Erziehung

Eine Frage des Geschmacks

Andrea Vogelgesang · 23.10.2018

© galitsin - stock.adobe.com

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Die Entscheidung für eine vegane Ernährung berührt zentrale ethische Aspekte und muss gerade für und mit Kindern gut überlegt werden.

„Kann ich es überhaupt vertreten, mein Kind zu stillen?“ Diese Frage stellte sich Valentina vor der Geburt ihres ersten Kindes. Als Veganerin verzichtete sie schon mehrere Jahre nicht nur auf Fleisch und Fisch, sondern auch auf Eier sowie sämtliche Milchprodukte. Aber da das Leben ja nun mal mit (Mutter-) Milch beginnt, solange bis Babys in der Lage sind, feste Nahrung zu sich zu nehmen, ließ sich die werdende Mutter beraten – und beruhigen. Denn der  Grund für den Verzicht auf Milchprodukte zielt ja darauf ab, jegliche Grausamkeiten an Tieren, die mit der Produktion von Essen, Kleidung oder medizinischen Versuchen einhergehen, auszuschließen. Demnach erzeugt das Saugen eines Babys an der Mutterbrust mitnichten Tierleid; ganz im Gegenteil verringert es die Produktion künstlicher Milchprodukte. Und: Das Neugeborene wird darüber zu 100 Prozent mit allen wichtigen Nährstoffen versorgt, vorausgesetzt die Mutter achtet auch vollwertige Nahrung.

Kritisch ist die Einstellung der Veganer hingegen gegenüber dem so selbstverständlich gewordenen und steigenden Milchkonsum über das erste Lebensjahr hinaus. Kein Säugetier trinkt ein Leben lang Milch und dazu noch aus artfremder Quelle. Der Verzehr von tierischen Milchprodukten ist weniger eine natürliche als eine kulturelle Erscheinung, der mit der Haltung von Milchkühen vor etwa 12.000 Jahren begann. Noch heute reagiert ein Großteil der Menschen mit Unverträglichkeiten, der sogenannten Laktoseintoleranz.

Valentina machte sich natürlich auch Gedanken über die Stillzeit hinaus, denn sie las einerseits, dass von einer veganen Ernährung für Kinder und Säuglinge abgeraten werde. Diese Befürchtung wird andererseits aufgehoben mit der Berücksichtigung eines vielseitigen Speiseplanes, der für jede Nahrungsform Voraussetzung sein sollte. Dozentin und Oecotrophologin Edith Gätjen, verantwortlich für den Bereich vegetarische und vegane Säuglings- und Kinderernährung der Unabhängigen Gesundheitsberatung in Gießen, betont, dass die Zufuhr hochwertiger Nährstoffe über ein reichhaltiges Angebot wie zum Beispiel Hülsenfrüchte, Vollgetreide, Nüsse oder Ölsamen gewährleistet werden könne. „Zudem muss die Vitamin B12 Substitution bei Schwangeren, Stillenden und Säuglingen gewährleistet werden.“

Auf dem ersten Speiseplan kann ab dem sechsten Monat ein Püree aus Äpfeln, Birnen oder Bananen, gemahlenen, gekochten Cerealien und gut gekochtem Gemüse stehen. Quelle für die wichtigen langkettigen Omega-3-Fettsäuren sind hochwertige Raps-, Lein- oder Hanföle, die man beimischen kann. Ab dem siebten Lebensmonat sind proteinreiche Lebensmittel wie Nüsse, Getreide und Hülsenfrüchte, pürierter Tofu und Sojaprodukte wichtig. Avocados, Samen und Mus liefern zudem gesunde Fette. Angereicherte Soja-Milch, Tahin, Melasse und Soja-Fleisch, auch grünes Gemüse wie Wirsing und Grünkohl tragen zur Calcium-Versorgung bei, Vitamin C begünstigt die ideale Aufnahme von Eisen, das reichlich in Vollkorngetreide und grünem Gemüse steckt.

Warum überhaupt vegan?

