Gelassen erziehen

Psst! Über Geld spricht man jetzt

Jule Leger · 20.01.2017

© Michael Miethe

© Michael Miethe

„Papa, wieviel verdienst du?“ Ups … was antwortet man da? Geld ist in vielen Familien ein Tabuthema. Kirstin Wulf plädiert dafür, altersgerecht mit Kindern über das Thema Geld in Kontakt zu bleiben – schließlich spielt Geld in unserer sehr wirtschaftlich geprägten Gesellschaft und oft auch im Familienalltag eine große Rolle. Libelle-Redakteurin Jule Leger sprach mit der Buchautorin.

Frau Wulf, Sie selbst nennen sich eine „Über?Geld?Sprecherin“. Sie leiten Workshops mit Eltern, in Kindergärten und Schulen rund ums Thema Geld, nun haben Sie auch ein Buch geschrieben. Wie kommen Sie zu diesem interessanten Thema?
Kirstin Wulf: Als meine Söhne im Taschengeld?Alter waren, habe ich mich umgeschaut, ich wollte einfach mehr darüber erfahren, wie die Erziehungsexperten das Thema Kinder und Geld bewerten, was für Tipps und Ratschläge sie mir an die Hand geben. Doch da gab es schlichtweg nichts. Dieses Thema war in der Erziehungsliteratur komplett unterbeleuchtet, und auch wenn ich mit meinen Freunden probierte zu reden, wurde mir klar, dass grundsätzlich in Familien sehr wenig über das Thema Geld gesprochen wird. Und dann kam natürlich hinzu, dass ich Diplom?Politologin bin. Es war also eine Kombination aus Impulsen, die mich letztlich zu einer Über?Geld?Sprecherin werden ließen.

Kein leichter Job: Sie selbst bezeichnen Geld als eines der letzten Tabuthemen …
Stimmt. Aber ich finde einfach, das Geld ein ganz selbstverständliches Erziehungs-Thema sein sollte. In meinen Workshops möchte ich den Eltern und Kindern vermitteln, dass das Thema durchaus mit Kreativität, Spaß und Freude angegangen werden kann und nicht immer so negativ besetzt sein muss.

Ist es das denn?
Augenscheinlich ja. Geld gilt als lästiges Thema. Wir schreiben ihm viele Eigenschaften zu, meist schlechte. Deswegen gilt ja auch „über Geld spricht man nicht“. Wir streiten über Geld. Kinder bekommen das alles mit, ohne dass es ihnen erklärt wird. Und wie das bei einem Tabu so ist: Weil wir es eigentlich selbst gar nicht erklären können. Und so vererbt sich das Tabu von Generation zu Generation.

Und niemand spricht drüber?
Mein Sohn hat gerade sein Abitur gemacht, ohne jemals eine einzige Schulstunde Wirtschaft gehabt zu haben. Ich habe für eine Fernsehsendung Teenager beraten, die hatten schon große Schuldenberge angehäuft. Wir sind da als Gesamtgesellschaft gefragt, dieses Tabu vom Thron zu kicken, wir müssen anfangen, über Geld zu reden.

Warum tun wir uns als Eltern so schwer mit diesem Thema?
Darüber offen zu reden, das würde bedeuten, dass man ausgegrenzt wird. Stellen Sie sich die Gesichter auf einer Party vor, würden Sie Ihren bis dato unbekannten Gesprächspartner nach seinem Monatsgehalt fragen oder danach, ob er sein Auto bar bezahlt oder finanziert hat. Dass man nicht nach Geld fragt, das bekommen die Kinder von uns schon sehr früh mit, wir geben dieses Tabu an sie weiter. Außerdem ist Geld ein emotional aufgeladenes Thema. Ich plädiere aber unbedingt dafür, offener mit den Kindern zu sein. Gerade weil die Zukunft, die da draußen auf unsere Kinder wartet, noch komplexer und undurchsichtiger sein wird, als dass, was wir von heute und gestern kennen. Virtuelles Geld wird den Alltag unserer Kinder prägen, und damit auch die ganz reelle Endlichkeit dieser Ressource immer unsichtbarer werden.

Kinder interessieren sich ganz automatisch und recht früh für Geld. Ich denke an zahllose Einkäufe im Kaufmannsladen meiner damals 3-Jährigen, zwei Bananen und eine Pflaume konnten da schon mal 55 Euro kosten …
Ganz genau! Das greift man ganz automatisch auf, kauft geduldig ein. Ich würde mir wünschen, dass Eltern das in jeder Altersstufe so weiterleben, dass der Spaß am Thema einfach auf natürliche Weise aufrechterhalten wird. Die Neugierde der Kinder ist von ganz alleine da – schließlich ist das Geld ja etwas, dass unseren Alltag absolut bestimmt.

Vielleicht geht uns Eltern ja aber genau das auf den Zeiger – dass das Geld überall und allbestimmend ist! Und nun möchten wir unsere Kinder nur zu gern recht lange aus dieser verrückten Konsumwelt heraushalten.
Ja, dieses Argument höre ich sehr häufig. Aber in meinen Augen müssen die Kinder gerade deshalb ihre eigenen, altersgerechten Erfahrungen machen dürfen. Es geht nicht so sehr um die Summen, sondern um die Strukturen, die sie verstehen müssen. Denn dies sind die Strukturen, die sie ihr ganzes Leben begleiten. Wir sollten die Kinder ernst nehmen, und wenn sie im Schuleintrittsalter beginnen, allein einkaufen gehen zu wollen, dann sollten wir sie unbedingt lassen. Ich verspreche Ihnen: Die kommen zurück und sind zwanzig Zentimeter gewachsen, so stolz macht sie die gemeisterte Herausforderung.

Erzählen Sie mal von Ihrer Taschengeld?Idee – die gefällt mir besonders gut!
Ich bin auf jeden Fall ganz unbedingt dafür, Kindern Taschengeld zu geben. Aus dem
einfachen Grund: Kinder können wahnsinnig viel lernen, wenn sie eigenes Geld zur Verfügung haben. Das Schönste für Kinder ist ja sowieso, wenn sie in Ruhe ihre eigenen Erfahrungen machen können. Mit Taschengeld können sie eine Menge darüber lernen, was es heißt geduldig zu sein, Prioritäten zu setzen oder zu planen. Viele Eltern geben den Kindern eine bestimmte Summe pro Woche und lassen ihnen dann alle Freiheiten. Ich finde es besser, wenn die Kinder drei Gläser haben. Ein Glas für Wünsche. Ein Glas für jetzt. Und ein Glas für andere. Gemeinsam mit dem Kind überlegen Sie dann, was die kommende Woche ansteht. Ist vielleicht am Samstag das Schulfest und das Kind möchte sich gerne Lose für die Tombola kaufen? Dann muss es wohl diese Woche etwas mehr Geld in das Glas für jetzt geben und etwas weniger in die beiden anderen Gläser. Wenn Weihnachten näher rückt, ist dann vielleicht das Glas für andere das mit den meisten Münzen …

Vielen Dank für das tolle Gespräch!




Dann geh doch zur Bank und hol dir welches!: Rätselraten ums Geld im Elternhaus, Kirstin Wulf, Cividale 2016, ISBN 978-3-945-21918-8, 19,90 Euro

Tags: Geld , Tascshengeld

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