Erziehung

So nehmen alle teil

Juliane Faller · 13.05.2019

© Sergey Novikov - stock.adobe.com

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Kinder haben laut Kinderrechtskonvention das Recht auf eine Meinung. Wie lässt sich das Recht auf Teilhabe in Kindertagesstätten, Schulen – aber auch zu Hause – möglichst gut umsetzen?

„Kinder müssen bei allen Entscheidungen, die sie betreffen, nach ihrer Meinung gefragt werden. Kinder dürfen ihre Meinung frei heraus sagen und diese muss dann auch berücksichtigt werden“, so heißt es in der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen. Für das alltägliche Zusammenleben mit Kindern bedeutet das eine Berücksichtigung der Meinung von Kindern in allen Lebensbereichen – zu Hause, in Kindergarten, Schule und Freizeiteinrichtungen.

„Guten Morgen, Kinder!“ – „Guten Morgen, Frau Schmidt!“ Die einen kichernd, andere noch etwas verschlafen, sitzen die Kinder der Sonnengruppe im Kreis mit ihren Erzieherinnen und begrüßen sich. Nach der Begrüßung und dem gemeinsamen Singen besprechen die Erzieherinnen mit den Kindern den Vormittag. Die Kinder können einen Bereich wählen, in dem sie sich in den nächsten Stunden aufhalten. Ziel ist es, dass jedes Kind die Gelegenheit bekommt, sich selbstbestimmt nach seinen Interessen zu beschäftigen. Es gibt zum Beispiel die Möglichkeit zu basteln, zu turnen oder in den Außenbereich zu gehen. Wenn es den Kindern lieber ist, können sie aber auch in ihrer Gruppe bleiben. Neben den Möglichkeiten der Teilhabe, die die Kinder durch das teiloffene Arbeiten erlangen, stehen ihnen auch weitere Entscheidungen offen – wie zum Beispiel, welches Thema in der Gruppe in den nächsten Wochen eingehender behandelt wird. Wichtig ist dabei, dass den Kindern nicht mehr zugemutet wird, als sie meistern können. Die Auswahl der in Frage kommenden Optionen ist daher von vornherein sinnvoll begrenzt.

Gruppenkonferenz
In vielen Kindertagesstätten wurde oder wird eine sogenannte Kitaverfassung eingeführt, in der genau festgelegt ist, an welchen Entscheidungen die Kinder in der jeweiligen Einrichtung beteiligt werden. Die konkrete Umsetzung, also ob Kinder selbst entscheiden dürfen, ob sie eine Jacke anziehen oder einen Mittagsschlaf machen, hängt dabei von der Gesinnung des Kitapersonals ab, welches die Verfassung schreibt. Eine Erzieherin aus dem Düsseldorfer Osten führt im Gespräch mit der Libelle aus, dass sie neben den Vorteilen, die sich aus der Beteiligung von Kindern ergeben, auch einige Bedenken habe. Häufig, so sagt sie, überfordere es gerade die kleinen Kinder, so viele Wahlmöglichkeiten zu haben. Grundsätzlich glaube sie, dass Teilhabe auch schon in der Kita etwas Gutes sei, aber sie frage sich, wo die Grenzen sein sollen. Sie weist darauf hin, dass Vorschulkinder die natürlichen Konsequenzen ihres Handelns schon ganz anders abschätzen könnten und somit auch stärker in Entscheidungen, zum Beispiel in Form von regelmäßig stattfindenden Kinderkonferenzen, einbezogen werden könnten als Drei- oder Vierjährige. In solchen Kinderkonferenzen haben die Kinder in vielen Einrichtungen die Chance, für die Allgemeinheit geltende Regeln mitzubestimmen.

Begegnung auf Augenhöhe
Welche wichtige Rolle die Beteiligung von jungen Menschen spielt, um ihr Selbst- und Verantwortungsbewusstsein zu fördern, hat auch das Mitarbeiterteam des Anne-Frank-Hauses in Düsseldorf-Garath schon lange erkannt. Das Team der Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtung hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Kinder und Jugendlichen in alle sie betreffenden Entscheidungen möglichst umfassend einzubinden. „Partizipation ist nach unserem Verständnis kein Angebot, sondern eine Selbstverständlichkeit“, erklärt die sozialpädagogische Mitarbeiterin Christina Davidovic begeistert. In Garath, wo auch kürzlich das erste Düsseldorfer Kinderparlament zusammengekommen ist, dürfen die Kinder und Jugendlichen zwischen sechs und 16 Jahren in der Freizeitstätte zum Beispiel ihre Ideen zur neuen Raumgestaltung oder der Bestückung des Kiosks jederzeit äußern oder auf Plakaten festhalten. Und wenn dann Ideen doch mal die Grenzen der bestehenden Möglichkeiten sprengen, birgt das immer die Chance, mit den Kindern über neue Themen ins Gespräch zu kommen und ihnen auf Augenhöhe Perspektiven zu öffnen. Durch die Wertschätzung, die die Jugendlichen dadurch erfahren, spüren sie ihre eigene Selbstwirksamkeit. Für das Ferienprogramm ist zum Beispiel geplant, dass sich die Jugendlichen zusammensetzen und mit Unterstützung der pädagogischen Fachkräfte selbst überlegen, was sie mit dem zur Verfügung stehenden Budget planen wollen. Die Vorstellung, etwas bewirken zu können und bei sich ergebenden Grenzen und Hindernissen gemeinsam Lösungsstrategien zu entwickeln, führe nach Christina Davidovic dazu, dass die Kinder und Jugendlichen lernen, besser mit negativen Erlebnissen umzugehen und sie für sich positiv umzuwandeln.

