Erziehung

Sprache ohne Worte

Andrea Vogelgesang · 16.05.2018

Wenn Worte nicht reichen, um seinem Inneren Ausdruck zu verleihen, kann über die Kunsttherapie ein Zugang geschaffen werden, der sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern überzeugende Wirkung zeigt.

„Wie soll ich nur etwas auf dieses leere Blatt bekommen?“ Dieser Gedanke schoss der 35-jährigen Sophia durch den Kopf, als sie in ihrer ersten Sitzung  bei einer Kunsttherapeutin vor einem großen Block und vielen bunten Farbtöpfen saß. Seit ihrer Schulzeit hatte sie keinen Pinsel mehr in der Hand gehalten und fühlte sich blockiert. Vor allem auch, weil sie den Anspruch hatte, etwas „Gutes“ zustande zu bringen. Und dann berichtet sie weiter: „Ich erinnere mich noch genau, wie ich einfach anfing und langsam ein Bild entstand. Je mehr ich malte, desto besser gelang es mir, Situationen oder Gefühle darzustellen.“ Für die junge Frau war die Erfahrung überraschend, ohne besondere Technik und oder Können etwas aufs Papier zu bringen, wovon sie nun selbst sagt, damit auf eine ganz eigene Art ihr aufgewühltes Inneres gebannt zu haben.

So ein Bericht bestätigt ganz offensichtlich die Aussage des großen Künstlers Joseph Beuys: „Die Kunst ist eine Nährsubstanz für den Menschen, die er einfach braucht, für alle seine Tätigkeiten.“ Er entwickelte in den 70er-Jahren einen „erweiterten Kunstbegriff“, demzufolge sich die Gesellschaft verändern und von alten Maßstäben und Schönheitsbegriffen lösen sollte. Genau diese beiden Aspekte kommen auch in der Kunsttherapie zur Geltung. Es wird geschaffen und gewerkelt, ohne am Ende dem Maßstab einer Beurteilung gerecht werden zu müssen. Ziel ist es, sich selbst näher zu kommen. Denn insbesondere nach traumatischen Erlebnissen fehlen Menschen oft die Worte, um ihre Gefühle auszudrücken, Kindern noch mehr als Erwachsenen. Über eine bildnerische Sprache aber kann es gelingen, sich mitzuteilen und in einen heilsamen Dialog mit sich selbst und der Außenwelt zu treten. Blockaden können sich lösen und es entsteht ein Zugang zu Ressourcen, die sonst nicht genutzt würden.

Probleme auslagern

Die Düsseldorfer Kunsttherapeutin Sabine Bremer weist auf unterschiedliche Vorgehensweisen je nach Alter der Patienten hin: „Mit Kindern reflektiere ich die Resultate im Nachhinein auf eine andere Weise als mit Erwachsenen, bei denen eine gemeinsame Deutung unbewusster Botschaften in einem Anschlussgespräch möglich ist. Bilder oder Plastiken können Therapierenden oder Lehrkräften Aufschlüsse geben. Es bedarf jedoch immer eines guten Feingefühls und der Vorsicht vor Fehlinterpretationen: Wenn Schwarz das Bild dominiert, heißt das nicht unbedingt, dass ein Klient oder eine Klientin depressiv oder bei hohen roten Anteilen aggressiv sein muss. Auch kann die Darstellung einer Pistole nicht vorschnell mit Lust auf Schießen gleichgesetzt werden. Das Werk muss immer im Kontext der ganzen Persönlichkeit gesehen werden.“ Die 49-Jährige sieht die Vorzüge des künstlerischen Schaffens darin, dass keine Leistung erbracht werden muss, sondern Raum zum Ausdruck von Unbewusstem geboten wird.

Traumata verarbeiten

In der Kunsttherapie gibt es viele Methoden, eine davon ist das häufig eingesetzte  erlebnisorientierte sogenannte Messpainting, das ungeordnete Malen. Dabei können Gefühle jeglicher Art, wie Ärger, Wut, Angst oder Freude zugelassen und ausgedrückt werden. Sich dem Malprozess hinzugeben und das persönliche Erleben stehen im Vordergrund. Ein ganz eigenes Produkt am Ende vor sich liegen zu haben, bewirkt meist auch ein tiefes Gefühl der Entspannung. Wenn Gefühle auf künstlerische Weise Ausdruck finden, entsteht die Möglichkeit, Probleme zu verarbeiten. Wohltuend und zentral ist natürlich auch die Aufmerksamkeit von therapeutischer Seite. Doch zurück zur erfahrenen Kunsttherapeutin. Sie sagt noch einen entscheidenden Satz: „Über den Vorgang des Schaffens können Traumata sozusagen ausgelagert werden und am Ende also entweder auf dem Papier oder in einer Plastik sichtbar werden. Sie liegen dann ein Stück weit außerhalb der eigenen Person. Das schafft einen anderen, distanzierteren Blick auf Gefühle oder Probleme.“

Dabei ist die Kunsttherapie eine noch relativ junge Therapieform, die sich erst seit der Mitte des 20. Jahrhunderts aus den USA kommend auch in Europa etabliert hat. Sie wird zu mehr als 90 Prozent von Frauen ausgeübt. Grundsätzlich geht es darum, dass wir Materie gestalten und damit auch uns selbst gestalten. Darüber hinaus aber – und das ist nicht zu unterschätzen – macht es einfach auch richtig Spaß. Deshalb muss die Kreativität auch gar nicht immer von einem ausgebildeten Therapeuten begleitet werden - legen wir doch ruhig einfach mal selbst los und schauen, was passiert!



Tags: Kunst , Kunstthearpie

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