Erziehung

Arm dran

Pia Arras-Pretzler · 29.10.2017

© xuserro - pixabay

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Arme Kinder - da denken wir instinktiv an ferne Länder. Dabei erleben auch bei uns in Deutschland fast 20 Prozent der Kinder Armut.

Kinder haben keine Möglichkeit, an ihrer Situation Wesentliches zu ändern. Deshalb sollten Kinder – unabhängig vom Geldbeutel ihrer Eltern – mit allem versorgt sein, was sie brauchen. Wie gut klappt das bei uns?

Als ich mich für den Beitrag zum Thema „Kinderarmut“ meldete, wähnte ich mich auf der sicheren Seite: interessante Recherche-Arbeit und so schlimm wird die Situation hoffentlich nicht aussehen. Immerhin leben wir in einem reichen Land mit einem funktionierenden Sozialsystem. Deutschland rangiert im internationalen Ländervergleich des Pro-Kopf-Einkommens auf Platz 6. Wir sollten es uns also definitiv leisten können, den Schutzlosesten in unserer Gesellschaft einen guten Start ins Leben zu ermöglichen. Schon aus eigenem Interesse. Dachte ich mir. Im Lauf meiner Ermittlungen wurde mir jedoch zunehmend klar: Auch wenn sich im Netz, auf Papier und im echten Leben vielfältige Hilfen für Kinder aus armen Familien finden lassen, selbst wenn hier in Deutschland vermutlich wirklich kein Kind schlimmen Hunger leidet, hat Armut viele Gesichter. Und für Kinder gravierende Folgen.

Armut ist relativ
Fast jedes fünfte Kind in Deutschland gilt als arm oder armutsgefährdet. „Arm“ ist dabei keine konkrete Größe, sondern relativ: Wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat, gilt als arm. Für eine vierköpfige Familie liegt die Armutsschwelle bei einem Nettoeinkommen von etwa 2000 Euro monatlich. Der Staat unterstützt mit etwa 150 familienpolitischen Maßnahmen, die sich in die Bereiche Geldleistungen, Zeit und Infrastruktur untergliedern. Zur Zeitpolitik würde man etwa den Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit oder die Regelungen zur Elternzeit rechnen, zu Infrastruktur das große Thema Betreuung und Kitas. Im Vergleich zu anderen Ländern konzentriert sich die Familienpolitik in Deutschland stark auf den Bereich Geldleistungen.

Formulardschungel
Weil sich die vielen einzelnen Fördermaßnahmen im Lauf der Zeit entwickelt haben, deshalb nicht aus einem Guss und außerdem für bestimmte Gruppen oder Lebenssituationen gedacht sind, ergibt sich ein unüberschaubarer Wust an Zuständigkeiten und Formularen. „Familien sind damit oft schlicht und einfach überfordert“, weiß Eva Fischer, Pressesprecherin der Düsseldorfer Kindertafel. Die Kindertafel ging aus der Düsseldorfer Tafel hervor, die als eine der ersten Deutschlands vor 22 Jahren gegründet wurde. Die Tafel sammelt Lebensmittelspenden und verteilt sie an neun Ausgabestellen an Bedürftige. Anders agiert die Kindertafel, die im Oktober ihr zehnjähriges Bestehen gefeiert hat. „Wenn man in diesem Zusammenhang von ‚feiern‘ sprechen kann“, schränkt Eva Fischer ein. „Wir haben damals gemerkt, dass sich viele Familien das Schulessen nicht mehr leisten können. So entstehen Schulden und Scham, andere melden ihr Kind gleich von der OGS ab.“ Dadurch verliert so ein Kind gleich mehrere Chancen – nicht nur die gemeinsame warme Mahlzeit mit den Freunden fällt weg, sondern damit der gesamte Nachmittagsbereich mit all seinen Angeboten und Möglichkeiten. Die Tafel arbeitet eng mit den Schulen zusammen und bezahlt in solchen Fällen still und heimlich das Essensgeld. „Die Kinder wissen oft gar nichts davon.“ Dafür ist die Kindertafel auf Geldspenden angewiesen.

