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Wenn wohnen krank macht

 

Brennende Augen, hartnäckiger Hustenreiz, stechende Kopfschmerzen: Schadstoffe in Möbeln, Teppichen und Farben können Allergien und Krankheiten auslösen. Baubiologen raten deswegen: „Chemikalien raus aus dem Kinderzimmer!"

 

Die jungen Bewohner sind besonders empfindlich auf „unbemerkte Untermieter“. Ob Formaldehyd,  Glykole oder Biozide ­– Umweltgifte lauern überall in der Wohnung. Da Kinder aufgrund ihres schnellen Stoffwechsels proportional zu ihrer Körpergröße mehr Schadstoffe aufnehmen können als Erwachsene, sollte das Reich der jungen Bewohner möglichst frei von toxischen Elementen bleiben.

 

Baubiologen wie Michael Thiesen aus Hoer-Grenzhausen (siehe auch Interview) raten deshalb stets zur natürlichen Einrichtung im Kinderzimmer – ob Möbel, Bodenbelag, Textilien, Spielzeug oder Farben. Das Argument „Wenn es in Deutschland verkauft wird, muss das doch in Ordnung sein“ stimmt nämlich nicht. Das bestätigt auch Kinderzimmermöbel-Experte Jörg De Breuyn. „Es gibt einen Unterschied zwischen schadstofffreien und schadstoffarmen Möbeln.“ Das sei ein großer Unterschied. Denn die gesetzlichen Grenzwerte seien mit Vorsicht zu genießen. „Gesetzliche Grenzwerte basieren auf der Dosis für den betreffenden Stoff und bieten sicherlich eine Orientierung. Allerdings gilt dies nur für die Wirkung des einzelnen Stoffes auf den Menschen“, so der geprüfte Baibiologe Thiesen. In der Regel finden sich aber in Innenräumen eine Vielzahl von Umweltgiften und andere Stressfaktoren wie Elektrosmog. Diese synergetische Wirkung werde in den gesetzlichen Grenzwerten aber nicht berücksichtigt. Deshalb lieber öfters hinschauen.

 

Von der Decke bis zum Boden

Bei Textilien wie Bettwäsche oder Vorhänge rät Michael Thiesen, gänzlich auf synthetische Inhaltsstoffe zu verzichten. Er warnt bei künstlichen Stoffen sogar vor einem sogenannten 'Gewitterklima'. „Kein Witz“, sagt er. „Im Extremfall können sie eine solch starke Ladung entwickeln, dass sie von alleine leuchten.“ Computer, Fernseher oder schnurlose Telefone haben in Kinderzimmern nichts zu suchen. Aber auch der Radiowecker oder die schöne rosa Lichterkette am Bett sei aus baubiologischer Sicht als kritisch zu beurteilen, so Thiesen.

 

Beim Boden befürworten Baubiologen ein Belag aus unbehandelten Naturstoffen wie Holz oder Kork. Wer sich allerdings für einen Teppich entscheidet, sollte darauf achten, dass er nicht mit Bioziden gegen Motten- und Käferfraß in Berührung kam.

Kinder verbringen die Hälfte des Tages im Bett. Deshalb auch hier: Die beste Wahl sind ökologische metallfrei verarbeitete Matratzen aus Schafswolle, Rosshaar, Kokos, Kapok oder Naturlatex. Das Gestell sollte nicht aus Metall, sondern im Idealfall aus unbehandelten Vollholz bestehen, das allenfalls lösemittel- und schadstofffrei gewachst oder geölt wurde. Bezahlt machen sich auf Dauer mitwachsende oder variable erweiterbare Einrichtungsstücke. „Biomöbel müssen auch nicht zwingend teuer sein“, sagt Jörg De Breuyn. Denn eine weiß lackierte Oberfläche an einem Babybett sei generell teurer als eine Gewachste. Allerdings warnt er auch vor zu günstigen Schnäppchen. Schadstofffreie Vollholzmöbel haben ihren Preis. Sparfüchsen seien gewarnt: Billige Angebote stammen meist aus Asien, die nach Europa importiert werden. „Die Möbel müssen mit Pestiziden behandelt worden sein, sondern würde das Holz auf dem Transportweg verotten“, so De Breuyn.

 

 

 

Trend: Weiß
Helle Kindermöbel sind derzeit der Liebling der Käufer. Biologisch nicht zwingend gefährlich, aber bedenklich. „Babys lutschen halt hier und da an ihren Betten herum und können die weiß lackierte Oberfläche anknabbern“, berichtet der Möbel-Experte. Allerdings sei das aus seiner Erfahrung bei der Dosis nicht zwingend riskant. Aber Eltern sollten sich dem bewusst sein. Auch bei Möbeln, die nicht aus Europa stammen, sollten Eltern genauer hinschauen.

 

Kontrolle ist besser
Umweltlabels wie „Der Blaue Engel“ sollen unwissenden Verbrauchern Sicherheit geben. Michael Thiesen befürwortet solche Labels ausdrücklich. Allerdings sei reines Vertrauen auch hier unangebracht. „Denn auch „Der blaue Engel“ kann eine persönliche Disposition zu einer Allergie nicht wissen“, gibt er zu Bedenken. Zum Beispiel seien Formaldehyd und sogenannte Isothiazolinone laut der Vergabegrundlage des „Blauen Engels“ in Wandfarben erlaubt. Dabei werde eines dieser „erlaubten“ Isothiazolinone von der EU als gesundheitsschädlich eingestuft. Thiesen rät deshalb konsequent zu biozidfreien Naturfarben mit Volldeklaration. Erst dann könne jeder die Inhaltsstoffe nachvollziehen.

 

Was ist das Giftigste?
Eine Bewertung der Schadstoffe hält der Baubiologe für schwierig. „Hormonelle wirksame oder krebserzeugende Schadstoffe sind natürlich riskant. Aber mit Asthma oder Depressionen werden sie auch nicht glücklich“, sagte er. Bezüglich der Schadstoffbelastung rät der Experte zum Vorsorge- oder Minimierungsprinzip. „Möglichst Wenige und bei Unsicherheiten lieber verzichten“, sagt er. Nicht dass die Kinder ihren neuen Schrank sonst
buchstäblich zum „Kotzen“ finden.

TEXT: Stefanie Wille, FOTOS (6) (Copyright: Pixelio)