Erziehung

Kontrolle gut, Vertrauen besser

Petra Baten · 31.12.2017

© nanihta / Photocase

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Viele Eltern unterstützen ihre Kinder bei den Schularbeiten intensiv - und fördern damit unter Umständen eine gewisse Unselbstständigeit.

"Wir müssen für die Schule noch ein Referat machen", ist ein Satz, der kurioserweise oft von Eltern zu hören ist. Die Schulaufgaben sind Reizthema, Unwort und Quell so manchen Streits am Küchentisch. Gerade auch die Eltern müssen lernen, Druck rauszunehmen, zu motivieren und auszuhalten, dass die Kinder es am allerbesten selbst machen.

Bühne frei und Vorhang auf! Hören und staunen Sie! Da ist Leon, dessen Eltern im Internet leider noch nichts zum Thema finden konnten. Max, dem beim Vorlesen seiner Hausaufgaben manche Worte kaum über die Lippen gehen, da er sie zuvor noch nie gesehen hat. Mathilda, deren Mutter leider noch keine Zeit für das Referat hatte, und Janine, die ihre Referatspartnerin überrascht, da auf ihren Karten auf einmal Text steht, der vorher noch nicht da war. Zauberei? Mitnichten, sondern weil ihr Vater meinte, das müsse noch rein. So sieht sie aus, die große bunte Zirkuswelt der Schularbeiten,- und die tragende Rolle der Eltern in ihnen. Oder vielleicht doch nicht?

Schlüssel zum Erfolg
Der Schulerfolg von Kindern hängt nach Angabe von Eltern schulpflichtiger Kinder, die in der ersten Jako-o Bildungsstudie von 2010 dazu befragt wurden, zu 90 Prozent von der Unterstützung der Eltern bei den Schularbeiten ab. „94 Prozent fühlen sich verpflichtet, sich um die schulischen Leistungen ihrer Kinder zu kümmern, acht von zehn geben an, sich sehr oder eher intensiv mit der Schule und den Schularbeiten ihrer Kinder zu beschäftigen“, wertet Klaus-Peter Schöppner die Ergebnisse aus. „Die häufigsten Unterstützungsleistungen sind gezielte Hilfsangebote vor Klassenarbeiten und Referaten sowie die laufende Erarbeitung beziehungsweise Kontrolle von Schulaufgaben.“ Schulerfolg als Produkt aus Schülerpotenzial mal Elterneinfluss? Je besser Eltern die Schularbeiten ihrer Kinder im Blick haben, desto größer der Gewinn? Auf der anderen Seite Frust, Trotz und Wortgefechte, die das familiäre Miteinander vergiften. Ist die elterliche Einmischung wirklich so wertvoll oder vielleicht eher ein Fall für die Feststellung, dass ‚Viel hilft viel‘ nicht immer die Lösung ist?

Gelernt ist gelernt
Grundschüler erleben in Klasse eins eine moderate Hinführung an das Thema Hausaufgaben. Was mit dem Ausmalen einer Schultüte beginnt, wird meist erst in der Folge mehrerer Schulwochen zu einer festen täglichen 30-Minuten-Einheit mit den Inhalten aus einem oder zwei Fächern. In Intervallen über mehrere Klassenstufen steigt die tägliche Arbeitszeit für die Hausaufgaben in Schulen ohne gebundenen Ganztag laut ministerialem Runderlass quasi proportional und kulminiert in der Sekundarstufe eins in einer 75-Minuten-Einheit für Schüler der achten bis zehnten Klasse. Wer im Ganztag hängt, hat seine Lernzeiten und ist, was Hausaufgaben angeht, aus dem Schneider. Soweit so gut. Doch entscheidend bei den Hausaufgaben ist nicht, dass Kinder stetig zeitintensivere Lernpensen bewältigen, sondern dass sie erfahren, dass sie dies selbst tun. Eigenverantwortlich und selbstständig, alle Tage wieder. Das ist ein Lernprozess, und oft sind Eltern und Kinder gleichermaßen an ihm beteiligt. Denn auch Eltern müssen lernen, welche Rolle ihnen in dem neuen Schauspiel namens Schularbeiten zugedacht ist, damit die Aufführung gelingt und aus der Komödie kein Drama wird.

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser
Da genau das nicht einfach ist, gibt es Hausaufgabentrainings für Eltern. Hier finden Eltern Rat, die ihre Rolle noch nicht gefunden haben oder bei denen ein täglicher Kampf um die Hausaufgaben tobt. Ziel dieser Trainings ist nicht, Eltern in linearen Gleichungssystemen, Atomaufbau und expressionistischer Lyrik zu coachen, sondern ihnen aufzuzeigen, wie sie ihre Kinder dazu motivieren, eigenverantwortlich und selbstständig ihre Schularbeiten zu bewältigen. Denn nur so können Kinder reifen und Selbstwirksamkeit erfahren.
„Mütter, die nicht die Möglichkeit sehen, dass ihr Kind allein die Hausaufgaben anfertigt, kontrollieren und unterstützen ihr Kind häufig zu stark. In der Schule versagen diese Kinder meist, wenn sie selbstständig arbeiten sollen, wie etwa bei der Stillarbeit oder bei Klassenarbeiten“, weiß Schulpsychologe Hans-Jürgen Wallberg aus Velbert, der ein Elterntraining zur Hausaufgabensituation herausgegeben hat. „Da sie nur dann etwas tun, wenn sie durch wiederholte Aufforderungen oder Bestätigungen zur Weiterarbeit angehalten werden, erscheinen sie konzentrationsschwach und leisten häufig weniger, als man ihren kognitiven Möglichkeiten entsprechend erwarten könnte.“ So wird das, was aus besten Absichten entstand, ins Gegenteil verkehrt und richtet mehr Schaden als Nutzen an.

Strategien
Wichtig ist, Wege zu finden, wie die Arbeit allein gut gelingt. Das betrifft die zeitlichen Rahmenbedingungen ebenso wie die Gestaltung des Arbeitsplatzes und das Ausschalten von Störfaktoren. Der eigene Schreibtisch schafft eine gesunde räumliche Distanz zu den Eltern, die der Küchentisch einfach nicht hergibt. Handy aus, Zimmertür zu, los geht’s. Und auch wenn es abwechslungsreich sein kann, nach der Schule spontan mal mit den Hausaufgaben und mal mit dem Spielen durchzustarten, helfen feste Tagesrhythmen und Wochenpläne bei der Strukturierung von Zeit und Aufgaben und geben Kindern einen Überblick darüber, was sie bereits erreicht haben, was noch vor ihnen liegt und wie sie am effektivsten dahin gelangen. Und die Erfahrung, mit Lernstrategien zum Ziel zu kommen, ist ein besserer Lehrmeister, als Eltern es je sein könnten.

Tags: Hausaufgaben

Kategorien: Erziehung