Je mehr, desto ärmer
Auch Maike Deckert von der Freizeiteinrichtung "Die Arche" in Düsseldorf erzählt Ähnliches: „Wir betreuen eine fünfköpfige syrische Familie, die aus der Flüchtlingsunterkunft in eine eigene Wohnung ziehen konnte. Die Familie brauchte dringend eine Waschmaschine, die Wäsche stapelte sich schon. Da konnten wir nicht wochenlang warten, bis alle Anträge ausgefüllt und genehmigt sind, wir mussten schnell handeln und konnten schließlich über eine Geldspende von einer Firma das Gerät zur Verfügung stellen.“ So helfen solche Vereine schnell und unbürokratisch – oft mit großem persönlichem Einsatz, der in keiner Statistik erscheint. Das höchste Armutsrisiko haben Kinder, die mit einem alleinerziehenden Elternteil aufwachsen, und Kinder mit vielen Geschwistern. Laut Bertelsmann-Stiftung ist Kinderarmut in NRW sehr unterschiedlich verteilt – am höchsten ist sie in den Städten. Düsseldorf liegt mit 21,5 Prozent im deutschen Durchschnitt, Spitzenreiter ist Gelsenkirchen mit 38,5 Prozent, während sich die Werte in ländlichen Bereichen um die acht Prozent bewegen.

Fahrstuhl nach unten
Die Folgen von Armut sind für Kinder gravierend: Statistisch gesehen werden arme Kinder häufiger krank, im Kindergarten wirken sie schüchterner und suchen im Vergleich weniger den Kontakt zu Gleichaltrigen, mehr als die Hälfte der armen Kinder im Vorschulalter hinken ihren wohlhabenden Altersgenossen in ihrer sprachlichen Entwicklung hinterher und haben geringere Chancen auf einen regulären Übertritt in eine Regelschule. Wohlgemerkt, wir sprechen hier von Kindergartenkindern. Die Bundeszentrale für politische Bildung formuliert die Gefahr von lang anhaltender Armutserfahrung für Kinder so: „Je früher, je schutzloser und je länger Kinder einer Armutssituation ausgesetzt sind, desto rasanter fährt der Fahrstuhl nach unten und umso geringer wird die Möglichkeit, individuell die eigentlichen Potenziale herauszubilden und Zukunftschancen zu bewahren.“

Beziehungen schützen
Schutzfaktoren für finanziell benachteiligte Kinder sind ein sicheres, wertschätzendes Umfeld – nicht nur innerhalb der Familie. So bilden Kindertagesstätten, Nachmittagsangebote im Rahmen der OGS und Freizeiteinrichtungen eine wesentliche Basis, um Kinder unabhängig vom Geldbeutel der Eltern zu fördern. Darin sieht auch Maike Deckert von der Arche in Wersten ihre Hauptaufgabe: „Armut drückt sich ja nicht nur in finanzieller Knappheit aus, sondern auch in einer Überforderung der Eltern, die einfach nicht in der Lage sind, ihren Kindern die Liebe und Aufmerksamkeit zu schenken, die sie brauchen.“ Fördermaßnahmen wie das Bildungs- und Teilhabepaket sollten dafür sorgen, dass auch arme Kinder etwa in den Genuss von Musikunterricht und Nachhilfe kommen. Große Teile der bereitgestellten Summen werden aber nicht abgerufen, weil Eltern davon entweder gar nichts wissen, ihnen der bürokratische Aufwand zu groß ist, oder auch, weil sie sich schämen, um Hilfe zu bitten. So liegen in NRW laut Rheinischer Post (12.09.2017) pro Jahr ganze 58 Millionen Euro brach. Der Rat für kulturelle Bildung empfiehlt deshalb dringend eine Reform dieses Systems: leichteren Zugang, vereinfachte Verfahren.

