Erziehung

Vorbilder: Die Welt, wie sie mir gefällt

Andrea Vogelgesang · 10.10.2017

© stocksnap – pixabay

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Das Aufgebot an Helden aus Büchern, Fernsehserien oder dem Internet scheint unübersichtlich groß. Steht es für eine Vielzahl an kindlichen Wünschen oder liegt der Sehnsucht nach Vorbildern etwas Einheitliches zugrunde?

Emma hat in ihrem Schrank ein Extrafach: Darin herrscht keine Erwachsenenordnung mit gebügelter und gefalteter Wäsche, sondern ein Durcheinander aus ausrangierten Sachen und Verkleidungskostümen, aus dem sie am liebsten das bunte kurze Trägerkleid hervorzupft, die hohen Ringelsocken und das alte Flicken-T-Shirt. Ihre Mutter flechtet ihr dann Zöpfe und so nähert sie sich ihrem großen Vorbild Pippi Langstrumpf, das sie mit vielen ihrer Freundinnen teilt. Bemerkenswert, wie kontinuierlich sich Astrid Lindgrens Erfolgsfigur seit Jahrzehnten schon als Kinderidol hält. Auch Ronja Räubertochter hat Generationen von Heranwachsenden fasziniert - zwei richtige Powermädchen. Vergleichsweise jung und zart ist dagegen Prinzessin Lillifee. Seit 2004 erobert sie sich hauptsächlich in Mädchenherzen immer wieder einen Platz. Jungen haben offensichtlich andere Präferenzen, so wie Emmas Spielfreund Jonas. Fragt man ihn nach der Zauberfee, setzt er ein Gesicht auf, als habe man ihn gerade beleidigen wollen. In seinem Kinderzimmer haben die Eltern Schwierigkeiten, nicht über Batman-, Transformer- oder Starwars-Figuren zu stolpern. Was denn so toll an seinen Helden sei, beantwortet er mit: „Die sind cool und stark.“ Dass es geschlechtsspezifische Unterschiede gibt, belegen Forschungsergebnisse immer wieder, die darlegen, dass sich Mädchen (zwar nicht ausschließlich) weibliche Vorbilder suchten, während sich Jungen fast ausnahmslos auf männliche fokussierten. Bei ihnen dominierten Themen wie Freiheit, Abenteuer und Selbstbewusstsein. Aber wie kommt es überhaupt, dass Heranwachsende sich „Vor-Bilder“ suchen, denen sie nachzueifern versuchen? Ist das eine Modeerscheinung der Neuzeit mit kommerziellem Hintergrund oder ein wichtiger psychologischer Impuls in der kindlichen Entwicklung?

Kein Lernen ohne Nachahmung
Im Jahr 1965 entdeckte der kanadische Psychologe Albert Bandura das sogenannte „Lernen am Modell“. Nach Experimenten mit Kindern kam er zu dem Ergebnis, dass der Ausgangspunkt allen Lernens in der Beobachtung und Nachahmung anderer liege. Zu Beginn seien es in der Regel die Eltern, Geschwister beziehungsweise die Familie, nach deren Vorbild Heranwachsende sich ausrichten. Sie saugen sozusagen alles aus ihrer Umgebung auf, um es dann selbst auszuprobieren. Es geht aber mehr um das vorgelebte Handeln und Tun als um erklärende Worte. Kein Kind bekommt das Sprechen oder Laufen über Instruktionen beigebracht, sondern schaut es sich aus der Umgebung ab. Dabei erfasst es die ganze Atmosphäre seines Umfelds, auch (unausgesprochene) Gefühle der Menschen. Der Nachahmungsprozess ist auch gesellschaftlich zu verstehen, denn die Personen, zu denen aufgesehen wird, sind die ersten, über die Kindern Werte und Normen, also die Grundregeln des Zusammenlebens in ihrem Alltagsumfeld, vermittelt werden. Spätestens ab dem Kindergartenalter wollen Jungen und Mädchen zunehmend selbst bestimmen, was sie tun und Neues und Unbekanntes erproben. Dann bewundern sie zum Beispiel große Nachbars- oder Schulkinder, den Praktikanten in der Kita oder ältere Cousinen und Cousins und beginnen ihnen nachzueifern. Auch Helden aus Büchern oder den Medien werden zunehmend wichtig. Sie spiegeln den Wunsch nach Stärke und Sicherheit wider und ermutigen, sich auszuprobieren.

