Erziehung

Schreibend begreifen

Tanja Römmer-Collmann · 04.10.2017

© Angelov - stock.adobe.com

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Die Lehrerin und Buchautorin Maria-Anna Schulze Brüning plädiert dafür, wieder mehr Wert auf das Erlernen der Handschrift zu legen.

Libelle: Warum haben Sie ein Buch übers Schreibenlernen geschrieben?
Maria-Anna Schulze Brüning: Immer mehr Kinder können nur mit Mühe oder nur unleserlich schreiben, und das hat weitreichende Folgen für das Lernen. Diese Kinder können im Unterricht nur unvollständige handschriftliche Aufzeichnungen erstellen. Zudem handeln sie sich bei Tests viele unnötige Fehler ein und ihre Lernmotivation sinkt rapide. Inzwischen sind so viele Kinder betroffen, dass dringend Alarm geschlagen werden muss.

Ist der Titel „Wer nicht schreibt, bleibt dumm“ nicht sehr hart?
Buchtitel werden vom Verlag formuliert - gemeint ist nicht, dass Kinder mit Handschriftproblemen dümmer sind als andere. Sie sind aber im wahrsten Sinne des Wortes gehandicapt. Das Schreiben mit der Hand ist das Medium der Aneignung der Schriftsprache und ein Hauptmedium schulischen Lernens. Die Handschrift ist ein Denkwerkzeug. Deshalb muss sie sorgsam vermittelt werden – mit Anleitung und viel Übung von Anfang an.

Was raten Sie Eltern von Grundschülern, die mit Druckschrift starten?
Vielen ist gar nicht klar, dass die Druckschrift zwar leicht zu lesen, aber schwierig zu schreiben ist. Kinder konstruieren die Einzelbuchstaben nach ihrem kindlichen Formempfinden und beginnen sie an beliebiger Stelle: a oder d sind Kringel mit einem Strich, T, H oder K werden oft unten begonnen und mit Liniendoppelungen geschrieben und ein t beginnt mal oben, mal unten, mal rechts, mal links, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Schnell sind falsche Bewegungen automatisiert und torpedieren dann die Schriftkoordination und das spätere Erlernen der Schreibschrift. Eltern sollten von Anfang an darauf achten, dass ihr Kind die Buchstaben richtig schreibt, und klarmachen, dass Schreiben etwas anderes ist als Abmalen.

Und wie können ältere Schüler, die keine Schreibschrift erlernt haben, sich helfen?
Gleich ob Druck- oder Schreibschrift: Die korrekte Schreibweise ist das A und O. Doch dadurch, dass man glaubt, Schwungübungen „ersparen“ zu können, beherrschen viele Schüler die Grundbewegungen des Schreibens nicht. Sie können Größen und Abstände nicht kontrollieren und kommen zudem nicht zu einem Schreibfluss. Diese Bewegungen lassen sich aber nachträglich trainieren – auch für eine gedruckte Handschrift.

Wie sehen Sie die Zukunft des Schreibens mit der Hand?
„Wenn man mit der Hand schreibt, lernt man schon die Hälfte.“ Diese Bemerkung einer Schülerin beschreibt sehr genau, wie wichtig das Handschreiben auch im digitalen Zeitalter bleiben wird. Die Tastatur ist dann eine Erleichterung, wenn das Schreiben bereits gelernt wurde. Und lernen müssen Kinder mit allen Sinnen. Da reichen Tastatur oder Touchscreen nicht. Dessen muss man sich wieder stärker bewusst werden.

 

Wer nicht schreibt, bleibt dumm. Warum unsere Kinder ohne Handschrift das Denken verlernen. Maria-Anna Schulze Brüning, Stephan Clauss, Piper 2017, ISBN 978-3-492-05824-7, 22 Euro

Tags: Schreiben

Kategorien: Erziehung