Geld für alle
Noch weiter gehen Verbände wie der Kinderschutzbund oder UNICEF: Sie wünschen sich mittelfristig die Einführung einer Kindergrundsicherung, bei der Kinder unabhängig von ihren Lebensverhältnissen etwa 500 Euro im Monat bekommen. Der Kinderschutzbund zweifelt zudem an den positiven Einschätzungen der Regierung aus dem 3. Armuts- und Reichtumsbericht: Demnach gehört Deutschland zu den OECD-Staaten, in denen „die Ungleichheit der Markteinkommen durch Steuern und Sozialtransfers am stärksten reduziert wird.“ Der Kinderschutzbund gibt aber zu bedenken, dass die entsprechenden Daten in einer freiwilligen Umfrage – im Gegensatz zu zufällig ausgewählten Teilnehmern – erhoben wurden, auf sehr komplexen Fragebögen, die zudem nur in deutscher Sprache zur Verfügung standen. Bildungsferne Personen und Menschen mit Migrationshintergrund wurden also nicht erfasst, weshalb sich ein verzerrtes Bild ergibt: „Studien der UNICEF und der OECD kommen zu dem Schluss, dass Deutschland bei der Bekämpfung von (Kinder-)Armut durch sozial- und familienpolitische Maßnahmen im Mittelfeld und keineswegs in der Spitzengruppe betrachteter OECD-Länder liegt.“

Schiefes Bild
Aha. Und wie gehen wir mit dem ausgesprochenen oder im Verborgenen gehegten Vorwurf um, die Gelddusche der Kindergrundsicherung käme vielleicht gar nicht immer bei den Kindern an? Damit bringt man den Kinderschutzbund richtig auf die Palme, und er verteidigt in einem Positionspapier das seiner Meinung nach völlig falsche Bild, das die Medien vom typischen Hartz-4-Empfänger zeichnen: „Ein unreflektiertes, unrelativiertes und verzerrendes Bild der tatsächlichen Begebenheiten. Tatsächlich zeigen Studien, dass die missbräuchliche Inanspruchnahme sozialer Leistungen nur in zwei bis drei Prozent aller Bedarfsgemeinschaften stattfindet. Zum Vergleich: Die Schadenssumme durch Steuerhinterziehung fällt um ein Vielfaches höher aus.“ Auch Anne Lenze, Professorin für soziale Sicherung, Hochschule Darmstadt, schlägt in dieselbe Kerbe: „Der Verdacht, dass Geld bei Kindern nicht ankommt, bestätigt sich in Studien nicht: Dort wird gezeigt, dass Eltern eher bei ihren eigenen Bedürfnissen sparen. Es gibt Gegenbeispiele mit Familien mit Suchterkrankungen, aber für solche Familien ist das Jugendamt zuständig. Üblicherweise versuchen arme Eltern alles zu tun, damit ihre Kinder die Armut so wenig wie möglich spüren.“

Einfach machen
Dennoch setzt der Kinderschutzbund auf ein duales System aus Geldleistungen und Infrastruktur, er fordert sowohl die mittelfristige Einführung der Kindergrundsicherung als auch die Erweiterung von Betreuungsmöglichkeiten für Kinder. In der Zwischenzeit arbeiten Eltern, Lehrer und Sozialarbeiter so gut sie können mit dem System, das uns im Moment zur Verfügung steht. Und was können wir tun? Unser Tipp für alle, die sich einbringen wollen: sich im Stadtteil umsehen und konkret Hilfe anbieten. Wovon wir uns meiner Meinung nach freimachen sollten: erstens von der Illusion, dass eigentlich ja alles gut ist. Danach von dem Zweifel, ob unsere Hilfe jetzt wohl den Richtigen trifft. Strategisch denken können wir, wenn es um viele Menschen und/oder große Summen geht. Im Alltag dürfen und sollen wir einfach helfen, wenn immer uns Hilfe nötig erscheint. Weil so ein freundliches, gutes Miteinander entsteht. Und damit ein Klima, in dem es einfacher wird, Hilfe anzubieten – und anzunehmen.

