Erziehung

Gezielt Motivation tanken

Anna Bolten · 02.07.2020

© iuricazac – AdobeStock

© iuricazac – AdobeStock

Obwohl sie für die Kinder nie früh genug kommen können, blickt das ein oder andere Elternteil mit Besorgnis auf die bevorstehenden Sommerferien. Insbesondere in diesem Jahr, in dem von Ende März an monatelang Kitas und Schulen geschlossen waren und Familien sich mit dem Homeschooling arrangieren mussten. Und jetzt schon wieder alle Kinder zu Hause und dann auch noch ganz frei?

Neben der Angst, für ständige Bespaßung sorgen zu müssen, sind sich Eltern häufig unsicher, wie ein geregelter Umgang in der schulfreien Zeit aussehen sollte. Um das zu verstehen, muss sich zunächst die Frage gestellt werden, was der Wechsel in die Sommerferien für die Kinder bedeutet. Worauf sollten Eltern jetzt achten? Was können sie machen, um den Kindern – trotz allem Stress in den Familien – jetzt ein paar unbeschwerte Ferienwochen zu ermöglichen?

Es alleine schon auszusprechen, löst normalerweise größte Vorfreude bei den Jüngsten aus: Die Sommerferien stehen vor der Tür! Schulfrei, viel Zeit zum Spielen, lange wachbleiben ... manches davon ist allerdings schon seit Wochen Alltag in den Familien und hat an Reiz eingebüßt. Wie also trotzdem auf die Sommerferien freuen? Damit der Übergang in die Ferien problemlos abläuft, helfe es, als Elternteil Ruhe zu bewahren, rät Dr. Jörg Siewert, akademischer Oberrat für Schulpädagogik an der Universität Siegen und selbst Vater zweier Kinder.

Pause für den Kopf

Nach Siewert ist der Schulalltag – egal ob vor Ort oder im Homeschooling – geprägt durch fremdbestimmte Leistungsanforderungen. Deswegen benötigen auch die Jüngsten Pausen von den Ansprüchen des Alltags – sei es am Wochenende oder eben in den lang ersehnten Sommerferien. Abschalten sei auch für Kinder unabdingbar: Hierbei habe das Gehirn die Chance auf eine Pause, um Eindrücke zu verinnerlichen und sich zu regenerieren. Insbesondere dem Schlaf könne man eine große Bedeutung zusprechen, da unser Denkzentrum erst dabei das Erlebte verarbeitet und es so zu einem Lernprozess kommt – was übrigens auch für Erwachsene gilt.

Langeweile ist nichts Schlechtes

Während sich Kinder durch die Anforderungen der Schule schon mal unter Druck gesetzt fühlen können, diene die schulfreie Zeit dazu, Energie und neue Motivation zu tanken. Hierbei sei es von Kind zu Kind unterschiedlich, ob es dafür ein breites Angebot an Beschäftigung durch die Eltern brauche. Eines gelte aber sicher: „Langeweile ist überhaupt nichts Schlechtes.“ Ganz im Gegenteil sogar: Das Kind brauche Freiheiten, um seine Zeit selbst zu gestalten und den Stress loszulassen. Eines, was vielen Eltern schwer fallen könnte, solle unbedingt berücksichtigt werden: Eltern sollten in der Lage sein, es auszuhalten, dass das Kind Zeit und Raum für sich braucht und „auch mal nichts tut“. Auch langes Schlafen innerhalb der Ferien lasse sich als Ausgleich zum normalerweise „unmenschlich frühen Schulanfang“ ansehen, erklärt der Erziehungswissenschafler. Und tatsächlich: Den späteren Start in den Tag haben viele Familien in der Coronazeit durchaus als Erleichterung empfunden. Es spricht nichts dagegen, die Kinder diesen Luxus auch in den Sommerferien weiter genießen zu lassen.

Jetzt lernen? Weniger ist mehr!

