Erziehung

Ganz die Mama

Angelina Walbröhl · 08.10.2017

© Bettina Schipping

© Bettina Schipping

Rein äußerlich oder auch vom Wesen her - die oftmals vergnügliche Suche nach familiären Ähnlichkeiten begleitet uns ein Leben lang.

„Sie ist ganz der Papa“, sagt meine Mama immer, wenn sie gefragt wird, ob ich denn ihre Tochter bin. „Ja, biologisch gesehen, stamme ich von ihr ab“, muss ich dann schmunzelnd antworten. Meine lange Nase, die mandelförmigen Augen und insbesondere die fiesen Geheimratsecken verraten, dass ich eine „fleischgewordene DNA“ meines Papas bin. Bereits als Baby konnte man das sehen. Mädchen ähneln also nicht immer ihrer Mama. Betrachte ich Familienfotos aus meinem Umfeld, fällt mir auf, dass die Ähnlichkeiten meiner Freunde mit ihren Eltern nicht geschlechtsspezifisch, sondern häufig eher umgekehrt sind – die Töchter ähneln dem Vater und die Söhne der Mutter. Doch nicht nur das Aussehen fällt als vererbte Ähnlichkeit auf, sondern auch innere Merkmale wie Verhaltensweisen oder Bewegungsabläufe können als Ähnlichkeiten auftreten. So besteht mein Charakter aus Puzzleteilen sowohl vom Papa als auch von der Mama: Den Ehrgeiz, an jedes Thema eine Diskussion anzubinden, habe ich vom Papa. Für Probleme immer Lösungsvorschläge zu haben – da bin ich ganz die Mama. Hier und da habe ich also etwas von meinen Eltern geerbt – oder habe ich mir diese Dinge als kleines Mädchen doch eher abgeschaut? Und wo ist da die Grenze? Ist ein bestimmter Blick mit der entsprechenden Kopfhaltung („genau wie Oma Elli!“) Nachahmung? Wohl kaum, wenn der Enkel die Oma gar nicht mehr zu Lebzeiten gekannt hat. Und da wird es dann mit der Ähnlichkeit manchmal geradezu ein wenig gruselig … oder auch besonders schön?

Das habe ich von dir!
Im Biologieunterricht haben wir gelernt, dass Haar- und Augenfarbe sowie bestimmte Erkrankungen nach ganz bestimmten Gesetzen genetisch vererbbar sind. Ein Blick nach der Geburt in den Kinderwagen verrät manches Mal direkt „Ganz die Mama!“ oder „Ganz der Papa!“. Wir erkennen instinktiv schon in den winzigen Gesichtern bekannte Proportionen wieder. Mundform, Grübchen, Augenabstand, Stirnhöhe und Kopfform sind manchmal innerhalb einer Familie so ähnlich, dass alle Babys praktisch gleich aussehen. Bei alten Fotos wissen selbst die Eltern manchmal nicht, welches Baby das denn nun gerade war … Mit dem Heranwachsen entwickeln die Kinder dann ihre ganz eigene Art. In der Genforschung gilt als bewiesen, dass Charakterzüge wie Risikobereitschaft oder Schüchternheit nicht vererbt werden, sondern nur die Voraussetzungen dafür. „Wie wir Eltern uns selbst unserer Umwelt gegenüber verhalten, hat einen enormen Einfluss auf die Entwicklung unserer Kinder“, erklärt Dr. med. Sung Han, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie.

Ähnlich durch Nachahmen
Kinder sind die größten Beobachter. Sie orientieren sich an ihren Eltern und versuchen dies dann zu reflektieren. Das lässt sich bereits beim Start in der Kindertagesstätte beobachten: Kommen Eltern selbstbewusst und vertrauensvoll in die Einrichtung, dann fühlt sich das Kind schnell geborgen und geht offen auf die anderen Kinder zu. Vermittelt ein Elternteil dem Kind allerdings unbewusst das Gefühl von Unsicherheit, zieht sich das Kind im Kindergarten zurück. Damit beeinflusst die Befindlichkeit des Elternteils die Reaktion und die weitere Entwicklung des Kindes. Aber nicht nur das. Eltern können aktiv entscheiden, ob sie ihre positiven Erfahrungen, die sie selbst als Kinder gesammelt haben, an den Nachwuchs weitergeben. So keimt bei Kinderarzt Sung Han der Wunsch auf, mit seiner derzeit zweijährigen Tochter demnächst lieber über Superhelden zu fachsimpeln als Puppen die Haare zu flechten. Andersrum gilt: Ungute Erfahrungen oder Eigenschaften, die man als Kind hatte, möchten Eltern beim eigenen Kind vermeiden. „Ich war als Kind kein großer Held darin, wenn es darum ging, das Zimmer ordentlich zu halten. Darum lege ich bei meiner Tochter großen Wert darauf, dass jeden Abend das Zimmer aufgeräumt ist, bevor es zu Bett geht“, erzählt Sung Han. Für ihn ist es wichtig, sich selbst jeden Tag dazu anzuspornen, ein Vorbild für die eigenen Kinder zu sein. Eltern, Erzieher, Kinderärzte, Lehrer und Therapeuten – sie alle haben die Aufgabe, Kindern Angebote zu machen und dabei zu schauen, was interessiert sie, was möchten sie tun, was kommt aus ihnen selbst. So können sich die kleinen Persönlichkeiten, die von Anfang an angelegt sind, nach und nach entfalten. Wenn der Junge musizieren möchte wie vor ihm der Vater – gut. Wenn er aber das Klavierspielen nach zwei Jahren wieder aufgibt – auch gut.

Oder doch lieber anders?
Ähnlichkeiten zu entdecken, freut Kinder wie Eltern oder Großeltern, Tanten oder Cousins oft gleichermaßen, denn es versichert uns hinsichtlich unseres Ursprungs und stärkt unsere familiäre Zusammengehörigkeit. „Schau, ich habe diesen widerspenstigen Haarwirbel an derselben Stelle wie du.“ Wenn wir dann schließlich erwachsen sind, bekommen wir die Ähnlichkeit weniger oft auf den Kopf zugesagt. Ein komisches Gefühl, wenn Fremde auf einen Blick die Ähnlichkeit erfassen: „War das gerade Ihre Schwester? Die hat ja exakt denselben Tonfall in der Stimme wie Sie.“ Und das, wo die Schwester ein ganz anderes Leben in einem anderen Land führt – nur für einen Nachmittag ist sie zu Besuch … Und wer kennt das nicht? Manchmal bemerken wir an uns selbst klammheimlich wiederkehrende Verhaltensmuster, die uns gar nicht so lieb sind: „Werde ich jetzt schon so ein Putzteufel wie meine Mutter, so eigenbrötlerisch wie mein Vater?“ Aber allen Ähnlichkeiten zum Trotz: Jeder von uns ist eine einzigartige Persönlichkeit mit individuellen Charakterzügen, eigenen Ideen und Meinungen und einer eigenen Lebensgeschichte in seiner Zeit.

Tags: Ähnlichkeiten , Familie

Kategorien: Erziehung