Alexej Creutz (28) engagiert sich bei der Organisation „Anonymous for the Voiceless“. Er hat selbst bis vor ein paar Jahren Fisch, Fleisch und Käse gegessen – „und zwar sehr gerne“, betont er. Mittlerweile ernährt er sich vegan und geht für diese Lebensweise auch auf die Straße. „Zu wenige Menschen sind darüber informiert, wie viel Tierquälerei hinter Fleisch-, Milch- und Eiprodukten steckt.“ Es würde sich kaum jemand das eingepferchte Dahinvegetieren in Ställen vor Augen führen oder wissen, dass bei der Schlachtung die Betäubung sehr oft fehlschlägt oder Tiere intentionell ohne Betäubung kastriert oder amputiert werden, dass für die Milchproduktion Kälbchen von ihren Müttern getrennt oder junge Bullen direkt zum Schlachthof aussortiert würden. Creutz: „Genau das alles steht eigentlich gegen die Grundwerte des Menschen. Ich glaube, dass sich über eine vegane Lebensweise hingegen Respekt vor einander, gesundes und leckeres Essen, Achtung und Demut vor der Natur und dem Leben und die Gleichwertigkeit aller Lebewesen verwirklichen lassen.“ Zudem gehe es um Nachhaltigkeit und längst nicht mehr nur um den Schutz, sondern eher schon um Rettung unserer Umwelt.

Untersuchungen zeigen deutlich den positiven Beitrag einer veganen Lebensweise für Umwelt und Klima: Um nur ein Kilogramm Fleisch zu erzeugen, sind sieben Kilogramm Soja als Futtermittel notwendig, für dessen Gewinnung ein immenser Flächenverbrauch mit großflächigen Rodungen im Regenwald als Anbaufläche einhergeht. Weitere Folgen sind Wasserverschmutzung, Gülle und Antibiotikaresistenzen. Dagegen sind die Mengen Soja vergleichsweise gering, die zur Erzeugung von Tofu benötigt werden und die zu großen Teilen aus europäischem Anbau stammen. Und so  ergeben viele Studien, dass die Ernährung der Zukunft pflanzenbasiert sein müsse.

Gesunde und bewusste Ernährung

Sämtliche Nährstoffe, die der menschliche Körper für ein gesundes Leben braucht, können – mit einem gewissen Aufwand – über eine rein pflanzliche Ernährung aufgenommen werden. Auf die Vitamin B12 Zufuhr sollte geachtet werden, doch es kristallisiert sich immer mehr heraus, dass diese auch über Mikroorganismen, die sich außerhalb von Tierkörpern  bilden, gewährleistet werden können. Veganer Creutz gibt zu bedenken, dass die Massentierhaltung kaum mehr etwas mit Nährstoffen oder Vitaminzufuhr zu tun habe und den Fleischprodukten selbst B12 extra zugemischt werde. Außerdem gebe es immer mehr Fleischesser mit B12-Mangel. Selbst Milch wird nur eingeschränkt als Lieferant von Calcium gesehen, wie auch die Ergebnisse einer Harvard University Studie belegen, da sie sauer verstoffwechselt wird und es dadurch zu einer Übersäuerung im Körper kommt. Um wieder in den basischen Bereich zu gelangen, benötigt der Körper Calcium, das wiederum dem Bedarf der Knochen entzogen wird.

Valentina fasst ihre Erfahrungen folgendermaßen zusammen: „Die vegane Ernährungsweise erfordert nicht mehr Aufwand oder Logistk als jede andere bewusste und vollwertige Essenszubereitung auch. Dass man für sein Kind Lebensmittel frisch zubereitet, ist doch in jedem Fall selbstverständlich. Heutzutage gibt es in jedem Supermarkt ein großes Angebot an veganen Produkten, die man also nicht erst selbst aufwendig herstellen muss, so wie früher zum Beispiel Mandelmilch.“


Buchtipp

„Vegane Ernährung: Schwangerschaft, Stillzeit und Beikost “

egan, schwanger und gut versorgt! Dieses Buch gibt fundierte Antworten auf alle Fragen rund um eine vegane Ernährung in Schwangerschaft und Stillzeit bis hin zur Beikost. Dr. Markus Keller und Edith Gätjen, Experten auf dem Gebiet der veganen Ernährung, klären auf über die optimale Nährstoffversorgung für Mutter und Baby, die richtige Lebensmittelauswahl sowie alles Wissenswerte zum Thema Stillen und vegane Beikost. Ein Ratgeber auf Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse mit mehr als 100 vollwertigen Rezepten für beratende Fachkräfte und vegan lebende, werdende Eltern.

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