Erziehung

Jeder Tag ein Abenteuer

Besima Donlagic-Kraaß · 29.05.2018

© Andreas Endermann

© Andreas Endermann

Für Kinder im Waldkindergarten ist kein Tag wie der andere: An verschiedenen Plätzen im Wald erleben sie den Wechsel der Jahreszeiten, entdecken die Natur und finden ihr Spielzeug selbst. Dabei kennen sie kein schlechtes Wetter und sind wirklich immer draußen. Das stärkt den Körper und erdet den Geist.

Im Düsseldorfer Waldkindergarten „Waldkobolde Düsseldorf-Süd e. V.“ herrscht Aufbruchsstimmung. Es ist 8.45 Uhr. Mit den Rucksäcken auf den Rücken machen sich die kleinen Waldkobolde auf den Weg in den Wald. Ihr Ziel: die Apfelwiese. Am Waldtor bleiben sie stehen. „Schaut bitte alle kurz in den Wald hinein, schaut wie alles glitzert“, macht die Leiterin Tanja Meurer die Kinder aufmerksam. Und tatsächlich: Der Morgentau hat den Waldboden und die Bäume mit glitzernden Wassertröpfchen bedeckt und die ersten goldenen Sonnenstrahlen lassen diese glänzen und funkeln wie winzige Diamanten. Ein beruhigendes Bild. Frau Meurer und die Kinder bleiben kurz still und halten inne.

Trend aus dem Norden

Ist man in den skandinavischen Ländern unterwegs, fallen einem oft Kindergartengruppen auf, die viel Zeit draußen verbringen. Dort existieren Wald- und Naturkindergärten bereits schon seit mehr als 40 Jahren. Die ursprüngliche Idee des Waldkindergartens kommt aus Dänemark, genauer von Ella Flatau, die 1952 mit ihren vier Kindern viel Zeit im Wald verbrachte. Zwei Jahre später gründete sie den ersten Waldkindergarten, deren Beliebtheit und Anzahl immer weiter stieg und 1993 schließlich auch in Deutschland ein Zuhause fand. Inzwischen gibt es bundesweit cirka 700 Waldkindergärten; und damit ist die Nachfrage noch lange nicht gedeckt. Der wesentliche Unterschied zum Regelkindergarten besteht darin, dass sich die Waldkinder ganzjährig überwiegend in der Natur aufhalten. Alle Aktivitäten finden draußen statt, bei jedem Wetter. In Ausnahmefällen, bei Sturm oder Gewitter, bietet der Bauwagen den Kindern und dem Erzieherteam Unterschlupf. Waren die ersten Waldkitas noch Halbtageseinrichtungen, bieten sie mittlerweile für  „Mittagskinder“ eine Betreuung bis gegen 15 Uhr an.

Jeden Tag woanders

„Was macht ihr denn so den halben Tag im Wald ..?“ Eine Frage, die oft gestellt wird. Der Tag der Düsseldorfer Waldkobolde ist klar strukturiert und beginnt mit einem Morgenkreis. Mit voll bepackten Bollerwagen machen sich Erzieher und die Kinder auf den Weg zu einem der vielen Plätze im Wald. Die Kinder dürfen jeden Morgen mitentscheiden, wo es hin gehen soll. Am Ziel angekommen, erkunden die Kinder erst einmal den Platz. Was hat sich verändert? Gibt es Spuren zu entdecken? Es wird gespielt, getobt, gemalt, gelesen und experimentiert. Danach folgt das Händesäubern mittels mitgebrachter Lappen und Frühstück. Nachdem das Frühstück beendet ist, bleibt noch viel Zeit zum Spielen und Ausprobieren. Gegen Mittag wandern dann alle wieder zurück zum Bauwagenplatz, wo die Kinder nach dem gemeinsamen Abschlusskreis von ihren Eltern abgeholt werden oder zum Mittagessen bleiben. Jeden Donnerstag bereiten die Waldkobolde das Mittagessen gemeinsam zu. Im Bauwagen gibt es übrigens auch ein „stilles Örtchen“.

