Erziehung

Was macht die Corona-Auszeit mit Kindern?

Andrea Vogelgesang · 16.05.2020

© ulkas – AdobeStock

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Die Auszeit, der Stubenarrest – das war einmal ... oder doch nicht? Gerade Kinder fühlen sich durch die Corona-Maßnahmen wie im Stubenarrest.

Eine nicht gerade pädagogisch wertvolle Erziehungsmaßnahme der 1960er-, 70er-Jahre – heute zuweilen auch noch eingesetzt – war und ist der Stubenarrest. Sozusagen als Strafe. Wer könnte sich nicht an Kindheitstage erinnern, zu Hause eingesperrt, während durchs Fenster die Altersgenossen draußen beim gemeinsamen Spiel zu hören und sehen waren? Irgendwie sind die Coronazeiten mit der verordneten Kontaktsperre nun so etwas wie ein großer und sehr, sehr langer Stubenarrest. Allerdings für alle gleichzeitig, das mag leichter zu ertragen sein. Und nicht, weil man vielleicht Vater oder Mutter geärgert hätte und es zu Hause Stress gab. Dieses Mal gibt es keinen visualisierten Grund wie eine zerschepperte Blumenvase, Fußspuren auf dem frisch gewischten Küchenboden oder die versemmelte Klassenarbeit. Ohne sichtbaren Anlass, sondern aufgrund einer für sie meist nur abstrakten gesundheitlichen Gefahr müssen Jungen und Mädchen (samt ihren Eltern) mittlerweile schon seit Wochen die meiste Zeit zu Hause verbringen.

Das ist je nach Alter schwer nachzuvollziehen und vor allem auch auszuhalten. Die erste kleine Euphorie über die „Corona-Ferien“ ist in eine aus der Zeit gefallene Ewigkeit umgeschlagen, wie es eine Siebenjährige mit der Frage auf den Punkt bringt: „Welcher Tag wäre heute eigentlich?“ Eltern haben nun alle Hände voll zu tun. Nicht nur mit Homeschooling und Homeoffice, sondern eben auch mit dem Seelenzustand ihrer Kinder. Denn auch wenn Kitas und Schulen inzwischen in einem Plan zur Rückkehr der Betreuung und des Unterrichts in den Einrichtungen stecken – für die einzelnen Kinder bedeutet das trotzdem bis zu den Sommerferien nur ganz vereinzelte betreute Tage außerhalb des eigenen Zuhauses.

Hinter verschlossenen Türen

Um die Seelenlage, die psychische Gesundheit der Kinder sind die Mitarbeiter der Jugend- und Elternberatung der Stadt Düsseldorf besorgt. „Unser Team hat mit Unterstützung anderer Fachstellen seit Beginn des Lockdown in einem rasanten Tempo eine pädagogisch-psychologische Beratungshotline entwickelt, die bereits Ende März an den Start ging und seitdem mit großer Nachfrage von den Düsseldorfer Familien genutzt wird“, berichtet Birgit Mewes, die sich als Diplom-Sozialarbeiterin und psychoanalytisch-systemische Familien-, Paar- sowie Kinder- und Jugendtherapeutin mit familiären Problemsituationen bestens auskennt. Und eines ist klar: Momentan ist ihre Beratung, wenn auch corona-bedingt zurzeit nur telefonisch, noch häufiger gefragt. Befürchtet werden mögliche psychosoziale Folgewirkungen durch das Kontaktverbot und das „Eingesperrtsein“, verstärkt noch dadurch, dass gleichzeitig Begegnungen der Kinder zu außerfamiliären Bezugspersonen oder Ansprechpartner*innen unmöglich waren und derzeit nur sehr beschränkt erlaubt sind.

Was hinter verschlossenen Türen momentan abläuft, vor allem auch in belasteten Verhältnissen, dringt kaum nach draußen. Birgit Mewes hat im Rahmen ihrer Arbeit viele Einblicke und beruhigt zunächst: „Es gibt weniger Beratungsgespräche im Rahmen von Kinderschutz als erwartet, aber viele Anfragen zum Kindesumgang bei getrennt Lebenden und zum Thema Überlastung durch die herausfordernde Betreuungssituation. Tatsächlich wird man die Auswirkungen der einschränkenden Maßnahmen auf die Psyche und das Sozialverhalten der Kinder und Jugendlichen wohl erst in einigen Wochen oder Monaten beurteilen können. Viele Familien haben allem Anschein nach die Umstellung auf den ungewohnten Alltag sehr engagiert angenommen und sich den vielfältigen Herausforderungen gestellt.“

