Erziehung

Vererbung und Ähnlichkeit

Eva Rüther · 16.09.2019

© LightFieldStudios – iStock

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Wie gehen wir damit um, wenn unsere Kinder uns auch im Negativen ähnlich sind? Eine kniffelige Frage, der wir in der September-Libelle nachgehen!

„Ganz der Papa!“, juchzen Opa und Oma beim Anblick ihres ersten Enkels. „Das sieht man doch jetzt schon.“ Ist das wirklich so? Oder nur ein Wunsch? Und wie ist es später, wenn der Sohn den ähnlichen Gang hat, wenn die Tochter genauso ungeduldig ist wie die Mutter? Was ist vererbt? Nur die roten Haare oder auch der Charakter? Für alle, die ganz eindeutige Antworten erwarten, sei gesagt: Eindeutig ist gar nichts. Wichtig ist auch, wie wir damit umgehen: Akzeptieren wir die Schwächen unserer Kinder, die sie vielleicht von uns übernommen haben – die Schüchternheit der Tochter, die Unmusikalität des Sohnes? Oder drängen wir die Kinder, die selbst verpassten Lebensträume an unserer Stelle zu verwirklichen? Der psychologischer Psychotherapeut und Familientherapeut Hans Dusolt beantwortet unsere Fragen und gibt Tipps dazu, wie Eltern und Kinder mit ihren Ähnlichkeiten umgehen.

Libelle: Wie ich gehe ich mit meinem Kind um, wenn ich in ihm eigene Schwächen wiedererkenne?
Hans Dusolt: Niemand ist perfekt. Jeder hat seine individuellen Stärken, aber auch vermeintliche oder wirkliche Schwächen. Wir finden eine psychische Balance, wenn wir uns über unsere Stärken freuen, wenn wir aber auch unsere Schwächen als Teil unserer Identität annehmen können. Wenn es uns gelingt, uns selbst so anzunehmen, wie wir sind, dann wird es uns auch nicht schwerfallen, unsere Kinder in ihrer Ganzheit anzunehmen. Wichtig ist der Blick aufs Kind: Willst du, dass ich deine starken Seiten unterstütze, und wenn ja, wie? Erlebst du das, was ich als Schwäche erlebe, auch so? Oder hast du vielleicht gar kein Problem damit? Hilfreich ist immer die Kontrollfrage: Wie hätte ich mir selbst als Kind gewünscht, dass meine Eltern mit meinen (vermeintlichen) Schwächen umgehen?

Libelle: Wie kann ich selbst mit unerwünschten Ähnlichkeiten zu meinen Eltern umgehen?
Hans Dusolt: Wir müssen unsere Eltern als unsere Wurzeln annehmen, ob uns das gefällt oder nicht. Wir werden deshalb immer Ähnlichkeiten zu unserer Mutter oder zu unserem Vater in uns finden, auch dann, wenn wir uns irgendwann einmal vorgenommen haben, ganz anders werden zu wollen als sie. Wir sollten deshalb versuchen, Ähnlichkeiten zu Eigenschaften der Eltern anzunehmen, uns aber auch bewusst sein, dass wir nicht ihre Abziehbilder sind. Wir leben in einer anderen Zeit, in anderen gesellschaftlichen und familiären Zusammenhängen. Wir haben trotz der Ähnlichkeiten die Chance, unser Leben und unsere Verhaltensweisen anders als die Eltern zu definieren und zu gestalten.

Libelle: Was mache ich, wenn das Kind nicht gern Ballett tanzen möchte, wie Mama es sich wünscht?
Hans Dusolt: Talente haben meist genetische Wurzeln, die eine passende Förderung erfahren. Der Mama würde ich empfehlen, sich kritisch zu hinterfragen: Geht es mir wirklich um mein Kind, oder geht es mir darum, mein Kind zu benutzen, um eigene, ungelebte Perspektiven zu realisieren, vielleicht auch, um mich gegenüber der Umwelt als Supermama zu profilieren? Die Mama sollte versuchen, die Perspektive des Kindes einzunehmen: Was macht ihm Spaß? Wie kann ich es unterstützen, dass es seine Fähigkeiten entwickeln und weiterhin Spaß dabei haben kann? Vielleicht wird es dann tatsächlich eines Tages eine ganz berühmte Balletttänzerin. Vielleicht aber auch etwas ganz anderes. Das ist dann der eigene Weg und nicht der von der Mama vorgezeichnete.

Bin ich so wie du? – Ähnlichkeit und Vererbung

Das ausführliche Titelthema könnt ihr in der Septemberausgabe 2019 der Libelle nachlesen oder hier einsehen:
https://issuu.com/xitix/docs/libelle_september_2019

Tags: Ähnlichkeit , Vererbung

Kategorien: Erziehung