Gelassen erziehen

Ramadan und Schule

Aus der Redaktion · 22.04.2021

© Peter Grewer/ZIT, Andreas Woitschützke

© Peter Grewer/ZIT, Andreas Woitschützke

Oftmals gibt es gerade in der Schule zum Fastenmonat Ramadan viele Fragen, nicht nur von Nicht-Muslim*innen. Wir befragen zwei Experten.

Zum Start des Fastenmonats Ramadan hat die Libelle mit zwei Experten gesprochen, die erklären, welche tiefere Bedeutung das Fasten eigentlich hat, was für Schüler*innen, Eltern und Lehrer*innen zu beachten ist, wie es an Schulen damit gut klappen und im Idealfall die ganze Klasse bereichern kann. Professor Mouhanad Khorchide und Pädagoge Umut Ali Öksüz arbeiten gemeinsam an einem religionspädagogischen Forschungsprojekt.

Libelle: Was sind die Regelungen bezüglich des Ramadans in Schulen?

Umut Ali Öksüz: Schüler*innen müssen auf individuelle Art und Weise für sich selbst entscheiden können und dürfen, ob sie sich psychisch und physisch in der Lage fühlen, zu fasten. Daher kann nicht pauschal gesagt werden, ob das Fasten beispielsweise während einer Klausur durchführbar ist oder nicht. Was grundsätzlich an den Schulen beachtet werden sollte ist, dass das Fasten nicht schädlich für Heranwachsende ist, die ein bestimmtes Alter, eine bestimmte Reife erreicht haben und selbstverständlich gesund sind und sich dabei wohlfühlen.

Mouhanad Khorchide: Ich schließe mich den Ausführungen von Herrn Öksüz an und möchte vor allem das Recht der Schüler*innen auf Selbstbestimmung unterstreichen. Eltern dürfen keineswegs ihre Kinder zum Fasten zwingen. Darüber hinaus ist es wichtig, dass kein sozialer Druck erzeugt wird, zum Beispiel, dass manche Schüler*innen andere, die nicht fasten können oder wollen, mobben. Wie Herr Öksüz ausgeführt hat, es ist eine individuelle Entscheidung, die jeder für sich treffen muss. Der Koran unterstreicht auch den Grundsatz, dass das Fasten auf keinen Fall zu irgendeiner Art von Schäden führen darf.

Was sollten muslimische Schüler*innen wissen?

Umut Ali Öksüz: Zunächst einmal sollten Schüler*innen gänzlich in der Thematik altersgerecht und pädagogisch wertvoll aufgeklärt werden. Unter Schüler*innen herrscht oft eine Art „Macho-Kultur“ und das Fasten wird zu einem verbalisierenden Wettkampf. Fastet jemand aus der Community nicht, wird man oft dafür denunziert. Muslimische Schüler*innen sollten sich daher nicht bei einer spirituellen Handlung nur auf ihr äußeres Umfeld fokussieren; sie sollten sich selbst reflektieren und stärker auf sich und ihre eigenen Impulse achten. Oft beschäftigen sich muslimische Schüler*innen in der Fastenzeit zu stark mit Defiziten und negativen Assoziationen, die laut ihrer Meinung bei anderen Menschen vorhanden sind. Vor allem sollten sie darauf achten, wie sie mit ihren Mitmenschen umgehen und welchen positiven Beitrag sie für sich und die Gesellschaft leisten können.

Mouhanad Khorchide: Muslimische Schüler*innen sollten wissen, dass der Sinn des Fastens noch nicht alleine durch den Verzicht auf Nahrung erreicht ist. Worauf es eigentlich ankommt, ist die spirituelle sowie ethische Dimension des Fastens. Fasten ist eine Möglichkeit, Abstand von materiellen Werten zu nehmen, um sich anderen Werten zu zuwenden. Dabei geht es um eine Reise nach Innen, um sein Selbst besser kennenzulernen und sich selbst besser in Griff zu bekommen, um ein neues Ich jenseits von Egoismus und Aggression zu entdecken. Dieses neue Ich sollte sich dann durch sein aufrichtiges und verantwortungsvolles Handeln in der Gesellschaft bezeugen.

Was können muslimische Eltern beachten?

Umut Ali Öksüz: Für Eltern ist es vor allem wichtig, dass ihre Kinder aufgeklärt sind. Daher sollten Eltern vor allem mit ihren Kindern über eventuelle Risiken sprechen und klar betonen, dass das Fasten nicht seinen Sinn erfüllt, wenn man beispielsweise krank ist. Viele Heranwachsende neigen dazu, aus Trotz und Gruppenzwang das Fasten zu praktizieren, obwohl sie ihrem Körper dabei schaden. Genau das möchte der Monat Ramadan nicht. Gleichzeitig ist es auch wichtig, dass Eltern gerade bei jüngeren Kindern das Fasten auf spielerische Art und Weise näherbringen. Das könnte beispielsweise damit anfangen, dass man am Wochenende den halben Tag fastet. Oft neigen Eltern dazu, religiöse Normen, die sie selbst als Erwachsene*r ausführen, auf ihre Kinder zu übertragen. Natürlich ist es innerhalb einer religiösen Erziehung für Eltern wichtig, dass ihre Kinder bestimmte spirituelle Praktiken, die sie selbst als Erwachsene ausführen, auf ihre Kinder zu übertragen. Trotzdem muss hierbei im Fokus bleiben, dass Kinder und Jugendliche in ihrer Entfaltung, individuelle physische und psychische Entwicklungsstadien durchleben und dabei die Unterstützung ihrer Eltern brauchen.

