Erziehung

Wider die Unterkuschelung

Tina Lorscheidt · 12.03.2018

© valbar - iStock

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Fühlen ist menschlich: Für unser Titelthema in der Märzausgabe der Libelle hat Tina Lorscheidt mit Dr. habil. Martin Grunwald gesprochen. Er erforscht an der Uni Leipzig den menschlichen Tastsinn und dessen Bedeutung für das menschliche Leben. 

Libelle: Welche Bedeutung hat Berührung, körperliche Nähe, für den Menschen?
Dr. Martin Grunwald: Wir Menschen sind Säugetiere, und Säugetiere können sich nur adäquat entwickeln und reifen, wenn ein bestimmtes Quantum an Körperstimulation erfolgt. Körperreize haben enormen Einfluss auf unser Immunsystem, Berührungen können eine Art körpereigene Apotheke in Gang setzen, sowohl in emotionaler als auch in körperlicher Hinsicht. Das kennt jeder, der mal eine Massage erlebt hat: Danach ist man entspannt, es geht einem gut, man hat seine Probleme vergessen. Die neuronale Antwort des Körpers auf Berührung ist enorm. Mit den anderen Sinnen können Sie diese Form von Entspannung und gleichzeitiger Aktivierung nicht erreichen. Deshalb sollten wir uns um Körperkontakt bemühen – Berührungen sind für das menschliche Miteinander essenziell.

Wie vermitteln Menschen körperlich Zuneigung und Vertrauen?
Wenn jemand trauert, nehmen wir ihn in den Arm und versuchen ihn zu trösten. Fußballer fallen wie die Kinder übereinander her, wenn sie ein Spiel gewinnen, bilden einen regelrechten Kuschelhaufen. Wenn sich jemand aufregt, beruhigt man ihn am besten, indem man ihn in den Arm nimmt. Nach einem Streit ist es ein Zeichen der Versöhnung, wenn man sich umarmt. Wichtige Dinge im Leben werden körperlich signalisiert. Wir denken oft, dass Sprache das einzig seligmachende Kommunikationsmittel ist, aber über die Sprache entstehen viele Missverständnisse, die Körperkommunikation ist viel ehrlicher.

Können Veranstaltungen wie Kuschelpartys unser Defizit an körperlicher Nähe auffangen?
Ab einem bestimmten Unterkuschelungszeitpunkt müsste es Kuschelpartys sogar auf Krankenschein geben, das würde die Kosten im Gesundheitswesen drastisch reduzieren. Viele Menschen würden besser leben, wenn sie ein Grundquantum an Körperberührungen bekommen würden. Deshalb finde ich es gut, dass es in unserer Gesellschaft Mechanismen und Angebote gibt, mit denen wir ein Defizit an körperlicher Berührung ausgleichen können. Ich kenne niemanden, der sich auf solchen Veranstaltungen nicht wohlfühlt. Die Leute gehen nach einer Kuschelparty entspannt und beseelt nach Hause. Wir sind Teil der Biologie und nicht Teil der Technik, und wir wollen gekrault werden. Berührung ist ein menschliches Grundbedürfnis.

Wie können Paare mehr Berührung in ihren Alltag bringen?
Der erste Schritt wäre, die eigene Berührungsbedürftigkeit zu ermitteln. Das ist für viele schon eine Hürde, weil sie denken, sie müssten sexuell aktiver sein und Körperberührung immer mit Sexualität verbinden. Dann muss man überlegen, wie man das kommunizieren und dann auch organisieren kann. Es fällt aber vielen sehr schwer zu sagen: Hör mal zu, ich will nicht immer gleich Liebe machen, ich will manchmal nur deine Nähe spüren. Frauen haben da eher einen Zugang, Männer verstehen das oft nicht. Aber wenn man darüber redet, ist schon ein erster Schritt getan. Langjährige Paare haben manchmal noch nicht einmal fünf Minuten Körperkontakt am Tag, das muss Mann und Frau sich erst einmal bewusstmachen. Die wichtigen Dinge zwischen zwei Menschen kann man nicht in Worte fassen. Dass man jemanden gernhat und er einem ans Herz gewachsen ist, das sind so elementare Gefühle, die kann man am besten durch eine Streicheleinheit oder anderen Körperkontakt transportieren. Wenn man das einsieht, muss man auch nicht so viele Grundsatzdiskussionen führen. Viele Paare reden sich um Kopf und Kragen, statt einfach zu sagen: Kannst du mich bitte mal umarmen oder einfach mal für fünf Minuten bei mir sein?

Welche Rolle spielt Berührung für die Beziehung zu unseren Kindern?
Berührungen sind für die Eltern-Kind-Beziehung essenziell. Wie können Sie einem einjährigen Kind klarmachen, dass es gut ist, dass es da ist? Da können Sie reden, wie Sie wollen, das mag irgendwelche neuralen Feuerwerke auslösen, aber die Grundbotschaft können Sie nur körperlich transportieren. Wenn Sie das Kind beruhigen wollen, machen Sie das körperlich, nehmen das Kind in den Arm. Mit Körperkontakt schläft es ein. Mit Körperkontakt zeigen Sie auch Grenzen auf: bis hierhin und nicht weiter. Körperkontakt ist für Eltern ein extrem wichtiges Kommunikationsmittel und gleichzeitig ein Lebensmittel. Kinder, die nicht hinreichend berührt werden, sterben oder degenerieren, das weiß man aus der Tierforschung und aus verschiedenen Waisenheimen.

Gibt es ein Alter, ab dem dieser Körperkontakt zum Kind nicht mehr so wichtig ist oder gar zurückgenommen werden sollte?
Es gibt Leute, die sagen, das muss mit zehn oder elf Jahren aufhören – das ist völliger Quatsch. Die Kinder entscheiden selbst, wann das zurückgedreht werden muss, die sagen irgendwann zu ihren Eltern: Du stinkst oder du gehst mir auf den Keks. Aber solange die Kinder Körperkontakt einfordern, solange sind die Eltern Körperkommunikationspartner. Irgendwann hört das auf, aber der Zeitpunkt ist bei jedem Kind anders. Dafür gibt es keine Regel. Niemand kann sagen: So oder so viel Körperkontakt braucht ein Mensch oder ein Kind. Meine Kinder haben nach dem Vorlesen immer eine Kraul-Einheit von mir bekommen. Danach sind sie prima eingeschlafen, einfach so, weil sie zur Ruhe gekommen sind. Wir hatten auf diese Weise eine intensive Zeit miteinander, und das war ein gutes körperliches Gefühl.

Vielen Dank für das Gespräch!



Dr. habil. Martin Grunwald, geboren 1966, gründete 2008 das Haptik-Labor am Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung der Universität Leipzig. Dort erforscht er die Wirkungsweise des menschlichen Tastsinns, entwickelt Therapien für psychisch bedingte Störungen der Körperwahrnehmung und berät als Begründer des Haptik-Designs weltweit Industrieunternehmen bei der Gestaltung neuer Produkte. In seinem neusten Buch „Homo Hapticus – Warum wir ohne Tastsinn nicht leben können“ (Droemer & Knaur 2017) beschreibt Dr. Grunwald anschaulich und mit vielen Beispielen, welchen großen Einfluss der Tastsinn auf unser gesamtes Leben hat. Das Buch wurde in die Auswahlliste zum Wissenschaftsbuch des Jahres 2018 aufgenommen.

Tags: Berührung , Interview , Titelthema

Kategorien: Erziehung