zwischendurch in einem Freibad oder Bach erfrischen und abends einkehren, wo man gerade ankommt – es sollte auch eine Fahrt ins Blaue sein, ein bisschen Landstreicherei auf Rädern.

Entlang der Werra

Von einer Freundin kam der Tipp, es doch mal probehalber an der Werra zu versuchen. Warum sind kleine und mittelgroße Flüsse fürs Radwandern so besonders geeignet? Weil die Radtour praktisch steigungsfrei verläuft, die Täler naturbelassen und vor allem frei von großen Autobahnen oder Bundesstraßen sind und der Flusslauf ganz entspannt die Richtung vorgibt, ohne viel Alternativen und komplizierte Routenplanerei. Im Falle der Werra – es hätte auch die Ems, der Neckar oder die Altmühl sein können – führt der komplette Radwanderweg über gut 300 Kilometer vom thüringischen Neuhaus am Rennweg (das liegt etwa mittig zwischen Coburg und Erfurt) bis nach Hannoversch Münden in Niedersachsen. Zwischendurch geht’s auch mal in hessische Gefilde, je nachdem, welche Schleife die Werra gerade so nimmt. Eine Landschaft also aus der Mitte Deutschlands, mit viel unberührter Landschaft und schmuck renovierten Fachwerkörtchen – ganz wie aus Dornröschens Zeiten.
 

Anreise per Bahn

In unserem Fall sollte der Einstieg in die Tour ab Herleshausen erfolgen. Das ist ein kleiner Haltepunkt (keine Bahnstation!) des Regionalexpresses von Bebra ostwärts, kurz vor der Lutherstadt Eisenach. Nun hält das Bahnreisen mit Fahrrädern im echten Leben nicht ganz so viele Glücksmomente bereit wie die entsprechende Werbung verspricht … Empfehlenswert auf jeden Fall: beizeiten buchen! Dann sind die Preise günstiger und die raren Stellplätze in den ICs noch nicht ausgebucht – ohne Platzkarte fürs Rad geht dort nämlich gar nichts. Der Regionalexpress dagegen bietet in jedem Wagen eine Freifläche für Fahrräder, Kinderwagen und anderes Sperrgut, die sich die Reisenden zur Güte teilen sollen. „Wem gehört denn das schwarze Rad? Es muss weg, wir müssen aussteigen!“, ist der leicht gestresste Dauerruf, der unsere etwas umständliche Anreise von Düsseldorf mit Umstiegen in Kassel und Bebra begleitet. Trotzdem – die Rückfahrt mit dem schnellen IC von Göttingen ist auch nicht ohne: „Wagen verkehren in umgekehrter Reihung“ - diese gar nicht mal so seltene Durchsage der Bahn kann einem mit dem Fahrrad auf dem Bahnsteig ganz schön ins Schwitzen bringen ...
 

Es rollt so gut

Aber zurück nach Herleshausen: Gleich neben dem Bahnsteig weist uns ein Schild mit einem grünen Fahrrad auf weißem Grund den Einstieg ins Radlerparadies entlang der Werra. Wir rollen! Und wie! Leichter Rückenwind, Lerchengezwitscher in der Luft und der Duft von frischem Gras werden unsere Begleiter. Schnell haben wir die ersten zehn Kilometer zurückgelegt, sind selbst erstaunt, wie gut es sich rollt auf der fast durchweg asphaltierten Strecke, die zwar ab und an auch über Straßen führt, aber sich meist als reiner Fahrradweg durchs zauberhafte Flusstal windet. Die ausgedruckten und mitgeführten Kartenabschnitte (alle Radwege lassen sich online sehr gut vorbereiten) sind eigentlich nicht nötig: Die Beschilderung lässt nichts zu wünschen übrig, jeder Abzweig ist im Radtempo rechtzeitig zu erkennen und gut zu finden. Ab und an geben Kilometerangaben insbesondere den Kindern das tolle Gefühl, gut voranzukommen. Begeistert sind sie auch von einem Automaten am Wegesrand, der Flickzeug und Schläuche feilbietet. Zum Glück brauchen wir nichts daraus.
 

Postkartenidylle

Ich dagegen staune über den klappernden Storch auf einer Scheune, eine urige Bogenbrücke, die wir passieren dürfen, üppige Gemüse- und Bauerngärten und die Nachmittagssonne, die das alles in Szene setzt wie in einem nostalgischen Bilderbuch. Auch das ist Deutschland!?! Schon lange habe ich nicht mehr so mit jeder Faser gespürt, was dem Städterleben fehlt: Die Natur, und wie gut sie tut! Bewusst habe ich vorab keine Unterkunft gebucht, nicht wissend, wie weit wir denn so radeln wollen würden. Gegen 18 Uhr fangen wir an, Ausschau nach einem Nachtquartier zu halten: Gibt es im nächsten Ort eine Jugendherberge? Nein, da gerade nicht. Auch „Zimmer-frei“-Hinweise sind rar – touristisch gesehen ist an der Werra noch Luft nach oben, aber gerade das macht die Tour so reizvoll … Also noch mal sechs Kilometer weiter. Auf halbem Weg, in einem Ort, der ebenso still und friedlich daliegt wie schon etliche zuvor, plötzlich ein Gatter, daran ein schiefes Schild „Gästezimmer“. „Stopp! Kommt noch mal zurück, hier ist was!“ Wie auf Zehenspitzen betreten wir die Märchenwelt: Die Dorfgemeinschaft hat den ehemaligen Gutshof in liebevoller Kleinarbeit hergerichtet und wir sind die Glückspilze, die nun in den Genuss dieser zauberhaften Gaststätte und Unterkunft kommen. Es wird sogar noch besser: Die Wirtin bietet uns einen der Zigeunerwagen an, die als bunte Tupfer lose verteilt die Wiese zum Fluss zieren. Übernachten in der Postkartenidylle!

Am nächsten Morgen genießen wir das Privileg, per Rad in den noch frischen Tag zu starten. Tschilpende Schwalben geleiten uns aus dem Dorf. Das „Rasmus-und-der-Landstreicher“-Gefühl ist perfekt und die Kinder, am zweiten Tag schon schwer erfahren, setzen sich nach vorn ab, kundschaften die Route aus, entdecken Burgen, Fischteiche, Streuobstwiesen und Pferdekoppeln. Viel zu bald passieren wir die aufgeräumte Kleinstadt Eschwege und landen im Doppelkurort Bad Sooden-Allendorf, von wo aus für uns und für dieses Mal mit dem Zug weitergeht. Alle sind sich einig: bitte bald mehr davon!


Abrollen

  • Strecke auswählen
  • Zugverbindungen planen und buchen
  • Inspektion der Räder: Reifen, Bremsen, Licht, Sattel
  • Flickzeug auf Vollständigkeit überprüfen
  • Kofferband oder Spanngummis fürs Fahrrad im Zug
  • Mücken- und Sonnenschutz
  • Karten der geplanten Streckenabschnitte (im Prinzip alles online erhältlich – aber unterwegs nicht immer Handy-Empfang), Adressen möglicher Unterkünfte, Radstationen, Bahnhöfe etc.

Wir sind an zwei halben Tagen in gemütlichem Tempo je 40 Kilometer geradelt.

Tags: Radfahren , Urlaub

Kategorien: Freizeit