Erziehung

Werbung manipuliert Wünsche

Juliane Faller · 02.07.2020

Jörg Schieb, Medienexperte beim WDR, über den Stellenwert digitaler Medien in der Familie, den Einfluss von Smarthome-Produkten in der Familie und worauf Eltern bei der Mediennutzung ihrer Kinder achten sollten.

Libelle: Welchen Stellenwert haben digitale Medien in der Familie?

Jörg Schieb: Leider mittlerweile einen sehr hohen. Kinder wachsen heute wie selbstverständlich mit Instagram, Youtube, Google und Co. auf – und natürlich mit dem Smartphone. Das bedeutet für Eltern: Sie verlieren früher als nötig ihre Deutungshoheit. Die Inhalte im Netz bestimmen zunehmend die Haltung der Kinder, ihre Erfahrungen. Werbung manipuliert ihre Wünsche. Das ist nahezu unvermeidlich und ein riesiges Problem. Hinzu kommt, dass nicht wenige Eltern den digitalen Konsum sogar begrüßen als eine Art Babysitter. Das ist besonders gefährlich. Hinzu kommt, dass Kinder sehen, dass ihre Eltern als Vorbilder auch viele digitale Medien konsumieren. Dazu gehören am Ende auch Mediatheken und vor allem Streamingdienste.

Verbringen Eltern zu viel Zeit mit ihrem Smartphone?

Jörg Schieb: Ja. Viele Eltern verbringen zu viel Zeit mit ihrem Smartphone – vor allem, wenn die Kinder anwesend sind. Das ist ein riesiger Fehler. Ich sehe oft Mütter, die den Kinderwagen schieben oder auf dem Spielplatz sitzen und dabei aufs Smartphone starren. Mal abgesehen davon, dass Babys das nicht mitbekommen, entfernt das die Mütter (oder Väter) von den Kindern. Es ist keine gemeinsam verbrachte Zeit. Es entsteht Entfremdung.

Worauf sollten Eltern bei der Mediennutzung ihrer Kinder achten?

Jörg Schieb: Komplett verbieten ist heute natürlich unrealistisch. Es geht um Medienkompetenz bei den Kindern. Die kann aber nur entstehen, wenn es auch Medienkompetenz bei den Eltern und Erziehern oder Lehrern gibt. Daran mangelt es erheblich. Kinder sollten behutsam herangeführt werden an diese Medien und auch kritisch begleitet. Das muss selbstverständlich altersgemäß passieren. Es geht darum, gemeinsam ins Netz zu gehen, Fragen zu stellen und Fragen zu beantworten. Bei größeren Kindern sollte man sich regelmäßig die Kontakte anschauen – um sicherzustellen, dass keine Fremden darunter sind. Insbesondere bei TikTok ist es auch wichtig, sich anzusehen, was die Kinder sich anschauen und was sie selbst ins Netz stellen.

Welche Bedeutung haben soziale Netzwerke für die heutigen Jugendlichen?

Jörg Schieb: Soziale Medien sind asoziale Medien. Sie sind gierig, was die Daten angeht, sie sind manipulativ im Hinblick auf Werbung und sie sind verdorben bezogen auf Inhalte. Das gilt ganz besonders für TikTok. Aber selbst Instagram, wo die Inhalte in der Regel zwar eher harmlos, aber auch verstörend sein können, weil die anderen immer ein tolles Leben zu haben scheinen, kann zu Konflikten, Nöten, Sorgen und einem verringerten Selbstbewusstsein führen. Das gilt es unbedingt im Blick zu behalten. Es gibt keinen Grund, Kinder im Grundschulalter überhaupt in solche Netzwerke zu lassen. Später sollte das nur streng kontrolliert und begleitet passieren. WhatsApp ist zwar kein soziales Netzwerk, aber heute beinahe Pflicht für Kinder – und auch hier muss aufgeklärt werden: Mobbing, Kettenbriefe, Kontaktversuche durch Fremde. Es drohen viele Gefahren.

Welchen Einfluss haben Smarthome-Produkte wie Alexa auf das Familienleben?

Jörg Schieb: Auf das Familienleben noch keinen allzu großen. Das wird sich aber ändern. Die Verbreitung dieser Apparate ist nicht aufzuhalten. Sie können künftig immer mehr und können dann auch Familienmitglieder unterscheiden. Das Schwierige bei diesen Assistenten ist: Es gibt gar keine oder nur schwer zugängliche Protokolle, wer was gemacht hat und welche Ergebnisse zurückgeliefert wurden. Die Macht der Betreiber nimmt noch weiter zu.

Jörg Schieb ist ein deutscher Journalist und Autor im Bereich Programmierung, Anwendungssoftware und Digitalisierung. Seit Mitte der 1980er-Jahre schreibt er Bücher und Beiträge in Computerzeitschriften über dieses Themenfeld.
Während er anfangs Computerthemen vor allem leicht verständlich erklären wollte, kümmert er sich heute vor allem um die gesellschaftlichen Konsequenzen und treibt Debatten aktiv voran.

 

 

 

 

Hier geht es zum Libelle-Interview mit Patricia Cammarata, Autorin und Bloggerin, die eine etwas andere Meinung zur Medienerziehung hat.

Tags: Digitale Familie , Jörg Schieb , Meidenkonsum

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