Erziehung

Wärme, Nähe, Zärtlichkeit

Das Interview führte Eva Rüther. · 11.11.2019

© Andreas Endermann

© Andreas Endermann

Für das Titelthema im November haben uns Kinder ihre liebsten Kuscheltiere gezeigt. Experten erklären die Bedeutung der Plüschfreunde.

Für den einen ist es lediglich ein mit Schaumstoff gefüllter, abgenutzter Plüschstoff. Aber für die meisten anderen – Kinder wie auch manchmal Erwachsene – haben Kuscheltiere eine große Bedeutung. Im Libelle-Fotoshooting haben wir ganz viele Kinder und ihre plüschigen Lieblinge abgelichtet – die Bilder sprechen für sich. Aber warum hängen wir so an unseren kuscheligen Lieblingen? Professor Doktor Michael Schulte-Markwort, Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hamburg-Eppendorf, und Hans Dusolt, Diplom-Psychologe in München, geben Auskunft.

Libelle: Seit wann gibt es Kuscheltiere?
Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort: Kuscheltiere gab es immer schon. Auch in allen anderen Kulturen tragen Kinder etwas mit sich herum, mit dem sie kuscheln können.

Wieso entwickelt sich so schnell ein Kontakt zu einem Kuscheltier?
Michael Schulte-Markwort: Kuscheltiere sind Übergangsobjekte, die Kinder trösten, mit denen sie sprechen und denen sie ihre Gefühle anvertrauen können. Ich denke, es ist auch das Material, das Weiche, das Kinder anspricht, da es sich ähnlich wie die Haut anfühlt. Manche Kinder haben ja statt einem Kuscheltier lieber ein Schnuffeltuch, das vielleicht nach Mamas Parfum duftet.
Hans Dusolt: So sehe ich es auch: Ein Kuscheltier ist weich und schmusig und erfüllt ein menschliches Bedürfnis nach Wärme, Nähe und Zärtlichkeit. Es dient psychologisch gesehen als Übergangsobjekt, um die Nähe der zeitweise abwesenden Eltern zu ersetzen, oder auch, um sich innerlich von den Eltern abzunabeln.

Was bedeutet ein Kuscheltier für das Kind?
Hans Dusolt: Ein Kuscheltier kann Wegbegleiter für das Kind in seiner kindlichen Entwicklung bis hin zur emotionalen Ablösung von den Eltern und darüber hinaus sein.
Michael Schulte-Markwort: Ein Kuscheltier wird natürlich gern zum Trösten benutzt. Aber es hilft auch, stabil zu bleiben. Die Beziehung zu einem Kuscheltier ist für Jungen und Mädchen wichtig und besonders. In der Kleinkindphase spielt noch das magische Denken eine Rolle; deshalb streiten sie auch manchmal mit ihrem Kuscheltier, hauen es auch schon mal. Kinder müssen viele Erlebnisse und innere Konflikte verarbeiten und können das eben gerade mit einem Kuscheltier sehr gut.

Mein Kind hat sein Kuscheltier zerschnitten. Was kann ich machen?
Hans Dusolt: Sie können einfühlsam nachfragen, was es bewogen hat, das Kuscheltier zu zerschneiden: Vielleicht hat es sich über die Eltern, Geschwister oder jemand anderen geärgert und hat seine Aggression auf das Kuscheltier umgeleitet? Vielleicht hat es selbst schwere körperliche Gewalt erfahren und vollzieht seine Erlebnisse mit Hilfe des Kuscheltiers nach? Vielleicht hat es ein neues, noch kuscheligeres Kuscheltier bekommen und braucht das alte nicht mehr? Vielleicht wurde es von Freunden oder Erwachsenen wegen des Kuscheltiers ausgelacht und mag es deswegen nicht mehr? Vielleicht will es aber auch beweisen, dass es schon so groß ist, dass es keines mehr braucht? Eltern sollten jedenfalls nicht der Versuchung verfallen, sich vorschnell auf eine bestimmte Interpretation festzulegen!
Michael Schulte-Markwort: Wie schon gesagt, kann ein Kind mit seinem Kuscheltier auch streiten und es hauen. Wenn das Kind es zerstört, kann eine große Wut dahinterstecken. Als Erwachsener sollte ich mich nun dafür interessieren, warum das Kind so wütend ist, was die Quelle ist. Ich empfehle Eltern dann, mit dem Kind zu sprechen – allerdings sollten sie dann im Rollenspiel bleiben. Wenn ich als Mutter nachfragen würde, könnte das Spiel vorbei sein. Der Grund für die Wut finde ich im Rollenspiel besser heraus.

Das Kuscheltier schweigt wie ein Grab

Können Kinder durch das Kuscheltier etwas lernen – zum Beispiel Empathie?
Michael Schulte-Markwort: Das passiert automatisch; ich würde sagen, ein Kuscheltier unterstützt eher die Entwicklung des empathischen Denkens.
Hans Dusolt: Kinder können dem Kuscheltier ihre geheimsten Gedanken und Gefühle anvertrauen. Das Kuscheltier ist absolut vertrauenswürdig, es schweigt wie ein Grab. Die Kinder brauchen deshalb nicht zu fürchten, kritisch befragt, ausgelacht oder gar bestraft zu werden. Kinder lernen damit, sich ihrer eigenen Gefühle bewusst zu werden und damit besser umzugehen. Sie lernen dann auch, für sich jeweils zu entscheiden, welche ihrer Gefühle sie wem anvertrauen wollen.

