Erziehung

Vertrauenssache

Andrea Vogelgesang · 23.10.2018

© valbar – iStock

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Sind unsere Kinder überbehütet? Kinderarzt und Buchautor Herbert Renz-Polster erklärt die Ängste der Eltern und fordert Freiräume für Kinder.

Trauen Eltern ihren Kindern heutzutage zu wenig zu?

Heutzutage kommt meist gleich der Hammer, in dem Sinne, dass die Eltern früher alles besser gemacht haben. Dabei trauen sie meiner Meinung nach ihren Kindern heute auch sehr viel zu. Manchmal sogar zu viel, wenn ich zum Beispiel daran denke, wie früh und wie lange schon ganz kleine Kinder manchmal in Krippen gebracht werden. Insgesamt finde ich aber, dass Mütter und Väter heute im Umgang mit ihrem Nachwuchs eher offener, neugieriger und weniger festgelegt sind. Und ja, vielleicht sind sie deshalb manchmal unsicher. Aber das kann ja auch eine Ressource sein – schauen Sie sich einmal an, welchen Unsinn Eltern gemacht haben, als sich alle sicher waren, wie Erziehung geht.

Woran liegt die Tendenz zum Überbehüten?

Ich weiß nicht, ob es diese Tendenz so wirklich gibt, jedenfalls kenne ich keine Zahlen dazu. Dass Eltern heute jedoch viel von ihren Kindern verlangen, das sehe ich schon, und auch, dass sie oft ihre Söhne und Töchter zu mehr Bildung, mehr Förderung, mehr Programm antreiben. Sie haben einfach Angst, denn die Aufzüge in der Gesellschaft fahren ja nicht mehr so verlässlich nach oben, wie es in den Wirtschaftswunderjahren einmal war. Klar kriegen die Eltern da leicht Panik und fangen an, ihre Kinder zu schieben und zu drängeln. Dabei sollten Jungen und Mädchen in der Kindheit auch Kinder sein dürfen und nicht nur unter dem Blickwinkel (als zukünftige Angestellte, Fachkräfte oder was auch immer) ihrer beruflichen Zukunft gesehen werden. Natürlich schicken Eltern ihre Kleinen lieber in ein „Haus der kleinen Forscher“ als in ein „Haus der kleinen Altenpfleger“. Aber der Weg, auf dem Kinder zu Forschern – oder Altenpflegern – werden, führt nicht über das möglichst frühe So-tun-als-ob.

Was brauchen die Kinder, welche Tipps geben Sie gegen die Angst?

Die Kinder brauchen heute genauso wie früher – oder vielleicht heute noch mehr? – ein Fundament, auf das sie sich verlassen können. Also, dass sie gut mit sich selbst und anderen klarkommen, dass sie innerlich stark und selbstbewusst sind. Ihr wichtigstes Kapital sind bis heute die wachen, neugierigen Augen! Solch einen Heranwachsenden kann man auf seinem Weg – auch auf seinem Bildungsweg – doch gar nicht stoppen. Darin läge das wichtigste Erziehungsziel: Kinder zu Persönlichkeiten werden zu lassen. Dazu brauchen sie aber nicht nur Leitung, Grenzen und die tollen Erwachsenenziele, sondern auch Freiheit, Entdeckungsraum, und ganz viel Rückendeckung durch liebevolle, verlässliche Beziehungen. Eine Kindheit eben, die diesen Namen auch verdient. Ich wünsche mir, dass Eltern wirklich sehr darüber nachdenken, was das für die Kinder heißt.


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