Erziehung

Kinder ganzheitlich stärken

David Fleschen · 01.10.2018

Schon seit 37 Jahren gibt es in Düsseldorf eine Schulsozialarbeit. Seit einem halben Jahr ist Nadja Hübinger für das Angebot der Awo verantwortlich.

Die Schulsozialarbeit hat in Düsseldorf eine lange Tradition. Schon Karnevalswagenbauer Jacques Tilly leistete hier einst seinen Zivildienst. Über Jahrzehnte war das Angebot der Awo dabei mit dem Namen einer echten Pionierin verbunden: Davorka Bukovcan baute die Schulsozialarbeit seit 1981 auf. Nach ihrem Ruhestand hat jetzt die Sozialfachwirtin Nadja Hübinger die Abteilungsleitung für die Schulsozialarbeit von ihr übernommen.

Frau Hübinger, Sie sind seit einem halben Jahr für die Schulsozialarbeit der Awo in Düsseldorf verantwortlich. Wie nehmen Sie die Situation in der Stadt wahr?

Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich von vielen Dingen positiv überrascht bin. Die Zusammenarbeit mit den Schulen und den Behörden ist exzellent. Viele Aspekte der Schulsozialarbeit werden in Düsseldorf präventiv angegangen und es stehen dafür auch die entsprechenden finanziellen Mittel zur Verfügung. Als erfreulich, und nicht selbstverständlich, habe ich beispielsweise registriert, dass die Schulsozialarbeit in Düsseldorf zusätzlich zu den Landesmitteln und der kommunalen Finanzierung teilweise auch Mittel aus Bildung- und Teilhabe zur Verfügung gestellt bekommt. So können wir als Awo insgesamt 34 Schulen mit  Schulsozialarbeitern betreuen. Aus Erfahrung kann ich sagen: In anderen Regionen ist man da viel schlechter aufgestellt. Dort müssen Teilzeitkräfte teilweise mehrere Schulen betreuen.

Was kann die Schulsozialarbeit leisten, was die Schule nicht kann?

Die Schulsozialarbeit deckt den kompletten Bereich Schule-Familie-Wohnfeld-Behörde ab. Wir können uns damit intensiv um das gesamte soziale Umfeld von Kindern kümmern. Da wir als freier Träger autonom von dem Schulsystem agieren, können wir unabhängig zwischen den unterschiedlichen Interessensgruppen vermitteln. Kinder oder Eltern können sich also bei Problemen vertrauensvoll an uns wenden, ohne Angst haben zu müssen, dass dies ihre Noten oder ihre Position in der Schule beeinflussen könnte.

Was machen Sie als Schulsozialarbeiter konkret in den Schulen?

Schulsozialarbeit ist immer Beziehungsarbeit, die sich individuell an den Bedürfnissen der Kinder orientiert. Es kann also vorkommen, dass wir individuell Problemen im familiären Umfeld nachgehen und mit den Behörden vermitteln. Es gibt aber auch Gruppenangebote, in denen wir schon junge Kinder dafür sensibilisieren, mit der Gesellschaft zu interagieren, gesellschaftsfähig zu werden. Das Projekt Faustlos, welches in vielen Schulen platziert ist, zeigt Kindern andere Handlungsmöglichkeiten in Konfliktsituationen auf, als diese es bisher mitunter gewohnt sind. Die Kinder lernen zu reflektieren: Wie kommt mein Verhalten in der Gruppe an? Was fühlt mein Gegenüber vielleicht gerade? Wie kann ich mit anderen kommunizieren? Ein wesentliches Merkmal unserer  Tätigkeit in der Schule ist die Partizipation: In fast allen Schulen, die wir betreuen, also auch in den Grundschulen, gibt es inzwischen ein Schülerparlament. Dort kommen die Schüler einmal im Monat zusammen und lernen so früh, wie sie Ihre eigenen Interessen äußern und sich dafür einsetzen und in der Gemeinschaft kommunizieren können.

Schulsoziarbeit richtet sich also nicht nur an „Problemschulen“?

Zunächst einmal gilt der Grundsatz: Die Schulsozialarbeit richtet sich an alle Kinder. Der Begriff „Problemschulen“ ist aber auch grundsätzlich problematisch und falsch. Ein Beispiel: Ich bin ja noch relativ neu in Düsseldorf. Zu Beginn habe ich alle 34 Schulen, die wir betreuen, besucht und mit den dortigen Schulleitern gesprochen. Dabei habe ich viele beschauliche Schulen kennengelernt, die auf mich einen fast dörflichen Eindruck gemacht haben. Natürlich gibt es auch größere Schulen und auch Schulen in schwierigeren sozialen Milieus. Was mich erstaunt hat: Gerade die kleineren Schulen haben betont, dass für sie die  Schulsozialarbeit ein unverzichtbarer Bestandteil des Schullebens geworden ist. Letzen Endes geht es bei der Schulsozialarbeit vor allem auch um Prävention: Wir möchten Kinder in jungem Alter fit für die Gesellschaft machen, ihnen Lebenskompetenzen vermitteln und ihre Persönlichkeitsentwicklung fördern.

Die Schulsozialarbeit gibt es in Düsseldorf schon seit 1981. Was hat sich in dieser Zeit getan?

Also, 37 Jahre ist tastsächlich eine, im Vergleich mit anderen Städten, ungewöhnlich lange Zeit, in der die Schulsozialarbeit bereits besteht. Ich denke, das ist auch ein wichtiger Grund, warum die Schulsozialarbeit in Düsseldorf so gut funktioniert und etabliert ist. Lange Zeit war die Schulsozialarbeit nur in ausgewählten Grundschulen aktiv. Dort ist die Versorgung in den 1990er-Jahren immer flächendeckender geworden. Seit 2001 sind wir auch in Förder- und Hauptschulen tätig und in jüngerer Zeit gehen wir auch in Berufskollegs oder Gymnasien. Natürlich sind die Belange von Jugendlichen ganz andere als die von Kindern. Da geht es dann häufig um den Übergang von  Schule in den Beruf, um Mobbing oder auch schon mal um Gewalt. Was ich schön finde: Erstmals wächst in den Berufskollegs eine Generation heran, für die es ganz selbstverständlich ist, sich an einen Schulsozialarbeiter zu wenden, wenn sie Probleme haben.

Und welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Ich denke, es ist wichtig, dass die Schulsozialarbeit durch freie Träger noch mehr in ihrer Methodik und in ihren Qualitätsstandards anerkannt wird. Und Eltern sollten wissen, dass sie sich jederzeit bei Problemen ihrer Kinder oder in der Familie an die Schulsozialarbeit wenden können. Mir ist aber auch wichtig, unseren Mitarbeitern klare Perspektiven zu bieten. Planungssicherheit für Träger ist notwendig, damit Arbeitsverhältnisse langfristig und unbefristet abgeschlossen werden können. Bisher werden Verträge für Schulsozialarbeiter häufig nur befristet vergeben. Gerade jüngere Menschen, die vielleicht vor einer Familiengründung stehen, werden so manchmal abgeschreckt. Die Schulsozialarbeit leistet einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag. Das sollte sich auch in guten (und unbefristeten) Arbeitsverträgen widerspiegeln.

Kategorien: Erziehung , Stadtgeschehen