Erziehung

Man muss zum Lachen nicht laufen können

Claudia Berlinger · 01.07.2019

© WavebreakMediaMicro - stock.adobe.com

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Das zweite Buch von Sandra Roth handelt davon, wie schwierig es ist, für ihre mehrfach behinderte Tochter die richtige Schule zu finden.

Sandra Roth ist zweifache Mutter, Journalistin und Autorin und lebt mit ihrer Familie in Köln. Ihr zweites Buch „Lotta Schultüte – Mit dem Rollstuhl ins Klassenzimmer“ handelt von dem Abenteuer, die richtige Schule für ihre Tochter zu finden, die schwer mehrfach behindert ist.

Libelle: Wie haben Sie die Suche nach der richtigen Schule für Ihre Tochter erlebt?
Sandra Roth: Wenn inklusive Schulen einem zu verstehen geben „Wir wollen ihr Kind nicht!“, das tut schon sehr weh. Sicher gibt es dafür Gründe, ich habe bei der Recherche für mein Buch auch mit Lehrern gesprochen über das, was ihnen noch fehlt, damit sie sich meinem Kind gewachsen fühlen. Wir hatten aber auch schöne Momente bei der Schulsuche: beim Gesundheitsamt zum Beispiel. Als wird dort das Gutachten zur Schuleingangsuntersuchung bekommen haben, stand neben der Auflistung all ihrer Beeinträchtigungen unter dem Feld „Kontaktaufnahme“: „charmant, fröhlich, unbekümmert“. Das hätte ich mir am liebsten eingerahmt. Es ist selten, dass jemand sieht, wie Lotta wirklich ist. Viele Menschen sehen den Rollstuhl und schauen dann schnell wieder weg, so wie ich das selbst wahrscheinlich früher getan hätte. Lotta kann so viel nicht: nicht laufen, krabbeln, reden, sehen, kauen. Aber das sagt nichts darüber aus, wer sie ist. Ich bin ja auch nicht ich, weil ich kauen kann. Oder laufen, oder sehen.

Viele Lehrer fühlen sich von ihrer Aufgabe inklusiv zu arbeiten, überfordert. Wie ließe sich die Situation in inklusiven Schulen entschärfen?
Ein Drittel der Lehrer, die inklusiv arbeiten, sagen laut einer Forsa-Umfrage, dass sie zur Vorbereitung auf den gemeinsamen Unterricht noch nicht einmal ein längeres Gespräch hatten. Das reicht natürlich nicht. Für eine erfolgreiche Inklusion brauchen Schulen größere Klassenräume und kleinere Klassen, Doppelbesetzung mit festangestellten Sonder- und Sozialpädagogen, barrierefreie Gebäude und verpflichtende Weiterbildungen. Und natürlich den Willen, die Ressourcen auch zu nutzen, sich auf Kinder einzulassen, die anders sind.

Inklusion ist in aller Munde. Finden Sie, die Barrierefreiheit ist in der Gesellschaft angekommen?
Noch lange nicht. Wir nehmen Lotta überall mit hin – aber das wird schwerer, je schwerer sie wird. Wir waren schon mit ihr auf Skipisten, wir tragen sie über Dünen, ihren Rollstuhl in die Metro in Paris oder in den Flieger nach New York. In Manhattan habe ich gemerkt, wie leicht es sein kann: überall Rampen, Rollstuhltaxis ganz selbstverständlich zwischen den anderen Taxis, Museumsführungen, bei denen Lotta die Exponate, die sie nicht sehen kann, anfassen durfte. Von dieser Barrierefreiheit sind wir in Deutschland noch weit entfernt ... Broschüren in leichter Sprache, dass auch Blinde sich im Internet bewegen können, Wahlrecht für alle, dass Bankautomaten nicht so verdammt hoch hängen und dass es die Braille-Punkte auf allen Tasten gibt, damit ein Blinder seine Pin-Nummer nicht einem fremden Passanten verraten muss. Ich glaube aber, dass wir das alles auch können.

In der englischen Sprache wurde die Bezeichnung „disabled“ für das deutsche Wort „behindert“ durch „special needs“ ersetzt. Ist das Synonym „besonders“ für Menschen mit Beeinträchtigungen in unserer Sprache angekommen?
Auch besonders kann zum Stigma werden – ich finde, wir sollten nicht die Wörter ändern, sondern die Einstellung, mit der wir sie gebrauchen. Ich habe lange gebraucht, bis ich „Behinderung“ gesagt habe. Ich habe mir da unseren Sohn Ben zum Vorbild genommen: Für ihn ist das Wort „behindert“ ein Adjektiv wie „blond“ oder „klein“. Es ist einfach ein körperliches Merkmal.
 
Was sind die Geschenke, die Lotta in ihr Leben gebracht hat?
Das Leben mit Lotta hat mich dankbarer gemacht für die schönen Momente, für all die Menschen, die wir ohne Lotta nie getroffen hätte und die nun ein Teil unseres Alltags sind. Dankbar dafür, dass ich zwei Kinder habe, die leben, atmen und ihren Weg gehen, das ist nicht selbstverständlich. Ich bin mutiger und weniger ängstlich. Dass es unseren Kindern und uns Eltern miteinander gut geht, das ist wichtig. Lotta hat mir gezeigt, dass man zum Lachen nicht laufen können muss, und zum Lieben nicht sehen.

Was hat Sie dazu bewogen, sich für eine Förderschule zu entscheiden?
In der Förderschule hat Lotta Möglichkeiten, die wir nirgendwo anders gefunden haben: Zugang zu allen Räumen, Therapien, einen Schwerpunkt auf Unterstützter Kommunikation, also auch Unterricht mit dem Sprachcomputer. Das war am Ende entscheidend. Lotta wird immer bei allem Assistenz brauchen, aber wir wünschen ihr ein selbstbestimmtes Leben. Dafür muss sie kommunizieren können – und in der Förderschule wird sie darin gezielt gefördert. Sie hat tolle Fortschritte gemacht. Am liebsten drückt sie auf das Feld, das sagt „Mir ist langweilig – was machen wir jetzt?“

Deutschland ist gerügt worden, weil es die UN-Behindertenrechtskonvention nicht umgesetzt hat. Wie sähe eine ideale inklusive Gesellschaft aus und was wünschen Sie sich für Ihre Tochter?
Die ideale inklusive Gesellschaft ist die, an der wir alle an allem teilhaben können, egal, ob wir behindert sind, einen Migrationshintergrund haben oder wenig Geld. Wir sollten uns begegnen können, sei es in der Schule, beim Einkaufen, im Büro oder im Theater. Ich wünsche mir eine Welt, in der Lotta über ihr Leben bestimmen kann. In der Menschen mit ihr reden, statt mit mir über sie, in der andere nicht nur den Rollstuhl sehen, sondern auch wie schön Lotta ist, wie neugierig, lustig, schadenfroh und charmant.

Zum Weiterlesen

Lotta Schultüte. Mit dem Rollstuhl ins Klassenzimmer
Sandra Roth, Kiwi 2018, ISBN 978-3-462-05072-1, Euro 20

Inklusion – so nicht. Eine Lehrerin berichtet, wie es wirklich ist – eine kritische Bestandsaufnahme aus der Praxis
Ute Schimmler, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2019, ISBN 978-3-862-65744-5, Euro 12,99

Ich. Du. Inklusion. - Wenn Anspruch auf Wirklichkeit trifft
Film von Thomas Binn, Mindjazz 2017, Euro ca. 16

Tags: Behinderung , Inklusion

Kategorien: Erziehung