Erziehung

Halt dich da raus!?

Andrea Vogelgesang · 05.11.2017

© as_seen / Photocase.de

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Dr. Michael Winterhoff schreibt selbst Erziehungsratgeber - trotzdem hält er wenig davon, sich in anderer Leut' Erziehung einzumischen.

Vater, Mutter, Kind … Von einer Mehr-Generationen-Gemeinschaft in früheren Zeiten hat sich der Begriff Familie heutzutage auf diese Minikonstellation eingependelt. Diese bietet natürlich eine wichtige Konstante im Kinderleben, aber welche Bedeutung kommt dem Einfluss anderer Erwachsener zu, die ebenfalls einen Blick auf die Heranwachsenden haben?

Offensichtlich haben wir Schwierigkeiten, offen auf Kritik zu reagieren und sie gegebenenfalls sogar anzunehmen, insbesondere wenn es unsere Erziehungskompetenzen betrifft. Julie ist dreifache Mutter und hat sich von Anfang an dazu entschieden, andere Menschen in das Leben ihrer Töchter hineinzulassen. „Ich finde den Spruch: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen, sehr treffend. Man entscheidet sich, entweder alles kontrollieren zu können und keine andere Meinung von außen zuzulassen, oder aber das Kind freizugeben.“

Respekt muss sein
Inwiefern aber sind Kommentare und Einflüsse von außen konstruktiv oder übergriffig? Der Kinder- und Jugendpsychiater und Bestsellerautor Dr. Michael Winterhoff bemängelt in diesem Zusammenhang ein generelles Phänomen: „Heutzutage erleben wir ständig Grenzüberschreitungen - sei es im beruflichen oder im privaten Bereich. Viele meinen, überall mitreden zu müssen. Insbesondere Väter und Mütter werden von Außenstehenden häufig nicht in ihrer Elternrolle geachtet. Das zeugt von mangelndem Respekt.“ Wenn aus einer gewissen Distanz, sozusagen aus der Beobachterrolle heraus, das Wort erhoben wird, gehe es meist mehr um das Kundtun einer eigenen Meinung und des eigenen Befindens als um das Wohl aller Beteiligten.

Typisch: Quengelei an der Kasse …
In der Öffentlichkeit ist die Angriffsfläche besonders groß, so klassischerweise im Supermarkt. Schlägt eine Quengelei des Kindes nach einer Süßigkeit in der Kassenschlange in lautes Geschrei um, bleiben Kommentare von Umstehenden selten aus. Michael Winterhoff meint, dass man sich bestenfalls der Herausforderung bei einem Einkauf gar nicht aussetzen solle, besonders mit kleinen Kindern zwischen zwei und vier Jahren. „Das geht im Alltag natürlich nicht. Es besteht aber immer die Möglichkeit, eine brenzlige Situation zu unterbrechen, indem man sich mit dem Kind kurz zurückzieht, bis es sich wieder sortiert hat. Das geht meistens relativ schnell. Das nimmt den Druck. Ebenso kann man bei größeren Kindern im Vorfeld in Ruhe Abmachungen treffen, an die man sie dann erinnert.“

… nachbarschaftliche Reaktionen
Mit Nachbarn teilt man immerhin tagtäglich das Lebensumfeld. Kinderrufe, manchmal auch schon lautes Lachen oder ein Fußball, der über den Gartenzaun fliegt, können Beschwerden oder Maßregelungen nach sich ziehen. Dabei, so Winterhoff, ginge es aber eher darum, wie gut oder belastet das Verhältnis im Allgemeinen sei. Reaktionen auf die Geräuschkulisse der Kinder könnten wie ein Ventil für anderen aufgestauten Ärger sein.

…freundschaftliche Anmerkungen
Aber auch Menschen, von denen man per se Verständnis erwarten würde, können einen mit ihren Ratschlägen vor den Kopf stoßen. Bemängelt beispielsweise die beste Freundin die Mutter-Kind-Beziehung als zu eng, versteckt sich dahinter vielleicht so etwas wie Eifersucht oder Neid. „Auch wenn sich gute Freunde als enge Vertraute sehen, müssen sie die Grenzen wahren“, so der Kinder- und Jugendpsychiater. Ihnen gegenüber sei man ja viel offener und setze sich mit einem Kind extrem aus. Das Verhalten der Kinder werde oft auf die Kompetenzen der Eltern zurückgeführt und das könne verletzend sein.

… großelterliche Tipps
Auch Ratschläge von den Großeltern können übergriffig sein: „Sie haben definitiv nicht die Aufgabe, Eltern zu erklären, wie sie sich verhalten sollten“, kommentiert Michael Winterhoff und fährt fort: „Damit würden sie Vater und Mutter ihre Eigenverantwortung absprechen. Werden sogar andere Erziehungsmethoden übergestülpt – zum Beispiel dem Enkelkind alles zu erlauben, was zu Hause verboten ist, kann je nach Situation auch mal eine Kontaktpause angebracht sein. Eine fragende Haltung hingegen und Unterstützung auf der Basis eines Konsens sind eine willkommene und hilfreiche Variante.“

Ist das Einmischen also konstruktiv oder anmaßend? Mit Blick auf die Fragestellung vom Beginn scheint es berechtigt, empfindlich auf Einmischungen zu reagieren, wenn sie nicht von Empathie und Mitverantwortungsgefühl getragen sind. In diesem Sinn spricht Mutter Julie eine wesentliche Voraussetzung an: „Eine Person von außen muss natürlich auch ein wirkliches Interesse an meinen Kindern haben, damit ich ihre Ratschläge ernst nehmen oder ihr zutrauen kann, meine Töchter zu betreuen. Dann ist es ein Gewinn, wenn meine Kleinen auch mal ganz andere Eindrücke bekommen als in unserer Familie.“ In unseren Breitengraden gibt es das sprichwörtlich afrikanische Dorf zwar nicht, aber auch bei uns gestalten viele Personen von außen wie Erzieher, Lehrer, Trainer und etliche andere den langen Weg der Heranwachsenden mit. Damit dies gelingt, bedarf es gegenseitigen Respekts.

 

Experte
Der Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut Michael Winterhoff, geboren 1955, ist seit 1988 als Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bonn tätig. Als Sozialpsychiater ist der anerkannte Facharzt auch im Bereich der Jugendhilfe tätig. Sein neuestes Buch ist „Die Wiederentdeckung der Kindheit – wie wir unsere Kinder glücklich und lebenstüchtig machen“ (Bertelsmann 2017, ISBN 978-3-579-0866-0, 13,99 Euro)

Tags: Erziehungsratgeber

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