Woran es fehlt
Essensgeld
Material für die Schule
Geld für Kindergeburtstage
Eigenes Zimmer und Platz zum Lernen und Spielen
Kulturelle Erfahrungen (Musikschule, Theater)
Aufmerksamkeit, förderndes Umfeld in der Familie

Geld vom Staat
Eltern, die trotz Arbeit nur knapp über der Grundsicherungsgrenze liegen, können Kinderzuschlag von bis zu 140 Euro pro Monat bekommen. Auch Wohngeld kann beantragt werden.
Hartz-IV-Empfänger erhalten neben dem Regelsatz einen Kinderanteil bei den Zahlungen für Unterkunft und Heizung, Mehrbedarfszuschläge für Schwangere und Einmalleistungen für Wohnungserstausstattung, Erstausstattung für Bekleidung und mehrtägige Klassenfahrten.
Kinder aus Familien mit geringem Einkommen haben zudem einen Anspruch auf Leistungen für Bildung und Teilhabe: etwa Unterstützung bei Klassenfahrten, Essensgeld, Musikschule.
Die Höhe der Hartz-IV-Unterstützung ist umstritten – Sozialverbände kritisieren, dass die Monatssummen zu niedrig bemessen sind. Dabei wurde der Eck-Regelsatz zu Beginn des Jahres angehoben: von 404 auf 409 Euro für Erwachsene. Die höchste Steigerung erfuhren die Beträge für Kinder zwischen sechs und 14 Jahren: mit jetzt 291 Euro im Vergleich zu 270 Euro pro Monat. Bei Kindern unter fünf blieb der Satz von 237 Euro unverändert.
Für Geflüchtete gilt das Asylbewerberleistungsgesetz, abhängig von der Lebenssituation und dem Alter der Kinder. Alleinstehende in Sammelunterkünften bekommen monatlich 143 Euro Taschengeld, zusammenlebende Partner je 129 Euro, Kinder je nach Alter zwischen 84 und 92 Euro. In einer eigenen Wohnung wird der Bedarf für Unterkunft, Hausrat und Heizung gedeckt, zudem erhalten Erwachsene zusätzlich um die 200 Euro, Kinder bekommen je nach Alter zwischen 133 und 198 Euro dazu. Ist ein Flüchtling länger als 15 Monate im Land, stehen ihm bei Bedürftigkeit Leistungen auf Sozialhilfe-Niveau zu.

Was tun?
Zeit schenken und Patenschaften übernehmen, etwa im Programm „Balu und Du“, oder sich in einer Freizeiteinrichtung ehrenamtlich engagieren.
Augen offen halten: Gibt es jemanden in meiner Umgebung, den ich unterstützen könnte?
Ein offenes, wertschätzendes Klima schaffen: etwa Unterstützungsmöglichkeiten für Klassenfahrten im Vorfeld neutral ansprechen und anbieten, im Sportverein nachfragen, ob jemand die teure, aber nun zu kleine Ausrüstung brauchen könnte …
Geldspenden: Zum Beispiel an die großen Wohlfahrtsverbände und Vereine wie Caritas, Diakonie, SOS Kinderdorf, … – aber auch Aktionen in Schulen und im eigenen Viertel.
Sachspenden: Noch tragbare Klamotten, Möbel, Hausrat und Spielsachen nehmen etwa die Fairhäuser der Diakonie oder das Kaufhaus Wertvoll der Caritas entgegen, nach Anfrage auch Einrichtungen wie die Arche in Wersten.

Tags: Kinderarmut , Libelle-Thema

Kategorien: Erziehung