Steht ein Kuscheltier in „Konkurrenz“ zur Mutter; ist es gar ein Zeichen dafür, dass Mutter oder Vater nicht liebevoll genug ist?
Hans Dusolt: Ein Kuscheltier steht sicher nicht in Konkurrenz zu den Eltern. Es kann aber sein, dass das Kind zu dem Kuscheltier mehr Vertrauen aufbaut als zu den Eltern, wenn es die Erfahrung gemacht hat, dass es von den Eltern häufig für seine Gefühlsäußerungen negativ sanktioniert wurde.

Gibt es mehr Mädchen als Jungen, die Kuscheltiere lieben?
Michael Schulte-Markwort: Mädchen haben eher ein Kuscheltier als Jungs; das liegt aber oft auch an der geschlechtsspezifischen Erziehung.

Mein Kind mag keine Kuscheltiere – was kann die Ursache sein? Ist das ein schlechtes Zeichen?
Michael Schulte-Markwort: Nein, das kann man gar nicht so sagen. Es hat vielleicht etwas anderes, durch das es sich beruhigt, womit es Erlebnisse verarbeiten kann.
Hans Dusolt: Ein Kuscheltier ist nicht für jedes Kind wichtig. Manche Kinder haben andere Übergangsobjekte. Das kann ein Schnuller, ein Kissen, ein Feuerwehrauto, ein Bild oder auch mal eine Batman-Figur sein. Und manche Kinder werden auch ganz ohne Übergangsobjekte groß ...

Kinder suchen den Liebling aus

Nach welchen Kriterien sucht sich ein Kind sein Kuscheltier aus?
Hans Dusolt: Sicher nicht nach „objektiver“ Schönheit. Oft sind die ersten Kuscheltiere die wichtigsten oder auch die, die im Laufe der Jahre genauso zerzaust wurden, wie die Kinder sich selbst innerlich manchmal fühlen. Bei vertrauensvollen Wegbegleitern spielt Schönheit keine Rolle. Kuscheltiere dürfen manchmal nicht einmal gewaschen werden, sie müssen ganz behutsam behandelt werden!
Michael Schulte-Markwort: Ganz klassisch schenkt ja die Patentante dem Kind das erste Kuscheltier. Heutzutage bekommen die Kinder allerdings so viel geschenkt, dass sie sich selbst einen Liebling aussuchen können. Das sollten Eltern dann auch akzeptieren, auch wenn der Teddy nach einiger Zeit schon halb kaputt ist. Wenn das Kind älter ist, kann es sich selbst ein Kuscheltier aussuchen; es kann auch sein, dass mir als Vater ein Exemplar besonders gut gefällt, das mein Kind aber wegen seiner Farbe, des Materials überhaupt nicht mag.

Gibt es eine übertriebene oder falsche Liebe zu einem Kuscheltier?
Michael Schulte-Markwort: Mit einem Kuscheltier lebt das Kind in einer Übergangsobjektwelt. Wichtig ist, dass es sich auch der erlebbaren Welt zuwenden kann. Schwierig ist, wenn es aus dieser Welt nicht mehr herauskommt. Aber, ganz ehrlich, das habe ich bisher ganz selten erlebt.

Was bedeutet es, wenn auch Erwachsene Kuscheltiere sammeln?
Michael Schulte-Markwort: Für viele Erwachsene ist ein Kuscheltier nur ein Talismann. Schwierig wird es, wenn regressives Verhalten dahintersteckt – also wenn die Psyche des erwachsenen Menschen wieder klein wird. Hier muss man therapeutisch handeln. Gerade auch demenzkranke Patienten können in diese regressiven Phasen kommen und brauchen dann ein Kuscheltier als Trost, als Begleiter.
Hans Dusolt: Ein emotional hoch besetztes Kuscheltier erfüllt immer eine wichtige Funktion, auch für Erwachsene. Es ist ein vertrauensvoller Partner, mit dem man keine Konflikte austragen muss und der über Einsamkeit hinweghelfen kann. Für manche Erwachsene hat das Kuscheltier immer noch eine hohe emotionale Bedeutung, auch für solche, die in lebendigem und sozialen Austausch mit anderen stehen. Manche Erwachsene sammeln aber auch Kuscheltiere, weil es ihnen Spaß macht. So wie andere vielleicht Briefmarken sammeln. Gerade für alte, einsame Menschen kann ein Kuscheltier, ähnlich wie ein echtes Tier, eine wichtige soziale Ersatzfunktion haben.

Libelle-Interviewpartner
Der Diplom-Psychologe Hans Dusolt arbeitet unter anderem als Psychologischer Psychotherapeut, Systemischer Therapeut und Familienmediator in seiner Praxis in München. Daneben hat er weitere Zusatzqualifikationen und ist als Referent tätig.
 
Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort arbeitet als ärztlicher Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik und des Zentrums für Psychosoziale Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Bekannt wurde er auch durch seine Veröffentlichungen zum Burnout bei Kindern.

Tags: Entwicklungspsychologie , Erziehung , Kuscheltier

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