Erziehung

Väter vor!

Juliane Faller · 02.12.2019

© Andreas Endermann

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Was macht den „neuen Vater“ der heutigen Zeit aus? Wie bringt er sich in den Familienalltag und die Kindererziehung ein?

Die Libelle hat sich auf dem Spielplatz umgehört – und dort viele tolle Väter getroffen.

Ich sitze mit unserem Sohn im Auto und schaue meinem Mann nach, wie er mit unserer Kleinen an der Hand in Richtung Reinigung läuft, um seine Hemden für die nächste Arbeitswoche abzuholen. Meinem verträumten Blick auf diese beiden geliebten Menschen wäre es fast entgangen, dass ich nicht die einzige bin, die die zwei verzückt betrachtet. Einige ältere Damen schmelzen offenbar dahin und eine, die den zweien entgegenkommt, richtet ein paar bekräftigende Worte an meinen Mann. Mir fallen die Worte meiner Mutter ein, welche sich neulich noch sichtlich überrascht darüber äußerte, welch ein liebevoller und fürsorglicher Vater mein Mann geworden sei. Die Wahrheit ist – ich selbst habe schon meinen eigenen Vater als einen solchen erlebt. Er hatte nur einfach viel weniger Zeit, diese Rolle so auszufüllen, wie er es vielleicht gern getan hätte. Haben sich also die Väter grundsätzlich verändert oder die Rahmenbedingungen oder gar beides? Eins ist sicher: Spätestens seit der Einführung des Elterngeldes und der Partnermonate haben Männer viel mehr Möglichkeiten, sich aktiv in die Aufzucht ihrer Sprösslinge einzubringen. Zusätzlich zu dem Elterngeld, dass ein Elternteil erhält, kann der Partner zwei Monate Elterngeld obendrauf beantragen. Grundsätzlich ist es aber auch möglich, sich die Elterngeldmonate aufzuteilen.

Elterngeld macht's möglich
Tatsache ist – die klassische Rollenverteilung ist noch tief verwurzelt und Gender-Pay-Gap und Co. machen es jungen Paaren schwer, diese aufzubrechen. Unabhängig von den Unterschieden in der Bezahlung der Geschlechter gibt es da dann auch noch die branchenspezifischen Unterschiede. Und mal ehrlich: Wenn der Mann viermal soviel verdient wie die Frau, ist es wirtschaftlich einfach nicht vertretbar, sich die Elternzeit zu gleichen Teilen zu teilen. Die zwei Partnermonate werden gemeinhin auch häufig als Vätermonate bezeichnet, was die Realität vieler Familien in Deutschland widerspiegelt. De facto nehmen Väter heute noch deutlich weniger Elternzeit als Mütter. Im Väterreport der Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahr 2018 heißt es: „Insbesondere bei jüngeren Vätern sind partnerschaftliche Einstellungen weit verbreitet. 60 Prozent der Eltern mit Kindern unter drei Jahren fänden es ideal, wenn sich beide Partner gleichermaßen in Beruf und Familie einbringen könnten. Tatsächlich verwirklicht wird ein partnerschaftliches Modell jedoch nur von einer Minderheit von 14 Prozent der Eltern.“

Authentisch Vater sein
Das Elterngeld Plus, das die Teilzeitarbeit beider Eltern während der Elternzeit attraktiver gestaltet, soll diesen Wunsch vieler Familien begünstigen. Nach wie vor nimmt aber nur jeder dritte Vater unterstützt vom Elterngeld Elternzeit. Der Väterreport zeigt außerdem: Im Vergleich zu ihren eigenen Vätern geben 70 Prozent der befragten Väter an, dass sie stärker in Betreuung und Kindererziehung involviert sind als ihre eigenen Väter. Der Wunsch der Väter heute ist es vielfach, noch mehr Zeit für das Familienleben zu haben. Aber unabhängig davon, wieviel Zeit der Papa zu Hause verbringt: Am Ende zählt dann doch die Qualität und nicht die Quantität. Wieviel Einfluss der Mann auf die Erziehung seiner Kinder hat, hat dann auch häufig damit zu tun, wieviel Raum die Mutter ihm dafür lässt. Für die Motivation spielt am Ende auch die persönliche Entfaltungsmöglichkeit eine große Rolle. Dafür sollten Frauen dem Mann auch einräumen, Dinge anders zu machen als sie selbst, denn die Kinder brauchen keine Kopie ihrer Mama mit Bart, sondern eine authentische Vaterfigur.

Dem Papa was zutrauen
Dies betonen auch die Autoren des Podcasts „Drei Väter – ein Podcast“. In dem Podcast auf Spiegel-Online sprechen Jonas Leppin, Axel Rahmlow und Markus Dichmann darüber, wie das Vatersein für sie so ist und was einen guten Vater ausmacht. Ein Thema von ihnen ist die Diskriminierung, der sie tagtäglich ausgesetzt sind. Dazu gehört für sie auch die positive Diskriminierung, die dadurch entsteht, dass sie ständig gelobt werden, wie toll es sei, dass sie sich um ihr Kind kümmern. „Wenn da mal so ein Exemplar ist, dass es hinbekommt, sein Kind richtigrum in den Kinderwagen zu legen, dann muss das gelobt werden“, erklärt Männertherapheut und Autor Björn Süfke. Aber auch Sprüche der Lehrerin beim Elternabend, dass etwas bitte ins Protokoll aufgenommen werden solle, da so viele Väter anwesend seien, impliziert eine Unzulänglichkeit des männlichen Geschlechts, sich ebenso gut um ihre Kinder zu kümmern. In einer Folge des Podcasts erzählen verschiedene Väter über ihre Alltagserfahrungen, in denen sie als Väter häufig nur als nettes Beiwerk betrachtet werden. „Da frage ich mal lieber die Mama …“, ist dabei ein vielgehörter Satz. Die Moderatoren rufen die Väter dazu auf, sich von Anfang an für ihre Kinder zu engagieren, um nicht in eine Position zu kommen, in der die Frau ihnen das Zepter der Erziehung vollständig aus der Hand nimmt und ihnen bei jeder Möglichkeit der Mitbestimmung über den Mund fährt.

