Gelassen erziehen

Gefahr aus dem Netz

Tanja Römmer-Collmann · 11.02.2021

© Andreas Woitschützke

© Andreas Woitschützke

Wie gefährlich ist das Internet für Kinder? Ein Gespräch mit Umut Ali Öksüz, der die typischen Probleme aus der Beratungspraxis kennt.

„Kinder kommen im Internet früher oder später an alle Inhalte.“ Das ist dem Neusser Pädagogen Umut Ali Öksüz, der über den Neusser Trägerverein „Interkulturelle Projekthelden“ unter anderem auch Digitalberatung für Kinder, Jugendliche und Eltern anbietet, ganz wichtig. Die Libelle hat mit ihm über die Fallstricke und Gefahren im digitalen Kinderzimmer gesprochen.

Libelle: Was sind die Gefahren, die im Internet auf Kinder lauern?

Umut Ali Öksüz: Kinder kommen im Internet früher oder später an alle Inhalte. Das sollte Eltern klar sein – aber zu gern verschließt man die Augen davor und sagt sich: „Mein Sohn, meine Tochter doch nicht!“ Wenn Kinder und Jugendliche über Jahre immer wieder pornografische Bilder oder Gewalt- oder Horrorfilme schauen, macht das etwas mit ihrer Entwicklung. Solche Bilder bleiben ja im Kopf, die lassen sich nicht wieder löschen.

Können Sie das etwas ausführen?

Umut Ali Öksüz: Ich erlebe Jugendliche, die fest davon ausgehen, dass sie später eine vermeintlich optisch „perfekte“ Freundin mit großer Oberweite und aufgespritzten Lippen haben werden. Weil sie sich nur in der Blase dieser Darstellungen und innerhalb eines Freundeskreises bewegen, der solche Frauenbilder ebenfalls für normal und realistisch hält, verlieren sie die Wirklichkeit völlig aus den Augen.

Was passiert bei den Mädchen?

Umut Ali Öksüz: Die Mädchen fühlen sich durch den schönen Schein auf Instagram, Tiktok und anderswo enorm unter Druck gesetzt. Sie sind zunehmend unzufrieden mit ihrem eigenen Körper, fühlen sich nicht schön genug. Und auch sie erliegen der Gefahr, Pornografie mit Liebe gleichzusetzen, weil ihnen das Internet das so vorgaukelt. Ein ganz anderes Thema sind In-App-Käufe, die schon Grundschüler*innen tätigen, um in Spielen besser dazustehen.

Und die sogenannten Ballerspiele?

Umut Ali Öksüz: Dabei sehe ich die größte Gefahr vor allem im Suchtpotenzial und dem Verlust echter Kontakte mit der Folge entsprechender sozialer Entwicklungsstörungen. Viele Eltern sind völlig perplex, wenn sie erfahren, dass ihr Zehnjähriger schon Baller- oder sogar Ego-Shooter-Spiele nutzt. Gehört haben die meisten Eltern zwar schon davon, aber dass es im Kinderzimmer der eigenen Wohnung stattfindet – das fällt vielen schwer, wahrzunehmen.

Wie können Eltern Einfluss nehmen?

Umut Ali Öksüz: Wichtig ist, dass die Eltern das Kind von Anfang an begleiten, wenn es die digitalen Medien nutzt. Das startet ja heute praktisch schon im Kindergartenalter. Und dann heißt es: dranbleiben! Immer wieder nachfragen, was das Kind aktuell gerade digital spielt, sich auch mal danebensetzen und eine Runde mitspielen. Apps und Spiele gemeinsam auswählen, Vor- und Nachteile diskutieren. Nur so entsteht das nötige Vertrauen.

Wie sehen Sie Verbote?

Umut Ali Öksüz: Ein Handyverbot bewirkt häufig das Gegenteil: Das Kind wird die verpasste Spielzeit später nachholen und Strategien entwickeln, dass die Eltern nicht mehr mitbekommen, was und wie lange es spielt, zum Beispiel nachts. Das Kind vertraut den Eltern nicht mehr und hält sie außen vor. Kinder sind auch sehr geschickt darin, technische Beschränkungen auszutricksen.

Was ist mit der Vorbildfunktion der Eltern?

Umut Ali Öksüz: Auch ein sehr wichtiger Punkt. Wenn Eltern zu mir in die Beratung kommen und es selbst nicht schaffen, das Smartphone mal für eine Viertelstunde in der Tasche zu lassen, dann sage ich: „Warum soll Ihr Kind das Gerät denn weglegen?“ Es sieht doch, wie wichtig es für die Eltern ist und leitet daraus zu Recht ab, dass ihm sein eigenes Smartphone ebenso wichtig sein darf.

Wann suchen Eltern bei Ihnen Rat?

Umut Ali Öksüz: Typische Einstiegssätze sind: „Der erzählt ja gar nichts mehr“, „Der ist zu lange am Handy“ oder ähnliches. Auslöser für eine Beratung sind häufig auch verschlechterte Schulnoten. Dann ist das Kind natürlich schon ein ganzes Stück des Wegs allein gegangen ... Ich versuche, das Vertrauen des Kindes zu gewinnen, sodass es es bereit ist, sein eigenes Verhalten und was es in der digitalen Welt erlebt, zu reflektieren.

Was ist eine gute Haltung der Eltern?

Umut Ali Öksüz: Wenn Eltern dem Kind gegenüber nicht als strafende Kontrollinstanz auftreten, sondern das Gespräch suchen. Wenn sie mit dem Kind über die Gefahren des Internets sprechen und ihm dabei auch gut zuhören. Und zwar möglichst von Anfang an und dann regelmäßig. Wenn in der Familie ein Konsens darüber herrscht, dass das Internet Gefahren birgt, vor denen nicht nur das Kind geschützt sein soll, sondern auch die Eltern.

Ist denn alles im Internet schlecht?

Umut Ali Öksüz: Auf keinen Fall! Das Internet bietet Kindern und Jugendlichen viel Gutes, gerade auch jetzt in Zeiten des Distanzlernens. Aber es sollte genug Zeit für echte Kontakte, Bewegung, gemeinsame Spiele und anderes bleiben. Ich empfehle Familien, gemeinsame Rituale einzuführen. Gerade Jugendliche meckern da vielleicht erstmal drüber – aber im Grunde schätzen sie es, wenn die Eltern sich Zeit für sie nehmen. So entsteht Raum für Gespräche.

Was ist Ihnen noch wichtig?

Umut Ali Öksüz: Ich empfehle Eltern, wirklich früh in die Aufklärung über Internetinhalte und deren Einordnung einzusteigen. Daher ist es auch eine so wichtige Aufgabe der Lehrkräfte und Erzieher*innen an den Grundschulen, da nicht wegzuhören, sondern Kindern immer wieder zu erklären, was geht und was nicht geht. In dem Alter ist es noch viel einfacher, die sich selbst schützende Haltung des Kinds aufzubauen und zu stärken.

Der Experte

Umut Ali Öksüz (31)

Pädagoge und Kinderschutzfachkraft § 8a SGB VIII, Referent, www.umutalioeksuez.de

Vorstandsvorsitzender Trägerverein „Interkulturelle Projekthelden Neuss“

Berghäuschensweg 30, 41464 Neuss, Telefon 02131.533 89 72, Mobil 0157.51 99 60 69, E-Mail info@i-projekthelden.dewww.i-projekthelden.de

Tags: Digitale Familie , Gefahren des Internets , Interkulturelle Projekthelden , Safer Internet Day , Umut Ali Öksüz

Kategorien: Stadtleben , Freizeit erleben , Gelassen erziehen