Wer hat das Zeug zum Helden?
Auch wenn Jungen und Mädchen sich unterschiedliche Vorbilder suchen, zählen auf beiden Seiten Attribute wie Mut und Schönheit oder das Bestehen von Abenteuern, ohne sich dabei unterkriegen zu lassen. Je älter sie werden, desto mehr erkennen sie, wie wichtig es ist, Schwierigkeiten oder gar Gefahren überwinden zu können. Indem sich Heranwachsende in ihre Helden hineinversetzen, schlüpfen sie sozusagen in deren Rolle und gehen emotional mit deren Erfahrungen mit. Sie vollziehen hautnah Abenteuer nach, die sich ihnen normalerweise so nicht stellen würden und erfahren darüber den Umgang mit Gefühlen wie Angst, Mut oder Klugheit. Auf diese Weise eröffnen sich Kindern neue Perspektiven und Strategien, die sie zu Teilen auch auf ihre reale Lebenswelt übertragen. Die sechsjährige Emma liebt es zum Beispiel, mit ihrer Freundin die Szene zu spielen, wenn Pippi in die Schule kommen soll und einfach alles hinschmeißt. Sie gehört zu den sogenannten Widerstandsfiguren, wie der Professor für Kultursoziologie an der Universität Gießen Jörn Ahrens erklärt. Demnach erfüllten Helden vor allem drei Funktionen: Zum einen gäben sie Selbstbewusstsein, das eigene Interesse und Empfinden gegen übermächtige Kräfte, wie etwa die Eltern oder Lehrer durchzusetzen - so eben wie Pippi, wenn sie den ganzen Unterricht auf den Kopf stellt oder erfolgreich dagegen angeht, in einem Kinderheim untergebracht zu werden. „Wenn Emma nicht ins Bett will, baut sie sich gern mit nach oben angewinkelten Muskelarmen vor mir auf und sagt, dass Pippi auch selbst bestimme, wann sie schlafen gehen solle“, berichtet ihre Mutter schmunzelnd.


Weiterhin verweist Jörn Ahrens auf Figuren, die Räume der Fantasie schafften wie unter anderen Harry Potter, der mit Zauberkräften ausgestattet sei. Protagonisten aus „Star Wars“ würden dagegen eher moralische Kategorien verkörpern, indem sie aufzeigen, was gut und was böse sei. Außerdem erläutert der Kultursoziologe, dass es zum Begriff des Helden, der mit überlegenem Charakter und moralischer Stärke zur Identifikation einlädt, auch noch überraschende Alternativen gebe. Beim Antihelden nämlich wirkten gerade die Schwächen sympathisch. Das mache die Identifikation für Kinder leichter und ermögliche auch die Integration „schlechter“ Eigenschaften, die beispielhaft überwunden werden könnten.

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Flucht aus dem Alltag
Der bekannte Autor von Erziehungsbüchern Jan-Uwe Rogge weist darauf hin, dass in der Zeit des Übergangs vom Kindergarten zur Grundschule eine immer bewusstere Beschäftigung mit Medienfiguren erfolge, die aber häufig noch beliebig austauschbar blieben. Mit der wachsenden Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen Fiktion und Realität würden Realfiguren nun den animierten Helden wie zum Beispiel Yakari oder Lillifee vorgezogen. Die Diplompädagogin Dr. Cornelia Klein hat den Bereich der medialen Vorbildkompetenz in Bezug insbesondere auf unterschiedliche Lebensphasen hin erforscht und erläutert, dass in der Kindheit zunächst Figuren aus Büchern, Hörspielen, später zunehmend auch aus Fernsehserien eine Rolle spielten. Sie stellt fest, dass heutzutage Begriffe wie „Star“, „Vorbild“, „Held“ und „Idol“ im öffentlichen Diskurs im Gegensatz zu früher nahezu synonym verwendet und breiter benutzt würden: „Inhaltlich lässt sich eine deutlich zunehmende Tendenz hin zu medialen Vorbildern verzeichnen, was mit der stetig wachsenden Mediatisierung zu erklären ist. Noch Mitte des 20. Jahrhunderts wurden primär Personen aus dem nahen Umfeld als Vorbilder erlebt. Auch lag der Fokus vor einigen Jahrzehnten stärker auf Menschen, die sich für das Allgemeinwohl oder Schwächere eingesetzt haben - etwa politische oder soziale Vorbilder wie Mutter Teresa oder Gandhi. Heute werden in Umfragen - je nach Alter der Befragten - oft auch Fußballspieler, Sänger oder Schauspieler genannt.“

