Erziehung

Friedensstifter auf Zeit

Carolin Scholz · 28.10.2019

© candy1812 - stock.adobe.com

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Der Schnuller ist für viele Babys und Kleinkinder ein wichtiger Begleiter. Doch irgendwann ist Schluss damit. Nur wie?

Schnuller rein - Kind ruhig? Naja, so einfach ist es wohl nicht. Und trotzdem: Der Schnuller kann helfen, das Baby zu beruhigen und Stress und Anspannung abzubauen. Klaus Rodens ist niedergelassener Kinder- und Jugendarzt und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin und findet: Dagegen ist nichts einzuwenden. Zumindest unter bestimmten Voraussetzungen. „Das Saugen ist bei Kindern mit positiven Erinnerungen verknüpft“, sagt er. Immerhin erinnert das die Kinder an das Stillen. Über den Mund finde ohnehin viel Wahrnehmung statt. Das Saugen und Nuckeln könne also für Stressabbau und Beruhigung sorgen. Auch wenn nicht alle Kinder einen Schnuller annehmen. Auf Englisch übersetzt nennt man den Schnuller übrigens „Pacifier“ – also Friedensstifter. Doch Eltern sollten ein paar Dinge beachten, damit das für Kinder so beliebte Beruhigungsmittel nicht problematisch wird.

Nicht ablecken!
Es komme zum Beispiel vor, dass Eltern auf das Saugteil des Schnullers noch etwas auftragen – Honig oder Simplex als zusätzliches Beruhigungsmittel. Doch das könne die Abhängigkeit noch verstärken. „Da tritt dann ein Bonbon-Effekt ein“, sagt Rodens. Und irgendwann verlange das Kind dann nicht nur nach dem Schnuller, sondern brauche auch die zweite Komponente dazu. Immer wieder beobachtet Rodens auch, wie Mütter einen auf den Boden gefallenen Schnuller schnell in den eigenen Mund stecken, um ihn zu säubern und ihn dann wieder dem Kind zum Nuckeln geben. „Da schüttelt es mich immer“, sagt der Kinderarzt. Denn ob Karies, bestimmte Bakterien oder Helicobacter – die Keime aus dem Mund der Mutter können für das Kind zum Problem werden.

Bis zum zweiten Geburtstag
Der Schnuller habe aber auch positive Seiten. So haben US-Ärzte in Studien herausgefunden, dass er ein Schutzfaktor vor plötzlichem Kindstod sein kann. Und dass es grundsätzlich etwas gibt, womit man sein Kind beruhigen kann, sei natürlich auch ein Vorteil. Allerdings sollte der Schnuller nicht zu lange genutzt werden. „Im ersten und zweiten Lebensjahr ist das in Ordnung“, sagt Klaus Rodens. Danach sollte man sich aber an die Schnuller-Entwöhnung machen. Und da weiß der Kinderarzt: „Eltern sollten damit rechnen, dass das eher nicht von jetzt auf gleich und auch nicht ohne Widerstand klappen wird.“

Zum Abgewöhnen
Dass man seinem Kind den Schnuller zeitig abgewöhnt, sei wichtig. Denn wenn der Schnuller zu lange genutzt werde, könne es zu Zahnfehlstellungen und Kieferverformungen kommen. „Bei älteren Kindern gehen die nicht mehr so einfach zurück.“ Auch ein hygienischer Aspekt spiele eine Rolle, wenn Kinder den Schnuller noch im Kindergarten tragen und ihn tauschen oder vom Boden aufheben. Zum Abgewöhnen gibt es viele Wege. Für die einen klappt es, den Schnuller nach und nach weniger zu geben. Erstmal nur noch zum Schlafen, später dann gar nicht mehr. Andere brauchen den kalten Entzug. Das könne man mit einer Art Ritual verbinden, schlägt Rodens vor. Man packe vielleicht den Schnuller gemeinsam mit dem Kind in ein Päckchen und schicke ihn symbolisch an kleinere Kinder, die ihn jetzt dringender brauchen – weil man selbst ja schon groß sei. Auch könne man den Verzicht mit einem Geschenk belohnen. Schnuller gegen Kuscheltier. Bei manchen kommt auch die „Schnullerfee“ und bringt über Nacht ein Geschenk im Tausch gegen den Nuckel. Oder im Kindergarten wird der Schnulli gemeinsam bemalt und an einen Baum gehängt. Immer mit der Botschaft: Ich bin doch jetzt schon groß.

Welcher Weg für das eigene Kind der richtige ist, müssen Eltern im Einzelfall herausfinden – am besten auch im Gespräch mit dem Kind. „Wir haben es hier nicht mit Industriewerkstücken zu tun. Jedes Kind ist anders“, sagt der Kinderarzt – sogar Zwillinge können ganz unterschiedlich gern schnullern. Wichtig sei es aber, in den entscheidenden Momenten konsequent zu bleiben – auch wenn das schwer ist. Nach ein paar Wochen ist das Thema meist auch erledigt. Schnuller ade – und hoffentlich findet das Kind nicht als Ersatz den Daumen!

Schnullertypen
Schnuller ist nicht gleich Schnuller. Unterschiede gibt es bei der Form und beim Material. Das Saugteil kann aus Silikon oder Latex sein. Letzteres ist ein Naturprodukt und beim Saugen und Knabbern robuster. Allerdings wird der Latex-Schnuller schneller porös und ist auch nicht hitzebeständig. Damit punktet Silikon. Das Material ist weicher und langlebiger – allerdings ist Silikon nicht bissfest, es können sich kleine Teile lösen und verschluckt werden. Bei der Form gibt es die, die eher rund geformt sind. Die werden vor allem in der Stillphase empfohlen, weil die runde oder kirschkernartige Form der Form der Brustwarze näher kommen. Später ist ein abgeflachtes Saugteil besser und „kiefergerecht“, weil so die Zunge neben dem Schnuller mehr Platz hat.

Hygiene
Auf dem Schnuller können sich allerlei Bakterien sammeln. Vor allem, wenn er eben auch mal aus dem Mund plumpst. Kinderarzt Klaus Rodens rät dringend davon ab, den Schnuller selbst im Mund zu „säubern“. Erwachsene haben viele und ganz andere Bakterien im Mund und können dem Schnullerkind durch Ablecken des Saugers Karies oder andere Bakterien übertragen. Besser einen Ersatzschnuller dabei haben. Zuhause kann man ihn dann durch Auskochen, mit einem Vaporisator – also mit Wasserdampf – oder mit einer chemischen Lösung kalt reinigen. Hier kommt es auch auf das Material an. Denn Latexschnuller sind nicht hitzebeständig und können beim Auskochen porös werden. Bei der chemischen Variante ist besonders darauf zu achten, dass keine Rückstände am Schnuller bleiben.

Tags: Entwöhnung , Hygiene , Schnuller , Zweiter Geburtstag

Kategorien: Erziehung