Erziehung

Gemeinschaft auf Zeit

Astrid Krömer · 19.12.2017

© miodrag ignjatovic – iStock

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Zimmer frei: Wer ein Au-pair in der Familie aufnimmt, sollte sich vorher gegenseitig kennenlernen, um Enttäuschungen zu vermeiden.

Ein Au-pair in der Familie kann eine gute Lösung sein, um sich in turbulenten Zeiten Hilfe zu organisieren. Aber natürlich muss die Chemie stimmen und die gemeinsame Zeit sollte vernünftig geregelt und für den Fall der Fälle abgesichert sein.

„Hattet ihr nicht mal eine Au-pair und wie war das denn?“ Die Frage kommt nicht unvermittelt. Freunde sind mit ihren zwei kleinen Söhnen zu Besuch. Die Eltern genießen das Glück mit den Wonneproppen, aber es geht ihnen wie uns, als wir vor zwölf Jahren rasch hintereinander Kinder bekamen: Sie wollen ihre Berufe, die Minis, gesellschaftliche Verpflichtungen und mal einen kinderfreien Abend ohne das Rückgrat von Großeltern irgendwie auf die Reihe bringen. Julia plant, demnächst die Elternzeit abzuschließen und an drei vollen Tagen wieder 30 Kilometer zur Firma zu pendeln, Peters Arbeitsplatz ist in Düsseldorf … Tatsächlich könnte ein Au-pair die Lösung sein: 30 Wochenstunden Unterstützung beim Abholen oder Betreuen der Kinder und leichter Hausarbeit, auf sechs Tage verteilt. Ein Au-pair bekommt monatlich 260 Euro Taschengeld, 50 Euro Zuschuss zum Sprachkurs und die Fahrtkosten dahin. Freie Verpflegung und ein eigenes Zimmer sind vorausgesetzt. Die wichtigste Frage aber ist: Seid ihr bereit, Gastfamilie für einen noch unerfahrenen jungen Menschen aus einer fremden Kultur zu werden, ihm beizustehen, bis er sich an euch und unbekannte Gepflogenheiten gewöhnt hat und wiederum ihr euch an ihn?

Auf Gegenseitigkeit
Au-pair heißt: auf Gegenseitigkeit. Bei uns hat das mit einer Argentinierin wundervoll funktioniert und dann kam deren Cousine. Jede war vom Typ her anders. Die Lebensfröhliche begleitete uns oft zu Freunden, Familie und auf Reisen, die andere, häuslicher, eroberte mehr und mehr den Herd. Beide passten zu unserer sich stets wandelnden Familiensituation. Dann kam Nummer drei und da gab es Anekdoten, die man selbst erlebt haben muss. Mir ist sie in Erinnerung als: rauchend vor unserem Eingang, Tasse Tee dazu in einer und Telefon in der anderen Hand. Man ahnt es: Wir trennten uns nach der im Vertrag festgelegten Kündigungsfrist von zwei Wochen mit Erleichterung sowohl von ihr wie ihrer Au-pair-Kameradin, die plötzlich mit vor unserem Haus und neben ihrem Koffer stand. Wer nicht darauf achtet, was im Au-pair-Vertrag steht (oder keinen abschließt!), dem kann so manches widerfahren. Unsere Au-pairs waren offiziell vermittelt über den Verein Internationale Jugendarbeit, aber dessen Zweigstelle in Düsseldorf gibt es nicht mehr. Die Au-pair-Szene hat sich gewandelt und ich rufe bei Michaela Niclaus von aupair4kids mit Sitz in Oberkassel an. „Beim Au-pair-Markt läuft viel übers Internet“, bestätigt sie meinen Verdacht. Ihr Schwerpunkt hat sich zu help4seniors verlegt, jährlich vermittelt sich noch etwa 30 Au-pairs zu Stammfamilien, wobei sie mit lange vertrauten Kontaktpersonen in Georgien und Zimbabwe zusammenarbeitet, die junge Frauen auf ihre Au-pair-Zeit vorbereiten und in Deutsch unterrichten. Noch gibt es sie aber, sogenannte Full-Service-Organisationen, die mit Büros vor Ort bei auftauchenden Problemen beistehen, helfen, fremde Orte oder Gleichgesinnte kennenzulernen und Sprachkurse zu finden. Aber sie haben Konkurrenz von Online-Matching-Agenturen bekommen, die zwar Konditionen offenlegen und über den Globus hinweg zueinander bringen, junge Leute ansonsten weit weg vom vertrauten Zuhause ins kalte Wasser springen lassen.

Viele Onlineagenturen
Christalia aus Indonesien hat den Sprung mittels einer Onlineagentur gewagt. Die 25-Jährige dachte bereits während des Studiums und einer Ausbildung an Europa. Per Skype und WhatsApp unter-zog sie sich einem Kennenlernprozess und dann ging es weg von ihrer Heimatinsel Java zur Gastfamilie mit drei Kleinkindern nach Kaiserswerth. Hinterher ist man immer schlauer und so befrage ich sie kurz vor Ende ihres Au-pair-Jahres: „In den ersten Wochen war ich oft bedrückt“, gibt Christalia zu. „Die fremde Umgebung machte mir zu schaffen. Ich wollte mich behilflich machen, aber die Mutter machte erst mal vieles selbst, und sie konnte natürlich alles besser als ich. Aber mit der Zeit wusste ich, wo die Stiefel hingehören, wie der Tisch gedeckt wird und auch, wann ich mich zurückziehen darf. In Asien bleibt man nämlich so lange, bis der Boss sagt, dass man gehen darf. Als ich nach zwei Monaten einen Deutschkurs besuchte, machten wir einen Wochenplan und das erleichterte mich.“ Eigentlich war Griechenland Christalias großer Traum, seitdem sie als Zehnjährige mit griechischer Mythologie in Berührung kam. Die Entscheidung fiel für Deutschland, weil es als sicher und geordnet gilt, über ein gutes Gesundheitssystem verfügt. Verdient hätte sie woanders mehr, in Belgien beispielsweise bekommen Au-pairs 440 Euro Taschengeld. „Geld nach Hause schicken oder sparen kann man nicht“, lacht sie. Aber es gibt etwas, das unbezahlbar ist: Erfahrungen. „Die größte Herausforderung ist die andere Lebensweise und meine neue Sicht auf Dinge: Was ist besser, schlechter oder einfach nur verschieden? Bevor ich ging, hatte ich Streitereien mit meiner Mutter. Durch viele Telefonate, vor allem als ich mich einsam fühlte, ist unser Verhältnis freundschaftlich geworden.“ Habe ich eigentlich erzählt, dass mein Mann und ich in jüngeren Jahren auch im Ausland arbeiteten? Unvergessliche Zeiten. Ich rufe jetzt erst mal Julia und Peter an, denn ich kenne jemanden durch ein nettes Telefonat, der eigentlich nur an Stammfamilien vermittelt. Seid ihr bereit?


Wege
zum Au-pair

apwls.com
au-pair-vij.org
au-pair-agenturen.de
aupair4kids
aupair.com
guetegemeinschaft-aupair.de
rausvonzuhaus.de


Bildverweis: miodrag ignjatovic – iStock

Tags: Au Pair

Kategorien: Erziehung