In Bewegung bleiben

Im alltäglichen Umgang mit all den Einschränkungen erfährt Mewes immer wieder von kreativen Ideen: „So werden zum Beispiel Bewegungsparcours in der Wohnung aufgebaut, damit Grundschulkinder zwischen dem Absolvieren ihrer Lernprogramme aus der Schule Ablenkung finden und später wieder konzentriert weiterarbeiten können.“ Es mache den Eindruck, dass Eltern ein Bewusstsein für die Wichtigkeit der Motorik ihrer Kinder hätten. Sehr kleine Jungen und Mädchen sind von sich aus motorisch aktiv, sie hüpfen, springen, laufen gerne. Ab dem Kindergartenalter hingegen bräuchten sie äußere Reize, mehr Bewegungsspielraum und vor allem Spielpartner*innen – und empfänden besonders diesen Mangel an Kontakt zu Gleichaltrigen nahezu als körperlich schmerzhaft. Das und auch der Beziehungsabbruch zu vertrauten Betreuungs- und Bezugspersonen (Großeltern, Erzieher*innen, Lehrer*innen etc.) kann sich negativ auf die Entwicklung auswirken.

Der Wiesbadener Sport- und Bewegungswissenschaftler Dr. Dieter Breithecker zählt das Verlangen nach Bewegung und Spiel zu den natürlichen „Grundbedürfnissen" neben Liebe, Zuneigung, Anerkennung, Lob, Wertschätzung und sozialer Bindung. Nun fallen in den Alltag eingebettete Angebote aus der OGS oder dem Sportverein ja weg. Nicht einmal der tägliche Schulweg, bestenfalls zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt, fand über Wochen statt und fällt auch trotz der momentanen Lockerungen für viele immer noch weg. Da liegt es auf der Hand, dass Kinder aus besser gestellten Familien, mit einer größeren Wohnung oder einem Haus mit Auslauf im Garten diese Zeit sicherlich besser überstehen als ihre Altersgenossen aus sozial schwachen Schichten. Auch macht es einen Unterschied, ob man in dieser Ausnahmesituation, in der Begegnungen mit Freunden tabu sind, Geschwister hat oder als Einzelkind von morgens bis abends von Erwachsenen umgeben ist. Eltern können auf Dauer das Spielen mit anderen Kindern nicht ersetzen.

A walk in the park

Nun ist es ja so, dass, man könnte fast sagen, wie zum Ausgleich zu dieser nie dagewesenen Krise, das äußere Szenario gegen den Lockdown seit Wochen mit blauem Himmel, viel Sonne und guter Luft ausgeglichen wird. Ausflüge in Gruppen sind zwar verboten, aber Spaziergänge nicht. In Parks oder Grünanlagen, die es in Düsseldorf ja glücklicherweise zur Genüge gibt und die jetzt auch wieder ihre Spielplätze geöffnet haben, kann mit Ball- oder Laufspielen auf der Wiese der so wichtige Bewegungsdrang ausgelebt werden. Und das tut Müttern und Vätern ebenso gut wie ihrem Nachwuchs.

In Gesprächen mit einigen Eltern – in sicherer Zweimeter-Distanz, versteht sich – tritt auch noch ein anderer Aspekt hervor, ein guter: Die Freiheit von Termindruck ohne das entsprechende Pensum an Schul- und Nachmittagsveranstaltungen ermöglicht einen ungetrübteren Blick auf die persönliche Beziehung zu dem Kind. Der wohltuende Effekt liegt in einer Art Entschleunigung: „Das würde ich gern in die Nach-Coronazeit retten“, wünscht sich Mutter Christina über den Gartenzaun hinweg. Im Übrigen, was die Redewendung „A walk in the park” wörtlich bedeutet, ist klar. Im übertragenen Sinn heißt es so viel wie, etwas zu tun, was einem leichtfällt und angenehm ist. Das trifft natürlich nicht wirklich auf diese Zeiten zu, aber das Gegenteil eben auch nicht zu 100 Prozent. Also lassen wir uns doch dieses Idiom bei seinem metaphorischen Sinn nehmen, soweit es eben geht, bis diese herausfordernde, unfreiwillige Auszeit wieder vorüber ist.

Auswirkungen der Corona-Maßnahmen auf Kinder

Hier geht’s zu einem Interview mit Birgit Mewes von der städtischen Beratungshotline.

Die telefonische Beratungshotline der Stadt Düsseldorf für Eltern, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene ist montags bis freitag von 8 bis 17 Uhr erreichbar unter Telefon 0211.899 53 34. Die Beratung erfolgt freiwillig, streng vertraulich und kostenfrei. Hier gibt es mehr Infos dazu.

Tags: Corona , Kinder , seelische Gesundheit

Kategorien: Gesundheit , Erziehung