Freizeit

Fußball ist unser Leben …

Jan Wucherpfennig · 13.06.2018

© Emil Zander

© Emil Zander

Fußball – wohl kaum eine andere Sportart fasziniert die Menschen so sehr, zieht sie so in den Bann wie die Jagd nach dem runden Leder. Überall auf der Welt treffen sich Kinder und Jugendliche zum Kicken. Ganz besonders in den Jahren der großen Turniere wie jetzt der Weltmeisterschaft möchten sie mit einer richtigen Fußballmannschaft durchstarten. Chronik einer Eltern-Kind-Vereinskarriere.

Nicht nur zur WM-Zeiten wie diesen Sommer – auch sonst sitzen Fußballfans fast jeden Tag vor dem Fernseher: Irgendein Spiel, Turnier oder Meisterschaft läuft immer. Kaum ein Tag vergeht, in dem es nichts Erstaunliches aus der Welt des Fußballs zu berichten gibt, denn trotz aller Institutionalisierung und wichtiger Fußballfunktionäre gibt es immer wieder den magischen Überraschungsmoment, das Fußballwunder, die Aufstiegssaga oder Abstiegstränen ...

Wen wundert es, wenn die Kinder es dann eines Tages ihren Idolen gleichtun möchten. Oft schon geprägt durch ein Elterteil, das sie noch vor dem Standesamt schon im Verein angemeldet hat – in nicht wenigen Familien gehört der Fortuna-Strampler zur Erstausstattung – treten die Kleinen von Anfang an gegen den Ball. „Sieh mal, der Jan-Malte, was der für’n linken Fuß hat“ – und schon ist Jan-Malte Papas dreijährige Antwort auf Jogi Löws Misere auf der linken Außenverteidigerposition … Logisch, dass Jan-Malte in den Verein muss. Und weil es bis zum ortsansässigen Bundesligaverein zu weit ist, geht es auf den Fußballplatz gleich um die Ecke. Der bietet, wie die meisten Fußballvereine, ein Training für die G-Jugend an – die sogenannten Bambinis. Da tummeln sich die hoffnungsvollen Talente zwischen vier und sieben Jahren. Zur Grundausrüstung gehören Fußballschuhe, Stutzen und Trainingskleidung – Trikots für spätere Spiele werden meist vom Verein gestellt und dann reihum von den Kinder-Kicker-Mamis gewaschen. Von nun an heißt es zwei Mal die Woche zum Training, um zu sehen, wie Jan-Malte gemeinsam mit seinen neuen Spielkameraden in die Geheimnisse des Fußballs eingeweiht wird, zuzuschauen, wie 14 Kinder scheinbar planlos einem Ball hinterherlaufen – nur die beiden arme Kerle, die zum Torwart auserkoren werden, dürfen da nicht mitmachen.

... bei Wind und Wetter

Und so geht das bei Wind und Wetter, ob Hitze, Kälte oder Nässe – Papa – seltener Mama – steht immer am Spielfeldrand. Schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, feuert Jan-Malte an, leidet mit dem Jahrhunderttalent und sehnt sich zurück ins Büro. Und endlich kommt es, das erste Spiel. Es geht gegen die aus dem arroganten Stadtteil von der anderen Rheinseite, da sollen die Kleinen gewinnen, denen zeigen, was eine Harke ist – mehr oder weniger unbewusst beginnen so die Stellvertreterkriege. Zwölf Paar Kinderaugen blicken den Trainer eine halbe Stunde vor Spielbeginn erwartungsvoll an. Wie ein Zauberer holt der einen nagelneuen Satz Trikots aus der Tasche, gesponsert vom Stadtteilimbiss, weil er diesem seine stolze Figur verdankt. Dann endlich erfolgt der Anpfiff. Zwölf Bambinis stürzen sich ins Getümmel – Taktik, Spielaufbau, kontrolliertes Passspiel: Fehlanzeige. Aber irgendwie fallen die Tore doch und nach zwei Mal 20 Minuten hat Jan-Maltes Mannschaft tatsächlich ihren ersten Sieg errungen – 8:5, und auch Jan-Malte hat ein Tor gemacht, jedoch nicht mit dem linken Fuß, sondern mit dem Kopf. „Mein Sohn, das Kopfballungeheuer, ein echter Horst Hrubesch.“ Das war es dann mit Jogis linkem Außenverteidiger …

Schönste Nebensache

Woche für Woche geht es nun am Samstagmorgen um halb zehn zum Fußballplatz. Papa ist immer dabei, verzweifelt auf der Suche nach einer Kaffeebude für sich und die anderen, mitleidenden Eltern. Ein stummes Band der Solidarität entsteht, das plötzlich zerreißt, als der Trainer in der E-Jugend beginnt, das Leistungsprinzip einzuführen. Plötzlich schaut Lasses Papa den von Jan-Malte nicht mehr an, kann nicht einsehen, warum Jan-Malte, der doch offensichtlich ein Fußball-Legastheniker ist, spielen darf und sein Lasse nur auf der Bank sitzt. Die Jungs lässt das allerdings kalt – sie wollen einfach nur spielen, und wenn nicht, freuen und leiden sie mit ihren Mitspielern. Mit der Zeit schwindet die Euphorie der Eltern, oft einhergehend mit der Erkenntnis, dass die ehemals hoffnungsvollen Talente bei dem Verein, in dem sie spielen, gut aufgehoben sind. Wenn es die Zeit zulässt, kommen die Eltern zu den Spielen und lassen ansonsten ihre Kinder in Ruhe. Und nur so bleibt der Fußball für diese die schönste Nebensache der Welt, ob im Verein oder privat – und Jan-Malte wird wohl nie bei Jogi vorspielen müssen.



Tags: Fußball

Kategorien: Freizeit , Stadtgeschehen