Kreislauf der Natur

Im Waldkindergarten ist kein Tag wie der andere. Der Wald bietet Erlebnisräume ohne Begrenzung und ohne vorgefertigtes Spielzeug. Die Fantasie der Kinder ist gefragt und so fertigen sie sich ihr Spielzeug aus dem, was ihnen der Wald an Materialien bietet, selbst: Stöcke, Blätter, Steine und Erde. Aus einem entwurzelten Baum wird plötzlich ein Piratenschiff, liegende Baumstämme laden zum Balancieren ein, eine Autoreifen-Schaukel im Baum macht Riesenspaß, Mistkäfer werden zu „Spielkameraden“– ein Spieluniversum öffnet sich, mit einem ganz besonderen Naturerlebnis. „Der Wald gibt uns genug Anreize zum Spielen, Forschen und Entdecken. Die Kinder lernen viel über die Kreisläufe in der Natur, über Tiere und Pflanzen. Beispielsweise machen wir uns im Winter auf Suche nach Tierspuren im Schnee, im Frühling sehen wir zu, wie unser Wald immer grüner wird, im Sommer lauschen wir den Vögeln und im Herbst sammeln wir bunte Blätter, Kastanien und Haselnüsse. Kinder dürfen den Wechsel der Jahreszeiten im Wald hautnah miterleben“, erklärt Leiterin Tanja Meurer. Da der Kindergarten eine Elterninitiative ist, sind die Eltern durch ihre Mitgliedschaft im Verein gleichzeitig auch Träger der Einrichtung, sie wählen den Vorstand und Elternrat und sind mitverantwortlich. Jedes Elternteil bringt besondere Kenntnisse oder Fertigkeiten mit, ob beim Bauen, Basteln oder Reparaturarbeiten. Außerdem unterstützen sie das Erzieherteam, indem sie Feste mit organisieren, Ausflüge begleiten, Wäschedienst machen, Einkäufe erledigen oder bei Ausfall der Erzieher als Aufsichtsperson im Wald einspringen.

Schmutzig, aber glücklich

Viele Eltern machen sich Gedanken und Sorgen, ob ihr Kind im Wald friert oder nass wird. Hier gilt die Regel; Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Kinder lieben Regenwetter. Sie haben jede Menge Spaß an Pfützen und es passiert nicht selten, dass ein Hügel im Wald zu einer spaßigen Matschrutsche wird. Ja, dann sind die Waldkinder zwar schmutzig, aber glücklich - und dürfen so leben, wie es für uns ältere Generationen früher noch selbstverständlich war. Der natürliche Bewegungsdrang der Kinder kann im Freien ungehindert ausgelebt werden, das Immunsystem wird durch den Aufenthalt im Freien trainiert. Ausgepowert aber glücklich kommen Waldkinder nach Hause. Auch die Sinne werden im Wald gefordert und geschult. Das Rauschen des Windes, der Blätter, der Geruch feuchter Erde und die Stille. Stille kann man ganz besonders gut im Wald erleben und genießen.

Fürs Leben geerdet

Auch im Waldkindergarten gibt es Regeln, an die sich die Kinder halten müssen. „Der behutsame Umgang mit der Natur beziehungsweise mit jeder Art von Leben wird bei uns gelernt und erfahren. So wissen die Kinder beispielsweise, dass sie kein Müll im Wald liegen lassen dürfen. Oder dass weder Pilze noch Beeren ohne Erzieher gesammelt oder gegessen werden“, erklärt Tanja Meurer. Von den Vorteilen eines Waldkindergartens ist auch die Familie Endermann überzeugt. Ihr Sohn besucht im zweiten Jahr den Waldkindergarten Waldkobolde, Tochter Mathilda folgt ihrem Bruder im Sommer. „Ich finde, man kann einem Kind kaum etwas Wichtigeres mit auf den Lebensweg geben als die Verbundenheit zur Natur. Dies erdet einen Menschen im wahrsten Sinne des Wortes. Es verbindet ihn mit allem Leben. Gerade in der heutigen Zeit mit ihrer mannigfaltigen, geradezu verwirrenden Auswahl an Möglichkeiten, Ablenkungen und Zerstreuungen ist dies eine wichtige Basis, auf die der Mensch aufbauen kann“, ist Andreas Endermann überzeugt.

„Schau dir einen Baum, eine Blume, eine Pflanze an. Lass dein Gewahrsein darauf ruhen. Wie still sie sind, wie tief sie im Sein wurzeln. Lass zu, dass die Natur dich die Stille lehrt. (Eckhart Tolle)

Waldkindergärten in Düsseldorf:
Aaper Wald und Garather Forst

Tags: Aaper Wald , garather Forst , Waldkindergarten , Waldkobolde

Kategorien: Erziehung , Nachhaltigkeit