Erziehung

Folgen der Kontaktsperre für Kinder

Andrea Vogelgesang · 16.05.2020

© privat

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Homeschooling und Betreuungslücken – viele Familien kommen an ihre Belastungsgrenzen, Kinder und Jugendliche vermissen den Kontakt zu Gleichaltrigen.

Im Gespräch mit der Diplom-Sozialarbeiterin der Jugend- und Elternberatung der Stadt Düsseldorf, Birgit Mewes, liegt der Fokus auf der Frage, wie sich die Kontaktsperre auf Kinder und Jugendliche und auf deren Familien (nicht nur zum Nachteil) auswirkt.

Libelle: Welche Folgen der Kontaktsperre auf Familien lassen sich beobachten?
Birgit Mewes: Ich erlebe grundsätzlich eine hohe Anpassungsfähigkeit und Akzeptanz der Ausnahmesituation und ein großes Engagement, das Beste aus den begrenzten Gegebenheiten zu machen. Viele Familien beziehen sich verstärkt aufeinander und erkennen durchaus einen Mehrwert im Zuge der unverhofften gemeinsamen Zeit. Dadurch hat sich ein anderer Umgang miteinander entwickelt. Und im besten Falle erleben Kinder eine neue Exklusivität mit Vater und Mutter, die zuvor in dem Maß nicht möglich war. Da allerdings eine echte Einschätzung wegen der Kontaktsperre durch Fachkräfte zur Zeit nicht möglich ist und die Alltagseindrücke durch Erzieher*innen und Lehrer*innen fehlen, bleibt derzeit das Ausmaß der Defizite weitgehend unbekannt.
 
Libelle: Sind die Eltern unter hohem Druck aufgrund der Krise?
Birgit Mewes: Homeschooling, meist parallel mit dem Homeoffice, das ist in der Tat anstrengend. Hier sind oft die Schüler*innen im Nachteil, deren Eltern nicht über die entsprechenden medialen Möglichkeiten und pädagogischen Fähigkeiten verfügen, die erforderlich sind, um die Kinder bei den schulischen Herausforderungen angemessen zu unterstützen. Je nach Alter, unzureichenden Sprachkenntnissen bei Migrationshintergrund, Mangel an festen Strukturen oder der Situation als Alleinerziehende können die Anforderungen Eltern auf vielfältige Weise überfordern. Es zeichnet sich mittlerweile aber auch ab, dass viele den hohen Anspruch, alles perfekt hinzubekommen, relativiert haben. Wichtiger als aufgeräumte Kinderzimmer und sorgfältig erledigte Schularbeiten sind ein gutes Miteinander und weniger Streit und Konflikte beim Durchsetzen von Erziehungsregeln.
 
Libelle: Wie sieht der Corona-Alltag in belasteten Situationen aus?
Birgit Mewes: Vermutet wird, dass Familien, die schon vor den Zeiten der Corona-Einschränkungen Probleme in der Partnerschaft, der Erziehung, der Schule oder anderswo hatten, nun eher eine Zunahme dieser Schwierigkeiten erfahren. Heranwachsende aus getrennt lebenden Familien erleben verstärkt eine Einschränkung bei den Umgangskontakten, denn nicht selten führt die Sorge vor der Infizierung mit Corona zu einer willkürlichen Beschränkung. Diese Kinder vermissen den anderen Elternteil und geraten noch mehr in einen Loyalitätskonflikt.
 
Familien mit behinderten Kindern, deren externe Unterstützung nun wegen der Ansteckungsgefahr wegfällt, kommen an ihre Belastungsgrenzen, wenn sie zum Teil rund um die Uhr selbst die Betreuung meistern müssen.
 
Jungen und Mädchen, die aufgrund besonderer familiärer Belastungen aus den Familien und im Kinderhilfezentrum in Obhut genommen wurden, können nun nur noch über Videotelefonate Umgangskontakt zu ihren Eltern haben. Diagnostische und therapeutische Termine sind nur sehr eingeschränkt und Verlegungen in andere Wohngruppen wegen der Infektionsgefahr kaum möglich. Hier sind neben den Kindern vor allem auch die Erzieher*innen und betreuenden Fachkräfte extrem gefordert.
 
Libelle: Wie erleben Heranwachsende diese außergewöhnliche Zeit?
Birgit Mewes: Das lässt sich nur schwer allgemein beantworten und hängt natürlich sehr von der Persönlichkeit ab, ob man ein geselliger Typ oder eher Einzelgänger ist. Oft haben Jugendliche schon vor Corona viel Erfahrung mit sozialen Medien und sind an einen „online“-Austausch mit ihren Freund*innen gewöhnt.
 
Dennoch erleben viele diese Zeit wie herausgeschleudert aus dem „normalen Leben“. Die Eltern sind für Jugendliche in der Regel nicht die ersten Ansprechpartner bei Problemen und es gibt eher viele Konflikte zwischen ihnen. Teenager leiden besonders unter dem analogen Kontaktabbruch zu Freund*innen, Klassenkamerad*innen, ihrer Clique, aber auch ihren vertrauten erwachsenen Ansprechpartner*innen in Freizeiteinrichtungen oder Sportvereinen. Sie alle so lange nicht treffen zu können, ist hart. Deshalb ist bei ihnen auch die Versuchung, die Maßnahmen zu umgehen, besonders groß. In der Pubertät probiert man sich aus und gesetzte Grenzen werden in Frage gestellt beziehungsweise umgangen. Viele Jugendliche ignorieren daher die gesetzlichen Vorgaben, sie gehen einfach raus und treffen sich. Dies führt zu noch mehr Auseinandersetzungen und Konflikten in der Familie, aber auch zu großer Sorge bei vielen Eltern, ihr Kind könne sich auf diese Weise infizieren.
 
Vielen Dank für das Interview!

Auswirkungen der Corona-Maßnahmen auf Kinder

Hier geht's zu einem weiteren Libelle-Beitrag über die Folgen der Corona-Maßnahmen für Kinder.

Die telefonische Beratungshotline der Stadt Düsseldorf für Eltern, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene ist montags bis freitag von 8 bis 17 Uhr erreichbar unter Telefon 0211.899 53 34. Die Beratung erfolgt freiwillig, streng vertraulich und kostenfrei. Hier gibt es mehr Infos dazu.

Tags: Familien , Kinder , Kontaktsperre

Kategorien: Gesundheit , Erziehung