Gelassen erziehen

Familien unter besonderem Druck

Tanja Römmer-Collmann · 22.06.2021

© Raman Maisei – AdobeStock / Libelle

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Libelle-Serie „Und jetzt?!“: Familientherapeutin Birgit Mewes erklärt, vor welchen Herausforderungen Patchwork-Familien in der Coronazeit stehen.

Manchmal läuft es in der Familie einfach nicht rund, es hakt und knirscht ständig und die Nerven liegen blank. Wolltest du immer schon mal wissen, was eine Expertin oder ein Experte dir dann rät? Die Libelle spricht für die neue Serie „Und jetzt?!“ mit Düsseldorfer Kinder- und Jugendcoaches, Erziehungsberaterinnen und Familientherapeutinnen über typische Familien- und Erziehungsthemen. So erfährst du, was dir in deiner und eurer Situation vielleicht helfen kann.

Nicht einfach in Coronazeiten. Patchwork

Für die neue Folge der Libelle-Serie „Und jetzt?!“ haben wir mit Familientherapeutin Birgit Mewes über die besonderen Herausforderungen für Patchwork-Familien in der Coronazeit gesprochen. Welche Absprachen sind nötig und wie kann die Kommunikation gelingen?

Libelle: Vor welchen Herausforderung stehen Patchwork-Familien derzeit?

Birgit Mewes: Die größte Herausforderung sind die vielen nötigen Absprachen. In normalen Zeiten treffen sich getrennte Eltern vielleicht zwei Mal im Jahr, um mit dem Kalender die Besuchstermine der Kinder zu planen. Durch die sich immer wieder ändernden Kontaktbeschränkungen, die ja eigentlich dem Schutz dienen, verkompliziert sich das Patchwork-Leben ungemein. Die Eltern haben aufgrund immer neuer Absprachen wieder viel mehr Berührungspunkte, alte Kränkungen und Verletzungen können aufflackern. Insofern können sich die Coronamaßnahmen auf Patchwork-Systeme potenziell spaltend auswirken.

Was sind die praktischen Folgen?

Birgit Mewes: Patchwork-Familien sind ja meistens Systeme aus zwei bis vier Familien. Nicht selten leisten auch Großeltern Unterstützung im Alltag. Hier die Regelungen zu den Haushalten zu berücksichtigen, ist nicht ganz einfach. Zumal ja dahinter auch die Sorge um die Gesundheit steht, die natürlich auch Patchwork-Eltern umtreibt. In der Folge beobachten wir eine Art Rückentwicklung von vorher größeren, gut funktionierenden Patchwork-Familien zu kleineren Familiensystemen – zu Weihnachten wurde daher oft wieder in kleineren Familienkonstellationen gefeiert.

Wie geht es Familien damit?

Birgit Mewes: In vielen Patchwork-Familien ist die Kommunikation deutlich angespannter geworden. Homeoffice, Homeschooling, finanzielle Probleme, die Sorge um den Arbeitsplatz und die Gesundheit, sehr eingeschränkte Freizeitmöglichkeiten – da ist viel Druck dahinter. Es gibt mehr Vorwürfe, Eltern versuchen, vom anderen Elternteil etwas einzufordern, durchaus auch vor Gericht. Die Belastungen, die Erwartungen und die Aggressivität steigen. Jetzt, nach inzwischen einem Jahr Corona, beobachte ich auch häufig eine große Erschöpfung, Ermüdung und Resignation bei den Eltern.

Wie geht es den Kindern damit?

Birgit Mewes: Für die Kinder ist das eine sehr schwierige Situation. Da es in den Streitigkeiten ja oft um ihre Besuche geht, fühlen Kinder sich häufig schuldig und denken: „Wenn ich nicht wäre, würden die Eltern nicht streiten.“ Das ist natürlich eine schlimme und sehr belastende Erfahrung. Ängste, Unkonzentriertheit, Aggressionen, Schulprobleme und mehr können die Folgen sein. Manche Kinder nutzen die Differenzen als Druckmittel, um eigene Interessen durchzusetzen, andere versuchen, zu deeskalieren und bieten an, auf die Besuche zum Beispiel beim Vater zu verzichten – aber egal wie, der Loyalitätskonflikt bleibt, denn ein Elternteil ist immer gekränkt ...

Wann läuft es gut in Patchwork-Familien?

Birgit Mewes: Wenn beide Seiten viel Toleranz und Kompromissbereitschaft aufbringen. Wenn jede*r auch mal zu Zugeständnissen bereit ist. Wichtig ist, dass man dem anderen Elternteil vertraut, dass er oder sie ebenso verantwortlich mit dem Kind und dem Thema Gesundheitsschutz umgeht. Wenn Eltern die Bedürfnisse des Kindes zentral in den Blick nehmen, ist natürlich auch viel gewonnen. Zumal Kinder ja von einer offenen Aus- und erfolgreichen Absprache auch sehr viel für ihre eigene Konfliktfähigkeit lernen.

Was, wenn gar nichts mehr geht?

Birgit Mewes: Familien aus Düsseldorf können sich an die Jugend- und Elternberatung der Stadt wenden. Inzwischen sind wir dank Videoberatungen in der Lage, recht kurzfristig Beratungstermine anzubieten. Wir haben aktuell deutlich mehr Anfragen. Die Probleme der Betroffenen sind in der Coronazeit komplexer geworden und ihre praktische und emotionale Not größer. Als Fachkräfte begleiten wir die Familien und helfen ihnen zeitnah, Wege zu finden, sich aus einer schwierigen Situation zu befreien, beziehungsweise erarbeiten mit ihnen neue Möglichkeiten, konstruktiver miteinander umzugehen.

Die Expertin

Birgit Mewes

Birgit Mewes (59) arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Diplom-Sozialarbeiterin sowie psychoanalytisch-systemische Familien-, Paar-, Kinder- und Jugendlichentherapeutin in der städtischen Jugend- und Elternberatung. Sie ist außerdem entwicklungspsychologische Beraterin und schätzt an ihrer Arbeit, dass sie mit vielen verschiedenen Menschen in Kontakt kommt, die sie in ihren unterschiedlichen Fragestellungen, Problemlagen und Krisen unterstützen, entlasten und zu neuen Lösungswegen motivieren kann. Sie selbst ist in zweiter Ehe verheiratet. Mit gemeinsam vier Söhnen, drei Schwiegertöchtern und zwei Enkeln hat sie viel gelebte Erfahrung im Patchwork-System.

Jugend- und Elternberatung der Stadt Düsseldorf

Kostenlose, vertrauliche und freiwillige Beratung für Kinder, Jugendliche, Eltern und pädagogische Fachkräfte

Willi-Becker-Allee 10, 40227 Düsseldorf-Oberbilk
Telefon 0211.899 53 61, www.duesseldorf.de/jugendamt/jeb

Überblick über weitere Beratungsstellen für Eltern, Kinder und Jugendliche in Düsseldorf.


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Tags: Birgit Mewes , Jugend- und Elternberatung , Libelle-Serie „Und jetzt?!“ , Stadt Düsseldorf

Kategorien: Stadtleben , Gelassen erziehen