Erziehung

Bildungs-Liga

Jens Neutag · 10.12.2017

Der Kabarettist Jens Neutag berichtet für die Libelle aus seinem Leben als Vater - diesen Monat hinterfragt er den Sinn von Bildungsstudien.

Seit den unseligen Pisa-Diskussionen geistert in sehr vorhersehbarer Abfolge alle paar Monate eine neue Bildungsstudie durch die Medien. So auch vor Kurzem wieder, denn der IQB-Bildungstrend beweist wohl: Deutsche Grundschüler werden immer schlechter. Sie fallen ab, es ist von einem Fiasko die Rede, von einer Ohrfeige für die Schulpolitiker, nicht zuletzt von einem Denkzettel. Die schöne und zugleich steile These dazu lautet: Unsere Kinder verblöden! Und sofort ist die Treibjagd der öffentlichen Meinungsmache eröffnet, jeder Spacken kann jetzt seine eigene und persönlich gefühlte Erklärung in diesen Missstand hineininterpretieren: Willkommen in der Vorhölle der faktenfreien Meinungs-Diarrhö. Gut, wenn man am Nachmittag an der Bushaltestelle einer Horde bunttornisterter Grundschulkinder beim Reden zuhört, glaubt man ungeprüft jede Komplettverblödungstheorie, doch gönnen wir uns doch einen kurzen Moment der Ruhe und Besonnenheit. Dieselbe Studie hat denselben Grundschulen in allen vorherigen Jahre eine Besserung attestiert. Vielleicht ist die Wachstumsgrenze erreicht? Die Ergebnisse lauten: Im Lesen bleibt alles beim Alten, beim Zuhören, in Mathe und Rechtschreibung sind die Ergebnisse etwas schlechter. Wir reden hier meist über einstellige Prozentpunkte. Das ist belegbar und ein Fakt, aber mit welcher Aussagekraft? Mich erinnern diese Bildungs-Zahlen immer an die mittlerweile völlig aus dem Ruder gelaufene Datenschwemme im Profifußball. Dort wird alles erhoben. Annahme mit links, mit rechts, Zahl der Zwischensprints in ungeraden Spielminuten. Nur was erklären sie denn wirklich, wenn man im Liveticker des Kicker dann liest: „Wahnsinn! Der BVB hat fast 90 Prozent Ballbesitz, aber es steht nach 80 Minuten immer noch 0:0.“ Und am Ende der Grundschule ist man gerade mal maximal in der 40. Spielminute einer Schullaufbahn. Kann man dann nicht noch in der zweiten Halbzeit über den Kampf zum Spiel finden? Und vielleicht kann man tatsächlich mehr vom Profifußball lernen, als man denkt? Der langjährige Leiter der Nachwuchsabteilung des FC Bayern München, also eine der größten Sportbusinesskompanien in Europa, die mit einer einzigen Ablösesumme den Bildungsetat von Bremen weit in den Schatten stellt und vom Prinzip einer Kuschelpädagogik so weit entfernt ist wie Kevin Großkreutz vom Studium philosophischer  Ästhetik, hat neulich mal in einem Interview gesagt: „Eigentlich sollte es bis zur D-Jugend egal sein, ob man gewinnt.“ Weil so hauptsächlich die älteren und körperlich Stärkeren zum Einsatz kommen. Nicht umsonst ist ein Großteil der Fußballprofis im ersten Quartal geboren. Dadurch übersieht man das Potenzial von allen Jüngeren und Spätentwicklern. Wäre das am Ende nicht ein zahlbarer Preis? Wir erkaufen uns mit ein paar Minuspunkten bei der nächsten Bildungsstudie, dass wir das Potenzial der anderen nicht übersehen? Schließlich hört das Lernen nie auf. Nicht einmal nach 13 Schuljahren. Unser Hirn ist zu mehr in der Lage, als wir glauben. Geben wir ihm die Möglichkeit.

Tags: Bildungsstudien , Kolumne

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