Freizeit

Keine lange Weile

Andrea Vogelgesang · 05.08.2019

© Addictive Stock / Photocase

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Wir gehen der Langeweile auf den Grund und stellen fest, dass sie gar nicht so zum Fürchten, sondern eigentlich ein wahrhafter Luxus ist ... In diesem Sinne: Lange Ferien!

Langeweile hat einen schlechten Ruf und befällt sie einen, ist man schnell versucht, ihr zu entfliehen. Nicht von ungefähr kommt der Ausdruck „Zeit-Vertreib“. Das geht Großen ebenso wie Kleinen. Wir wagen hier einen Blick auf die guten Seiten dieser unbeliebten Form der Muße.

Keine Frage, alle freuen sich auf die Ferien. Doch sind sie einmal im Gang, können sie zur Herausforderung werden, nämlich dann, wenn die erste Euphorie über so viel freie Zeit in Langeweile, Überdruss und Unlust umschlägt und die lieben Kleinen anfangen, ihre Eltern mit der Erwartung, etwas geboten zu bekommen, umschwänzeln. „Ich habe das nicht mehr ausgehalten, vor allem in den Herbst- und Osterferien, wenn wir nicht weggefahren sind. Die Kinder haben nur noch rumgenölt und wussten gar nichts mit sich anzufangen. Dann habe ich entschieden, sie in einen Malkurs zu stecken,“ berichtet Isabella, Mutter von zwei Söhnen, und fügt mit Nachdruck hinzu, dass sie in Zukunft immer Camps, Workshops oder ähnliches für die Kinder buchen wird, auch wenn es bei ihr keine Frage der Betreuung ist. Warum aber wird „Frei-Zeit“ allzu oft als öde oder leer erlebt? Dagegen läge in den freien Tagen die Chance zu einem entschleunigten Rhythmus, in dem auch Langeweile und damit die Einkehr in sich selbst entstehen könnten. „Die Kunst, sich gesund zu langweilen, wird verlernt, so wie es ihre Eltern verlernen, Langeweile bei Kindern zu ertragen“, schreibt der Philosoph Börries Hornemann. Bianca, Mutter des neunjährigen Gustaf, sieht das auch so und betont: „Dieser Zustand muss allerdings geübt werden, denn man muss ihn auch aushalten können. Meiner Meinung nach ist Langeweile aber wichtig und wie eine Schleuse zur inneren Welt.“

Luxus Langeweile
Kinder leben heute in einer permanenten Fülle von Angeboten aus dem Fernsehen und Internet, Apps und Tablets. Sie können sich mit Spielen oder Filmen dauerberieseln lassen. Nicht dass diese per se schlecht wären, aber sie unterscheiden sich eben vom Zeitfluss realer Erlebnisse. Im Sekundentakt wechselt eine Sequenz zur anderen und der Seele bleibt keine Zeit zu verweilen, Eindrücke zu verstehen, zu verarbeiten und zu verdauen. Dies allerdings ist eine Voraussetzung für das seelische Reifen und später zur Konzentration und eigener Kreativität. Wenn Gustaf sich bei seiner Mutter beklagt, ihm sei langweilig, antwortet sie: „Hast du es gut! Die besten Ideen kommen dir, wenn du Langeweile hast.“ Ihr selbst mangelt es an freier Zeit, und so ist Langeweile aus ihrer Sicht sogar ein Luxus.

Dem Kind lange Weile schenken
Heranwachsende sprudeln von Natur aus einerseits über vor Energie, bewegen sich gern, lieben es zu toben oder neue Spiele zu erfinden. Andererseits trödeln sie gern und halten dabei sozusagen den schnellen Zeitfluss des äußeren Lebens an, um abzutauchen und den Dingen auf den Grund zu gehen. Ganz still können sie dabei werden. Sie bleiben regelrecht stehen, egal wann und wo, während eines Spaziergangs oder auf dem eiligen Weg zum Kindergarten. Vielleicht wird eine Blume, in die sich gerade eine Biene hereinarbeitet, zum Objekt des Interesses. Solch ein Schauspiel kann die ganze Aufmerksamkeit absorbieren und wie ein Spotlight auf nur dieses eine Ereignis wirken. Doch während des äußerlichen Verharrens spielt sich im Inneren des Kindes eine Vielfalt an Prozessen ab, am besten gleichzeitig mit Tasten, Fühlen und Riechen, also einer ganzheitlichen Wahrnehmung. Wie ein Forscher machen sie so sensationelle Entdeckungen.

Reiz der Wiederholung
Auch zu Hause werden Vorgänge, gern mit haptischen Erlebnissen verbunden, stundenlang wiederholt, so zum Beispiel Wasser von einem Behälter in einen anderen zu füllen oder Murmeln eine schiefe Ebenen herunterrollen zu lassen. Dafür nehmen sich kleine Kinder Zeit, anders ausgedrückt, eine lange Weile, bleiben konzentriert dabei und machen sozusagen erste physikalische Beobachtungen. Während das von außen betrachtet langweilig erscheinen mag, nehmen sich Kinder im guten Sinne Zeit – aber natürlich nur, wenn diese ihnen auch zur Verfügung steht und nicht durch einen zu vollen Terminparcours im Alltag ständig unterbrochen wird. Den Entwicklungsbedürfnissen im Kindesalter sollte mehr Rechnung getragen werden und nicht den überfrachteten Zukunftsplänen der Eltern für den Sprössling. Und noch etwas erzählt Bianca, nämlich von dem zehnjährigen Sohn einer Freundin, der eines Tages gelangweilt vor den geliebten Legosteinen saß und nicht mehr wusste, was er damit anfangen sollte. So etwas kann ein Anzeichen für den Abschluss einer Phase sein, für den sich ankündigenden Übergang in eine neue Stufe mit neuen Interessen, die altersgemäß anstehen.

„Boooring!“
Mit seiner Zeit nichts anfangen zu können und sich der Langeweile wie gelähmt ausgeliefert zu fühlen, sollte Anlass sein, nach den Gründen zu forschen. Ist man sich selbst fremd geworden und hat keinen Zugang zu eigenen Interessen? Fühlt man sich, sei es als Kind oder Erwachsener, gezwungen, etwas zu tun, was einen nicht berührt, sollte das geändert werden. Und dann bleibt da noch die Frage, warum Eltern Angst vor der Langeweile ihrer Kinder haben? Fühlen sie sich als Versager in der Konkurrenz zu anderen Müttern oder Vätern, die ihren Kindern tolle Unternehmungen bieten? Manchmal kann aber auch als Antwort auf „Mir ist langweilig“ ein „Komm`, wir spielen etwas zusammen!“ eine wunderbare Lösung sein.

Soforthilfe bei Überdruss

Altbekanntes neu wirken lassen: Ein Buch nochmal lesen, ein Spiel wiederholen. Insbesondere Kinder lieben die Wiederholung und das stundenlang!
Kaugummi-Sonntage: Selbst wenn aus öden Wochenendtagen nichts Produktives wird, bewirkt diese Erfahrung eine andere Sicht auf den Schulmontag und eine kleine Freude auf Neues und aufs Lernen.
Kleine Helfer: Kinder lieben es, im Haushalt oder Garten kleine Aufgaben zu übernehmen. Das macht Spaß und ist eine sinnvolle Tätigkeit.

Anregender Buchtipp:
„Tschüss, Langeweile – Über 100 Beschäftigungsideen.“ Usborne 2019, ISBN 978-3-789-41077-8, Euro 10,95

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