Selbstbestimmtes Lernen
Auch in Schulen nimmt der Gedanke von Teilhabe heute immer mehr Raum ein. Durch Klassenräte und Schülerparlamente bekommen Schüler auch in vielen Düsseldorfer Schulen immer mehr Raum, um an für sie relevanten Entscheidungen beteiligt zu sein. Durch offene Lernzeiten haben sie außerdem immer häufiger die Chance, auch ihr Lerntempo und ihre Herangehensweise an unterschiedliche Themen selbst zu bestimmen. Wie weit Partizipation an den einzelnen Schulen umgesetzt wird, hängt dabei häufig von der Schulleitung oder sogar von einzelnen Lehrern ab. Einen Schritt weiter möchte an dieser Stelle die Demokratische Schule Düsseldorf gehen, die derzeit noch auf die Antwort der Bezirksregierung für ihre Zulassung für das kommende Schuljahr wartet. Hier soll das Recht auf Selbstbestimmung stärker institutionalisiert und in die gesamte Organisation der Schule integriert werden. Entscheidungen werden zwar auch von einer Schulleitung getroffen, aber diese gestaltet sich aus allen Schülern und Mitarbeitern der Schule. „Da hat dann jeder Mensch eine Stimme, was im Rückkehrschluss auch dazu führt, dass die Schüler in der Überzahl sind und es in der Hand der Erwachsenen liegt, gute Argumente zu finden, um die Schüler von ihrer Sicht der Dinge zu begeistern“, erläutert Tom Knevels, Pädagoge und Mitbegründer der Demokratischen Schule Düsseldorf. Die Idee ist, dass sich die Kinder mit den Dingen beschäftigen, die sie interessieren, ohne an einen strikten Lehrplan und Bewertungen gebunden zu sein. Die Erfahrung von bereits bestehenden demokratischen Schulen zeige, so Knevels, dass eine solche Form des selbstbestimmten Lernens dazu führe, dass die Lernenden das Interesse am Lernen behalten und am Ende, wenn auch manchmal auf Umwegen, zu demselben Wissen gelangen. Dies können sie in der zehnten Klasse in einer externen Prüfung überprüfen und dann entscheiden, welchen weiteren Abschluss an einer Regelschule sie im Anschluss an ihre Zeit in der Demokratischen Schule anstreben.

Teilhabe zu Hause
Wie unterschiedlich die Meinungen auch sind, in einem stimmen die meisten Förderer von Partizipation bei Kindern überein: Teilhabe kann und darf nicht bedeuten, dass Entscheidungen auf Kinder abgewälzt werden, sondern, dass ihnen im Rahmen ihrer Möglichkeiten zugetraut wird, mitzuentscheiden, wie sie ihr Leben gestalten wollen. Zu Hause kann das bedeuten, dem Kind eine passende Auswahl von Kleidungsstücken bereitzulegen oder gemeinsam einen Essensplan zu entwerfen, bei dem die Geschmäcker von allen Familienmitgliedern einfließen. Offene Fragen wie „Was möchtest du heute Nachmittag machen?“ überfordern eher als der Vorschlag zweier Optionen. Auch beim Thema Schulwahl sind die Kinder selbstverständlich zu den Tagen der offenen Tür eingeladen – aber Für und Wider genau abzuwägen, das ist eine Aufgabe, die auch bei der weiterführenden Schule die Eltern noch möglichst eng begleiten. Im besten Fall lernt das Kind aus solchen großen und kleinen gemeinsamen Entscheidungsprozessen nicht nur, dass seine Sichtweisen wichtig sind und gesehen werden, sondern auch, dass die Entscheidungen seiner Mitmenschen beachtenswert sind und Respekt verdienen.

Tags: Kinder haben Rechte , Partizipation , Teilhabe

Kategorien: Erziehung