Ganz nach dem Motto „Weniger ist mehr“ sei auch mit dem Thema Lernen in der Ferienzeit umzugehen, erklärt Erziehungswissenschaftler Siewert. Bewusst haben Schulen darauf verzichtet, den wegen Corona ausgefallen Lernstoff in die Sommerferien zu verlagern – für die Schüler*innen eine Chance, in den nächsten Wochen den ganzen Stress, Frust, Unsicherheit und Chaos des vergangenen Halbjahres sacken zu lassen und neue Motivation zu schöpfen. Nach Meinung des Experten ist gerade auch bei schwächeren Schüler*innen höchste Vorsicht und ein wenig Fingerspitzengefühl der Eltern gefragt: „Lasst die Kinder in Ruhe!“, rät er und dazu, lieber neuen Mut zu vermitteln als ständig den Gedanken an die vielleicht nur lückenhaft bearbeiteten Schulsachen aufrechtzuerhalten. Selbst die Ankündigung, „jeden Tag nur ein bisschen für die Schule zu tun“, sei für das Feriengefühl der Kinder fatal. Lieber sorge man dafür, dass die Aufgaben womöglich sogar als Belohnung dienen. So kann Klavierspielen oder eine Rechenaufgabe vor dem Zubettgehen auch Spaß bereiten, statt als lästiges Muss gesehen zu werden. Gerade Teile des Lernstoffs von Grundschüler*innen können unauffällig in den Alltag eingestreut werden: Hier mal einen Einkaufszettel schreiben, dort einen Preis ausrechnen, auf dem Stadtplan etwas nachschlagen oder Papierflieger basteln ... Aber wohlgemerkt: Nur dann, wenn das Kind das auch gern macht.

Mitbestimmung und Freiräume

Gegen einen geregelten Tagesablauf sei generell nichts einzuwenden. So kann das Kind, wo das möglich ist, sogar in den weiterlaufenden Alltag der Erwachsenen eingebunden werden, indem man beispielsweise gemeinsam kocht oder spazieren geht und die Aufgaben, die man sowieso erledigen würde, einfach gemeinsam bewältigt – für die Kinder kann das ein großer Spaß sein, sich in den Aufgaben der Erwachsenen auszuprobieren: Wäsche aufhängen, das Wohnzimmer staubsaugen oder die Blumen gießen. Aber auch in diesem Fall sollten die Bedürfnisse des Kindes im Mittelpunkt stehen, denn das Gefühl, über seine Zeit möglichst selbst zu bestimmen, ist für die Motivation von Menschen extrem wichtig – und im Gegensatz zu den starren Regeln während der Schulzeit in den Ferien gut möglich. Daher empfiehlt Siewert, die Ferienregeln vorab gemeinsam mit dem Kind zu vereinbaren.

Den eigenen Interessen folgen

Konkrete Lösungen, um die Ferienzeit der Sprösslinge zu gestalten, gebe es pauschal nicht. Generell müsse man „an den Stärken des Kindes ansetzen“, um das Kind vom schulischen Leistungsdruck zu befreien. Bei manchen Kindern sei dabei ein Ansporn nötig, um das Gefühl, untalentiert oder gar schlecht zu sein, abzulegen. Angebote der Eltern sollten stets verhandelbar sein und nicht zum Zwang werden. Empfohlen werden können all die Aktivitäten, die dem Kind Freude und Spaß und vor allem Erfolgserlebnisse bereiten. Darunter können gemeinsames Spielen, auf Bäume klettern, aber auch einfach eine Ruhepause fallen. Immer in dem Bewusstsein, dass man als Erwachsener womöglich einen Schritt zurückgehen und „sehr aufs Kind achten“ müsse. Ein Rat sei, dem Kind möglichst viel von dem anzubieten, „was es interessiert“. Wenn dies also das Museum ist, dann plant die Familie einen Museumsbesuch ein. Wenn es die Natur ist, dann geht es gemeinsam nach draußen. Und um zu guter Letzt allen Eltern die Unsicherheiten zu nehmen, welches Ferienprogramm und wie viel davon das Richtige ist, lasst euch gesagt sein: Macht euch bloß nicht verrückt!

Zur Person:

Dr. Jörg Siewert (54 Jahre), zwei Kinder (15 und 20 Jahre)

Akademischer Oberrat für Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Schulpädagogik und Didaktik im Sekundarbereich sowie Leiter der universitären Arbeitsstelle „Siegener Netzwerk Schule (SiNet)“.

Werdegang:  1. Staatsexamen 1994, Lehrer in Mathematik und Pädagogik an einer Gesamtschule, Promotion an der Uni Siegen 2013, seit 2015 akademischer Oberrat und Leitung SiNet, seit 2017 Mitglied der Redaktion des Fachmagazins „Pädagogik“.

Tags: Entspannung , Jörg Siewert , Newsletter KW26 , Schulferien , Sommerferien

Kategorien: Freizeit , Erziehung