Von Anfang an dabei
Nun ist es aber, gerade am Beginn ein jeder Elternschaft so, dass die Frau einfach mal mehr zu tun hat mit Geburt, Stillen und Co. und der Vater hier in eine Nebenrolle rutscht, aus der er erstmal wieder rausfinden muss. Heute ist der Mann aus dem Kreißsaal nicht mehr wegzudenken, aber tatsächlich ist dies eine sehr junge Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte. Immer mehr Geburtsvorbereitungskurse sind für Paare ausgelegt und es gibt heute sogar solche, die nur für Männer sind und dort ganz spezifisch auf die Möglichkeiten eingehen, wie der Vater sich seinen Platz in der Poleposition sichern und Kind und Frau auf sinnvolle Weise zur Seite stehen kann. Auf der Internetseite vaeterzeit.de werden Geburtsberichte von Vätern veröffentlicht, die auf unterschiedlichste Art die Erfahrungen der Geburt aus Sicht des Vaters schildern. Mario zum Beispiel erzählt von den Nachwirkungen des Kaiserschnitts seiner Frau, die dazu führten, dass seine Rolle als Betreuungsperson direkt stärker gefragt war: „So konnte ich sofort ein echtes Vatergefühl für Marlene entwickeln und wusste ganz schnell, was mit ihr los ist, wenn sie schreit.“ Jens, dessen Tochter zu Hause geboren wurde, war vom positiven Schwangerschaftstest an mit vollem Herzen dabei und erklärt haarklein jede Entwicklung bis nach der Geburt. „Hier war ich der Begleiter und Unterstützer meiner Frau. Sie stand im Mittelpunkt“, führt er aus.

Klischee und Wirklichkeit
Wer ist er also dieser „neue Vater“ und was ist so besonders an ihm? Blicken wir heute zurück und sehen unsere Väter und dann unsere Großvätergeneration, wird klar: Die Vaterrolle hat sich im vergangenen Jahrhundert radikal verändert. Aus dem patriarchalen, womöglich Ledergürtel schwingenden alleinigen Ernährer der Familie, der höchstens mal am Wochenende von seiner Zeitung aufblickt, um sich über die Schulnoten seines Erstgeborenen zu informieren, wurde über die Jahre ein sensibler, zöpfchenflechtender und windelwechselnder Pantoffelheld, der sich in Podcasts darüber ausheult, dass er zu Hause nichts mehr zu sagen hat. Oder? – Natürlich nicht! Denn in unseren Spielplatzgesprächen mit jungen Vätern kam ganz deutlich heraus, dass der moderne Vater eines sicherlich nicht ist – pauschalisierbar. Ebenso wie das Alter, in dem Mann heute Vater wird, variiert auch seine Einstellung zu Themen rund ums Vatersein. Deutlich wird allerdings, dass viele Väter der gemeinsame Wunsch treibt, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, als es ihre Väter konnten, und dankbar für den Aufbruch der Rollenbilder zu sein scheinen. Dabei stehen Themen wie Karriere und Prestige gerade bei jungen Vätern mit kleinen Kindern deutlich weniger im Fokus als gemeinsame Zeit mit der Familie zu verbringen und für ihre Kinder da zu sein.

Lieber Papa – Kosenamen
Papa, Papi, Paps, Pa, Vati, Ätti (Schweiz), Dad, Daddy (Englisch), Baba (Türkisch), Papá (Frankreich), Babbo (Toskana), Tata (Südtirol), Abu (Arabisch)

Bilderbuchväter

Papa Löwe und seine glücklichen Kinder
Papa Löwe hat sieben Kinder und seine Frau geht ins Büro. Am Morgen trägt sie ihrem Mann auf, alle glücklich zu machen, und das macht Papa Löwe natürlich ... Janosch, ab 6 J., Little Tiger 2017, ISBN 978-3-958-78013-2, Euro 14,95

Mann und Vater sein
Ein Plädoyer für Authentizität. Jesper Juul ermutigt in diesem Buch Männer, sich in ihrer Vaterrolle von der Rolle der Frau zu emanzipieren und so eine eigenständige, authentische Elternfigur zu sein. Jesper Juul, Herder 2017, ISBN 978-3-451-60044-9, Euro 18

Wickelpedia – Alles, was man(n) übers Vaterwerden wissen muss
Ein süffisanter politisch inkorrekter Blick auf die Vaterschaft mit ihren Hürden und Stolperfallen. Constantin Gillies, Ullstein 2010, ISBN 978-3-548-28195-7, Euro 11

Ein Mann steht seine Frau – Papa macht Teilzeit, Mama Karriere und das Kind, was es will
Humorvolle Alltags-Anekdoten, aber auch nachdenkliche Zwischentöne eines Düsseldorfer Vaters, der den Rollentausch erfolgreich lebt. Matthias Veit, Epubli 2018, ISBN 978-3-742-71898-3, Euro 8,99, ein-mann-steht-seine-frau.de

Besorgt euch die Printausgabe der Libelle für den Dezember 2019 – dort oder auch online könnt ihr Interviews mit den Vätern von heute nachlesen: https://issuu.com/xitix/docs/libelle_dezember_2019

Tags: Väter heute , Vaterrolle

Kategorien: Erziehung , Stadtgeschehen