Mouhanad Khorchide: Eltern sollten vor allem ein gutes Beispiel für ihre Kinder sein und das Fasten nicht als bloßes Aufschieben von Essen und Trinken auf den Abend praktizieren. Vielmehr sollten sie den Ramadan im Sinne der Spiritualität und Nächstenliebe praktizieren. Auch die soziale Dimension darf nicht ausfallen, zum Beispiel ist der Ramadan eine gute Gelegenheit, um seine nicht-muslimischen Nachbarn und Bekannten zum gemeinsamen Essen und Austausch einzuladen. Es ist auch wichtig, dass Eltern die Entscheidung über das Wie und Wann des Fastens ihren Kindern überlassen, gleichzeitig aber die Kinder davor schützen, sich keinen gesundheitlichen Risiken auszusetzen.

Was ist für Lehrkräfte wichtig zu wissen?

Umut Ali Öksüz: Oft erlebe ich, dass Lehrerinnen und Lehrer das Fasten als „Last“ für Schüler*innen interpretieren. In einem bestimmten Alter und in einem nicht gesunden Zustand ist das natürlich auch verständlich. Trotzdem haben junge Erwachsene das Recht, ihre Religion für sich frei zu leben. Zudem wird oft das nicht Trinken und nicht Essen in den Vordergrund gestellt. Es gibt diverse Studien, die belegen, dass gesunde Menschen das Fasten ohne Probleme aushalten. Um eben Fragen zu klären und Vorurteile abzubauen, wäre es eine gute Möglichkeit, mit der Klasse dieses Thema noch einmal gemeinsam zu reflektieren. Dabei könnten die Vor- und Nachteile des Fastens allgemein gemeinsam besprochen werden. Es gibt verschiedene Arten des Fastens in den unterschiedlichen Religionen. Ein solcher Austausch stärkt auch die Interaktion zwischen Schüler*innen und Lehrer*innen.

Mouhanad Khorchide: Es ist wichtig, dass die Lehrkräfte die religiöse Praxis muslimischer Schüler*innen als Bereicherung unserer religiösen und weltanschaulichen Vielfalt würdigen. Sie sollten den Schüler*innen nicht den Eindruck vermitteln, dass sie sich für das Fasten schämen oder rechtfertigen müssen. Es wäre eine schöne Geste, wenn am Ende des Fastenmonats Ramadan die Lehrkräfte eine Feier organisieren würden, um das Zuckerfest zu feiern. Auf der anderen Seite sollten die Lehrkräfte das Gespräch mit den betroffenen Kindern beziehungsweise ihren Eltern suchen, falls sie merken, dass der ein oder andere Schüler durch das Fasten gesundheitlich angeschlagen ist.

Was sollten nicht-muslimische Mitschüler*innen wissen?

Umut Ali Öksüz: Das Fasten ist keine Qual. Es soll den Menschen helfen, über viele Dinge nachzudenken, die wir im Alltag vergessen. Das Fasten sollte sich zudem nicht nur auf das Essen und Trinken fokussieren, sondern auch auf andere Ressourcen, die der Mensch ständig braucht und nutzt, aber die manchmal in bestimmten Situationen zur Selbstverständlichkeit werden. Das Verzichten auf etwas, das Menschen gerne mögen und brauchen, soll ja vor allem ein Gewinn für das eigene Leben sein. Wenn wir mal auf unser geliebtes Handy ein paar Stunden verzichten, dann nutzen wir die Zeit vor allem dazu, mit den Menschen persönlich zu sprechen, die uns am Herzen liegen. Und so ist es auch mit dem Fasten: Es hilft den Menschen dabei, sich weiter zu entwickeln, sozial näher beieinander zu sein und dankbar für alles zu sein, was wir im Leben haben.

Mouhanad Khorchide: Alle Schüler*innen sollten für religiöse und weltanschauliche Vielfalt sensibilisiert werden und die Rituale und Traditionen der jeweiligen Religion/Weltanschauung würdigen, denn die Anerkennung von Vielfalt ist ein nicht verhandelbarer Wert, der sich durch die gelebte Praxis verwirklicht. Das gilt für alle, das heißt, auch muslimische Schüler*innen sollten die Rituale und Feste anderer würdigen, nur so entsteht Einheit in der Vielfalt unserer Gesellschaft.

Libelle: Vielen Dank für das Gespräch und Ihre Erläuterungen!

Die Experten

Dr. Mouhanad Khorchide (49) ist Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Münster und Leiter des Zentrums für Islamische Theologie. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter eines zeitgenössischen, liberalen Islam im deutschsprachigen Raum und hat gerade das Buch „Gottes falsche Anwälte. Der Verrat am Islam“ veröffentlicht. Umut Ali Öksüz (31) ist Pädagoge und Kinderschutzfachkraft (§ 8a SGB VIII) sowie Referent in Kinder-, Jugend- und Schulprojekte sowie für Veranstaltungen für Eltern. Mouhanad Khorchide und Umut Ali Öksüz arbeiten gemeinsam an einer projektbezogenen Forschungsstelle, die religiösen und politisch motivierten Extremismus untersucht.

Weitere Informationen zum Ramadan gibt es im Libelle-Beitrag „Wissenswertes zum Ramadan“.

Tags: Ramadan

Kategorien: Stadtleben , Gelassen erziehen