Anpassungsfähig
Wenn man darauf schaut, welche Bedeutung der Begriff „Star“ für ältere Kinder habe, gehe es hier eher um eine von der Lebensrealität entfernte Traumwelt, die genutzt werde, um aus dem Alltag zu entfliehen. Dagegen würden Heranwachsende mit zunehmendem Alter - und erweitertem Medienangebot - verstärkt Vorbilder wählen, die ihnen ähnlicher seien und deren Eigenschaften auch übernommen werden könnten. Die mittlerweile 30-jährige Monica erinnert sich noch genau an ihre Komplexe als Jugendliche. „Als ich dann Bridget Jones im Kino sah, wie sie trotz ihrer Tollpatschigkeit am Ende ihre Liebe findet, hat mich damals richtig motiviert, nicht aufzugeben und dazu zu stehen, dass ich eben nicht perfekt bin“, erläutert sie. Cornelia Klein kommentiert dies dahingehend, dass sich für Heranwachsende solch eine „Beziehung“ zum Vorbild positiv zur Bewältigung von Entwicklungsaufgaben eignen würde. „Da wird das medial suggerierte Bild des Vorbildes durch den jeweiligen Betrachter individuell erweitert und somit ein eigenes Image kreiert. In der Kindheit ist dies noch anders, da werden Medienimages noch weitgehend ungefiltert aufgenommen und kaum hinterfragt.“ Viele Heranwachsende legen allerdings weniger Wert auf vorbildliche Charaktereigenschaften und Werte als auf ein gutes Aussehen und Erfolg. Dann geht es eben darum, genauso cool und toll wie das angehimmelte Idol zu werden.

Helden aus Fleisch und Blut
Generell lässt sich also sagen, dass Vorbilder auf dem Weg ins Leben wichtige Funktionen erfüllen. Zuweilen machen sich Eltern aber auch Sorgen, wenn sie nicht wissen, wem ihr Kind gerade nacheifert. Es gibt ja regelrecht zweifelhafte Helden, die auf gewaltverherrlichende Weise ihre Konflikte lösen. Insbesondere Jungen können durch den Konsum solcher Sendungen ein gesteigertes Aggressionspotenzial entwickeln. Hier sollten Eltern unbedingt ein Auge drauf behalten, ebenso wenn ihnen auffällt, dass ihr Nachwuchs zu viel Zeit in Fantasiewelten verbringt. Dies könnte auf eine Fluchtreaktion hindeuten, um Problemen im wirklichen Leben vielleicht in der Schule oder mit Freunden zu entkommen. Dann sollte unbedingt hingeschaut und nach den Hintergründen gesucht werden. Da klingt die Aussage der Medienpädagogin Cornelia Klein doch beruhigend, wenn sie sagt: „Trotz der Medienflut zählen für Heranwachsende immer noch Menschen aus dem realen Leben wie Eltern, Geschwister, Verwandte, Lehrer oder Freunde. Sie stehen für emotionale und soziale Werte und bleiben für Kinder wichtige Bezugspersonen, behalten also neben medialen Vorbildern einen wichtigen Stellenwert.“

Tags: Helden

Kategorien: Erziehung , Kultur